Ethik-Experten kritisieren Debatte um Terri Schiavo

Nachricht 22. März 2005

Hannover (epd). Der Fall der amerikanischen Wachkoma-Patientin Terri Schiavo zeigt nach Ansicht von Ethik-Experten, wie notwendig, schwierig und strittig eine Patientenverfügung ist. "Sie ist entlastend und hilfreich, aber sollte möglichst an eine Vorsorgevollmacht gekoppelt sein", sagte Andrea Dörries, Direktorin des Zentrums für Gesundheitsethik der hannoverschen Landeskirche. Die Medizinerin kritisierte, wie die Debatte um das Leben Schiavos in den USA geführt wird.

Terri Schiavo liegt seit 1990 im Wachkoma und muss künstlich ernährt werden. Ihr Ehemann sagt, seine Frau habe ihm versichert, im Fall einer schweren Krankheit nicht endlos künstlich ernährt werden zu wollen. Dagegen sehen die Eltern Verbesserungen im Gesundheitszustand ihrer Tochter. Nachdem die künstliche Ernährung der 41-Jährigen am Freitag eingestellt worden war, unterzeichnete Präsident George W. Bush ein Sondergesetz, wonach ein Bundesgericht den Fall neu aufrollen kann. Am Dienstag hat ein Bundesrichter gegen den Eilantrag der Eltern entschieden, die künstliche Ernährung wieder aufzunehmen.

Es sei unerträglich, Politikern ein Video der Patientin vorzuführen und von ihnen per Ferndiagnose eine Entscheidung über die Fortsetzung der künstlichen Ernährung zu verlangen, sagte Dörries: "So einfach ist die Sache nicht." Die Ärztin hat auch an der neuen Schrift der Evangelischen Kirche in Deutschland "Sterben hat seine Zeit" mitgewirkt, in der es um Empfehlungen für Patientenverfügungen geht.

"Für eine gute Urteilsfindung braucht man eine große persönliche Nähe, um alle wichtigen Aspekte und Eindrücke erfassen zu können", betonte Dörries. Dazu gehörten Gespräche mit allen Beteiligten wie Ehemann, Eltern, Ärzten und Pflegenden, ergänzte ihr Mitarbeiter, Pastor Ralph Charbonnier. Deshalb seien Ratschläge von Außenstehenden in die eine oder andere Richtung ethisch auch nicht zu verantworten.

Wachkoma-Patienten seien ohne Bewusstein, weil das Großhirn geschädigt sei, sagte Dörries: "Damit sind sie aber keinesfalls hirntot." Nach Ansicht von Medizinern ist Schiavo deshalb auch kein sterbender, sondern ein behinderter Mensch. Diese Patienten seien in der Ernährung mit kleinen Kindern vergleichbar, die rund um die Uhr versorgt werden müssen, sagte Charbonnier. Hier werde die prinzipielle Abhängigkeit eines Menschen von seinen Mitmenschen deutlich, die in einzelnen Lebensphasen unterschiedlich ausgeprägt sei.

Dörries zufolge ist es extrem unwahrscheinlich, dass Terri Schiavo noch einmal aus dem Koma aufwacht. Ihr mutmaßlicher Wille könne deshalb nur im Konsens von allen Beteiligten festgestellt werden. Eine Vorsorgevollmacht sei dabei sehr hilfreich. "Es kann aber keine grundsätzlichen Regeln für alle geben", sagte Dörries. Nach Ansicht der evangelischen Kirche sollte im Zweifelsfall immer für das Leben entschieden werden. (epd Niedersachsen-Bremen/b0898/22.03.05)

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