Notfallseelsorger begleiten weiterhin Opfer des Seebebens

Nachricht 28. Januar 2005

Wenn die Albträume nicht verschwinden - Notfallseelsorger begleiten weiterhin Opfer des Seebebens

Von Dieter Sell (epd)

Bremen (epd). Mitten in der Nacht rast das Herz, wenn die Todeswelle als Albtraum durch den Kopf rollt. Einen Monat nach dem Seebeben im Indischen Ozean ist die Katastrophe für viele Betroffene längst nicht ausgestanden. Wer sie überlebt hat oder einen Angehörigen vermisst, wird die Bilder nicht mehr los. "Schlafstörungen sind in solchen Situationen die normale Reaktion auf außergewöhnliche Ereignisse", sagt der Bremer Notfallseelsorger Peter Walther.

Bundesweit gehen die Behörden von etwa 600 vermissten Deutschen aus.
Nach der verheerenden Flutwelle in Südostasien fehlt von ihnen bisher jede Spur. In Bremen sind es laut Polizei sieben. "Jetzt ist die Begleitung der Familien dieser Vermissten gefragt", betont Walther, der das Kriseninterventionsteam beim Innensenator der Hansestadt leitet. Bei Bedarf sind die Notfallseelsorger rund um die Uhr erreichbar, wenn die bedrückenden Erinnerungen in Belastungsstörungen umschlagen.

Nach dem starken Gefühl einer inneren Leere als erste Reaktion auf Katastrophen folgen nach den Erfahrungen des evangelischen Theologen oft Angstgefühle. "Sie kommen erst nach und nach, wenn man das Unglücksgeschehen an sich heran lässt, wenn es innerlich wiedererlebt wird. Die Bilder können so realistisch sein, dass man das Gefühl bekommt, jetzt passiert es wieder."

Die Angst kann in Ratlosigkeit und körperliche Beschwerden wie Zittern, Schweißausbrüche, Kopfschmerzen, Herzklopfen, Übelkeit, Schlafstörungen und Verspannungen münden. Die Mitglieder des Krisen-Interventions-Teams helfen in diesen Situationen, Gedanken und Gefühle zu sortieren, hören zu, halten die Anspannung mit aus. "Auch wenn es schwer fällt, hilft es, die Gedanken, Gefühle und Erlebnisse mit anderen zu besprechen und zu teilen", rät Walther.

Doch der Notfall-Experte warnt davor, Betroffene vorschnell als Kranke abzustempeln. Körperliche und emotionale Reaktionen oder ein verändertes Verhalten auf Ausnahmesituationen seien normal. Jetzt allerdings, einen Monat nach der Katastrophe, müssten die Belastungen deutlich abnehmen. "Wenn das nicht geschieht, sollte untersucht werden, ob therapeutische Hilfe nötig ist."

Manche Vermisstenfälle werden wohl nie aufgeklärt. Den Betroffenen will die Bremer Notfallseelsorge mit einem ökumenischen Gottesdienst am kommenden Sonntag, dem 30. Januar, ab 16 Uhr in der evangelischen St.-Martini-Kirche zur Seite stehen. Der Titel des Gottesdienstes:
"...wie Licht in der Nacht." (epd Niedersachsen-Bremen/b0283/26.01.05)
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