Okkulte "Thelema"-Gruppe beunruhigt Menschen im Wendland

Nachricht 10. Februar 2005

Experten berichten von Gewaltanwendung gegen Mitglieder

Von Karen Miether (epd)

Bergen/Kr. Lüchow-Dannenberg (epd). Die okkulte "Thelema Society" beunruhigt die Menschen in Bergen/Dumme im Wendland. 450 Besucher kamen am Mittwochabend zu einem Informationsabend über mögliche Gefahren, die von der Gruppe ausgehen, ins Schützenhaus des 1.000-Einwohner-Ortes.
Seit 20 Jahren hat die Gruppe ihren Sitz in Bergen. Rund 30 Mitglieder sollen dort in verschiedenen Wohnungen leben. Insgesamt gehören nach Einschätzung von Experten zwischen 100 und 130 Mitglieder zum Kern der "Thelema Society".

Deren Gründer Michael Dietmar Eschner, der sich als Wiedergeburt des britischen Satanisten Aleister Crowley sieht, wurde 1992 zu sechs Jahren Haft verurteilt. Er hatte eine Anhängerin vergewaltigt und mit Zigarettenglut gefoltert. "Die selben Formen der Gewaltanwendung haben sich wiederholt", sagt Ortrud Glowatzki vom Frauenhaus in Lüchow, die Aussteigerinnen begleitet hat: "Es kommt zu massiven Grenzüberschreitungen, die Menschen zerstören."

Für Außenstehende seien die Vorgänge in der okkulten Gruppe nicht durchschaubar, berichtet der Weltanschauungsbeauftragte der hannoverschen Landeskirche, Jürgen Schnare. Deren Angebote kämen zunächst "verlockend und menschenfreundlich daher". Es werde von Liebe und Unsterblichkeit geredet. In Wahrheit gehe es um rücksichtslosen Egoismus mit gefährlichen Praktiken.

Sämtliche Stühle sind besetzt, als die Experten erzählen. An den Wänden stehen Besucher dicht gedrängt. Nicht alle können in den völlig überfüllten Saal gelangen. "Mit dieser Resonanz haben wir nicht gerechnet", sagt der evangelische Pastor Stefan El Karsheh aus Lüchow.
Er gehört zu einem Arbeitskreis mit Vertretern aus Schulen, Kirche, Frauenhaus, Jugendpflege und Polizei, der zu dem Abend eingeladen hat.
"Einige Menschen in Bergen sind ängstlich und fühlen sich ohnmächtig."

Vertreter der "Thelema Society" sind zwar im Publikum, auf dem Podium aber wird ihnen kein Platz eingeräumt. Federico Tolli, Szene-Kenner und Leiter einer katholischen Freikirche in Köln, ist überzeugt, dass die streng hierarchisch organisierte "Thelema"-Gruppe vor allem für ihre Mitglieder selbst gefährlich ist. Dennoch ist man in Bergen wachsam. Während die "Thelema"-Gruppe im Sommer ein Festival veranstaltet hat, war auch die Kirche im Ort zu Andachten und Informationen geöffnet.

Nachdem vor Jahren eine Frau über einen Meditationskurs der Volkshochschule zur "Thelema Society" geraten war, gebe es erhöhte Vorsicht, wird berichtet. Die Namen der Gruppenmitglieder seien bei der Volkshochschule bekannt. Heute werben Okkult-Gruppen nach Ansicht des Journalisten Rainer Fromm vor allem über das Internet.

Rund 6.000 Nutzer seien auf einer virtuellen Plattform registriert, berichtet der Wiesbadener, der sich seit 15 Jahren mit der Szene beschäftigt. Problematisch sei die Vernetzung der Gruppen: "Vom harmlosen esoterischen Anbieter gelangt man per Mausklick in eine sehr gefährliche Gruppe." (epd Niedersachsen-Bremen/b0474/10.02.05)

Das aktuelle Stichwort: Thelema-Society

Bergen/Kr. Lüchow-Dannenberg (epd). Die "Thelema Society" ist eine Okkultgruppe, die seit 20 Jahren ihren Sitz im niedersächsischen Bergen/Dumme hat. Sie wurde 1982 zunächst als Thelema-Orden des Argentum Astrum e.V. von Michael Dietmar Eschner in Berlin gegründet. Der 55-Jährige ist bis heute Kopf der Gruppe.

Die Thelema-Society beruft sich auf den englischen Begründer des neueren Satanismus, Aleister Crowley (1875-1947), und sein Standardwerk "Liber Al vel Legis". Eschner sieht sich als Wiedergeburt Crowleys.
Dessen Leitidee lautet: "Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz."
Entsprechend macht die Thelema-Society den Menschen zum Maß aller Dinge, der seine verborgene Göttlichkeit entfalten kann.

Gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen behindern nach den Überzeugungen die Entfaltung. Beim Streben nach neuen Daseinsformen spielen auch sexual-magische Praktiken eine Rolle. Aussteigerinnen berichten von sexueller Gewalt. In einem Ekeltraining müssten Kot und Urin konsumiert werden. Eschner wurde 1992 zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er eine Anhängerin vergewaltigt und mit Zigarettenglut gefoltert hatte.

In den letzten Jahren versucht die Thelema-Society verstärkt, esoterisch interessierte junge Menschen anzusprechen. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Internet. Zudem veranstaltet die Gruppe in größeren deutschen Städten und in Bergen/Dumme Treffen Workshops, Vorträge und Rituale. (epd Niedersachsen-Bremen/b0468/10.02.05)

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