"Rechtsextremismus großer Aberglaube unserer Zeit"

Nachricht 15. Februar 2005

Aussteiger warnt in kirchlicher "Tacheles"-Talkrunde vor Neonazis

Von Dieter Sell (epd) =

Verden (epd). Für Matthias Adrian war der Schritt vom stockkonservativen Elternhaus in die rechtsextreme Szene nicht weit. Als Kind glaubt er seinem Opa, der von Hitler schwärmt. Als Teenager liest er die "Nationalzeitung", gründet bald seine erste Kameradschaft, grölt Nazi-Parolen und will mit Anfang 20 im Braunhemd Deutschland retten. Bei der kirchlichen Talkrunde "Tacheles vor Ort" in Verden bei Bremen berichtete er am Dienstag von seinem Ausstieg aus der Neonazi-Szene.

Vor Jugendlichen informierte der heute 29-Jährige in der vollbesetzten evangelischen Johanniskirche im Auftrag der Berliner Aussteiger-Organisation "Exit" über Nazi-Propaganda, Glatzen und rechte Sympathisanten. Sie sind es, die seit rund einem Jahr im Dreieck zwischen Verden, Rotenburg und Bremen unter Schülern verstärkt Flugblätter verteilen. Und so lautet der Titel der Diskussionsrunde auch "Verden als Brandherd des neuen Rechtsextremismus". Dieser sei "der große Aberglaube unserer Zeit", ist Adrian überzeugt.

Erst vor fünf Jahren habe er erkannt, dass die Neonazis nichts anderes seien "als ein Haufen ständig betrunkener Kleinkrimineller" mit menschenverachtender Ideologie. Die Frage des Moderators nach ihren Erkennungszeichen beantwortet Adrian nicht nur mit Springerstiefeln, Glatzen und Bomberjacken. "Rechtsextrem ist man nicht auf dem Kopf, sondern im Kopf", sagt der gebürtige Südhesse und rät, genau hinzuhören, was die Faschisten sagen.

Männern wie dem rechtsextremen Anwalt Jürgen Rieger gehe es darum, "Räume zu besetzen", warnt Adrian. Rieger hat im April vergangenen Jahres den "Heisenhof" bei Verden ersteigert. Nun will er das ehemalige Landgut zum überregionalen Stützpunkt für Neonazis ausbauen, um von dort aus unter anderem Flugblattaktionen an den Schulen der Region zu starten. Doch in der Talkrunde wird schnell klar, dass die breite Mehrheit der Bürger das nicht widerspruchslos hinnimmt. "Wir schöpfen alle Rechtsmittel aus", betont der zuständige Ortsbürgermeister Rainer Herbst (CDU).

Viele Jugendliche im Publikum bekräftigen ihre Bereitschaft, friedlich gegen die Rechtsextremen zu demonstrieren. Der evangelische Theologe Hartmut Bartmuß appelliert aber auch an die Politik, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Nur so könne den Neonazis der Nährboden entzogen werden. Zum Schluss sind sich alle auf dem Podium einig: Die Demokratie habe die besseren Argumente als die Rechtsextremen. Sie müsse allerdings Grenzen ziehen, Angebote für den Ausstieg machen und Flagge zeigen. So wie beim "Aktionstag gegen Rechts" am 2. April in Verden.

Die Talkrunde "Tacheles vor Ort" soll insbesondere junge Leute in niedersächsischen Städten mit aktuellen Themen auf den Deutschen Evangelischen Kirchentag Ende Mai in Hannover aufmerksam machen. Die nächste Veranstaltung ist am 22. Februar in Braunschweig geplant und soll sich mit der Manipulation durch Medien beschäftigen. (Internet:
www.arbeitstelle-kirchentag.de). (epd Niedersachsen-Bremen/b0540/15.02.05)
Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen