Turm der Göttinger Johanniskirche zerstört

Nachricht 24. Januar 2005

Von Reimar Paul (epd)

Göttingen (epd). Rund um die Johanniskirche im Göttinger Stadtzentrum riecht es auch am Montagmorgen noch nach Rauch. An den rot-weißen Absperrbänden haben Fußgänger auf dem Weg zur Arbeit oder zum Winterschlussverkauf Halt gemacht. Fassungslos recken sie die Köpfe nach oben. Vom Nordturm der Kirche, einem Wahrzeichen Göttingens, steht nur noch das Mauerwerk. Zwei Jugendliche hatten ihn Brand gesetzt. Der Schaden geht in die Millionen.

Das Feuer war in der Nacht zum Sonntag in der früheren Türmer-Wohnung auf rund 60 Metern Höhe ausgebrochen, der Alarm ging um 1.20 Uhr bei der Feuerwehr ein. Erst am Abend hatten die Retter die vom Wind immer wieder angefachten Flammen unter Kontrolle. Ein eigens aus Braunschweig herangeschaffter riesiger Spezialkran hob in einem stundenlangen Manöver die verbrannte Turmspitze herab. Jetzt liegen die völlig verkohlten Balken und das durch die Hitze verbogene Gestänge der Wetterfahne neben dem Gebäude.

Durch die Löscharbeiten ist auch das Kirchenschiff beschädigt worden.
"In der Kirche stand das Wasser knöchelhoch", berichtet Gemeindepastor Rudolf Grote. Die rund 25 von der Polizei vorübergehend evakuierten Nachbarn konnten inzwischen in ihre Häuser zurückkehren. Sie verbrachten die Brandnacht bei Bekannten oder in Räumen der Gemeinde und des evangelischen Kirchenkreises.

Was zunächst nur als Gerücht die Runde machte, ist seit Montagmorgen offiziell bestätigt: Das Feuer wurde mutwillig gelegt. Zwei Schüler im Alter von 15 und 19 Jahren haben die Tat bei der Vernehmung gestanden.
Eine Zeugin hatte die Jugendlichen beobachtet und dies der Polizei gemeldet.

Für die Kirchengemeinde kommt der Brand einer Katastrophe gleich, denn erst vor wenigen Wochen wurde die aufwändige Renovierung der beiden Kirchtürme abgeschlossen. Die Arbeiten dauerten fast vier Jahre und verschlangen mehr als sieben Millionen Euro. In einem erbitterten Streit um die Finanzierung hatte die hannoversche Landeskirche sogar damit gedroht, die 650 Jahre alten Türme notfalls abreißen zu lassen.

Erst vor zwei Wochen beriet der Bauausschuss des Göttinger Stadtrates über eine touristische Nutzung des Nordturms der Johannis-Kirche. Mit EU-Mitteln sollte die historische Türmer-Wohnung hergerichtet und für Besucher zugänglich gemacht werden. 80.000 Euro waren für den Brandschutz veranschlagt.

"Natürlich bauen wir wieder auf, dazu gibt es doch gar keine Alternative", sagt Pastor Grote fast trotzig. Sobald die Feuerwehr den Zutritt freigibt, wollen Fachleute der Versicherung und der Landeskirche ermitteln, welche Schäden genau entstanden sind.

Bis dahin erhält die Gemeinde "Asyl" in der nahen Marienkirche. Dort hatte der Kirchenvorstand von St. Johannis schon am Sonntagmorgen am Gottesdienst teilgenommen. Bei den in der Johanniskirche fest geplanten Großveranstaltungen springen nun andere Gemeinden ein. So soll die zentrale Göttinger Gedenkfeier für die Flutopfer am 30. Januar jetzt in der anderen Innenstadtkirche St. Jacobi stattfinden.
(epd Niedersachsen-Bremen/b0257/24.01.05)
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Tausende verfolgten Kirchenbrand im Internet

Göttingen (epd). Die Bevölkerung hat mit großem Interesse und viel Anteilnahme den verheerenden Brand in der Göttinger Innenstadtkirche St. Johannis verfolgt. Am Sonntag und Montag klickten jeweils mehr als 4.000 Besucher die Internetseite der Göttinger Feuerwehr an. Auf diese Seite (www.kfv-goe.de) hat die Feuerwehr Berichte und Fotos von dem Brand sowie den Löscharbeiten gestellt. Normal sind etwa 250 Aufrufe pro Tag.

Bei dem Feuer ist der 72 Meter hohe Nordturm der Kirche ausgebrannt, die Schäden gehen in die Millionen. Zwei Jugendliche haben die Brandstiftung zugegeben. Sie waren in der Nacht zum Sonntag an einem Baugerüst hochgeklettert und hatten das Feuer in der früheren Türmer-Wohnung in rund 50 Meter Höhe gelegt. (epd
Niedersachsen-Bremen/b0270/25.01.05)