Predigt der Landesbischöfin am 2. Weihnachtstag

Nachricht 25. Dezember 2004

Fernsehgottesdienst aus der St. Marienkirche in Osnabrück, 26. Dezember 2004

Liebe Gemeinde,

Licht scheint in der Finsternis – so haben wir es im Johannesevangelium soeben gehört. Das ist die Botschaft von Weihnachten! Finsternis sieht die Bibel dabei ja sehr realistisch. Die Weihnachtsgeschichte blendet gerade nicht aus, was es an Finsternis in dieser Welt gibt, eine Familie auf der Flucht, Armut, Menschen ohne Zuflucht. Heute denken wir da alle wohl zuallererst an den Irak-Krieg. Er ist zwar seit Mai für beendet erklärt, aber er fordert weiterhin Tag für Tag Opfer. Oder uns machen die Spannungen unter den Religionen Sorgen. Das ist wahrhaftig Finsternis! Endlich sollten die Religionen doch gelernt haben, dass sie zur Konfliktentschärfung beitragen müssen und nicht auch noch Öl in das Feuer von Auseinandersetzungen gießen. Ja, Finsternis: der Hunger unter der Bevölkerung in Afrika. Der schwerkranke junge Mann, die durch Untreue erschütterte Ehe, das Problemkind – Weihnachten wird nicht plötzlich alles ganz harmonisch, was im Alltag problematisch ist.

Finsternis ist für viele Menschen in unserer Welt sehr real, vor allem im Krieg. Auch im zu Ende gehenden Jahr haben wir das erfahren. Ich denke etwa an den Bürgerkrieg in Dafour, in dem Tausende von Zivilisten zwischen die Reitermilizen geraten und verzweifelt um ihr Leben kämpfen. Ich denke an die erschütternden Szenen aus Beslan, wo Terroristen auf brutalste Weise Kinder in ihre Gewalt gebracht und getötet haben. Ich denke an den Kongo, wo Frauen im Bürgerkrieg systematisch vergewaltigt werden.

Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, haben in Amsterdam 1948 die Kirchen erklärt. Seitdem hat es in der Welt einmal gerade 30 Tage ohne Krieg gegeben. Das ist Finsternis! Wir stehen heute wieder vor der Tatsache, dass Politiker Gott für Kriege, für ihre Seite, für Nationen in Anspruch nehmen. Wir hören wieder, dass Kriege als „heilig“ und als „Kreuzzüge“ bezeichnet werden. Dagegen müssen Christinnen und Christen weltweit aufstehen. "Es gibt keinen Frieden auf dem Weg der Sicherheit", das hat der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer vor 70 Jahren auf einer Konferenz in Farnø, Dänemark, erklärt. Das bleibt wahr, denn die Armeen dieser Erde haben schon immer Folter, Leid und Vergewaltigung im Gepäck geführt.

Die Botschaft von Weihnachten steht dagegen auf und sagt: Gott ist nicht weit weg, irgendwo ganz fern von uns. Gott kommt als Kind zur Welt. Ein Kind, das ist ganz besonders verletzbar, das wissen wir aus den Kriegen dieser Welt nun ganz gewiss. Kinder sind auch heute die Hauptopfer der bewaffneten Konflikte und Kriege dieser Welt. Allein in den letzten zehn Jahren wurden 2 Millionen Kinder im Krieg getötet. 2 Millionen! Und sie waren nicht nur zufällige Opfer, nein, sie werden sogar gezwungen, als sogenannte Kindersoldaten zu agieren. Als lebende Detektoren werden Kinder in die Minenfelder geschickt, 10-Jährigen werden Maschinengewehre umgehängt. Allein in Liberia gibt es 6.000 Kinder in den Armeen der unterschiedlichen Truppen des Bürgerkrieges. Sie werden gezwungen, Kämpfer zu sein. Sie lernen nie, zu spielen, sie gehen nicht zur Schule, nein, sie lernen nur, wie sie kämpfen sollen. Viele müssen sogar die Ermordung ihrer Familien erleben. Kinder sind verletzbar. Gott macht sich verletzbar als Kind in dieser Welt.

In meiner Kanzlei steht ein Metallkreuz, aus einer Gewehrkugel gemacht. Die Form ist nicht gerade ästhetisch schön, das Material nicht edel. Aber dieses etwas grobe Kreuz symbolisiert für mich das Ringen um Frieden. Das ist ja auch nicht leicht, nicht perfekt, aber unendlich kostbar. Dieses Kreuz hat eine Geschichte aus einem fernen Land: George Togba war Kraftfahrzeugmechaniker in Liberia. Im Bürgerkrieg flüchtete er sich mit seiner Familie in die lutherische St.-Peter-Kirche in Monrovia, der Hauptstadt Liberias. Während eines Massakers in dieser Kirche wurde seine gesamte Familie ermordet. „Ich rannte aus der Kirche“, berichtet George, „und schloss mich den Rebellen an.“ Er wurde Soldat der Nationalen Patriotischen Front, aber ihm war das Kämpfen verhasst, er wollte nicht töten. In einem Traum hatte er die Idee, diese ganzen Gewehrkugeln und Granaten in Symbole des Friedens zu verwandeln. Er begann, aus Patronenhülsen Metallkreuze herzustellen. Die kleinen nur 5 cm hohen Kreuze werden inzwischen über den Lutherischen Weltbund in vielen Ländern verkauft. Sie sind Symbole dafür, dass, wie es in der Bibel heißt, Schwerter zu Pflugscharen werden sollen. Früher Munition, jetzt Friedensmahnung - inzwischen sichert deren Herstellung in Liberia den Lebensunterhalt von mehr als zehn Familien....

Das ist eine Weihnachtsgeschichte, eine Hoffnungsgeschichte. Dazu kann der Ruf der Engel: „Friede auf Erden!“ heute führen! Wir können etwas ändern, wir können zum Frieden beitragen, wenn wir uns nicht von den Feindbildern irre machen lassen, sondern unbeirrt für Frieden und Versöhnung eintreten. Das Kreuz ist das Zeichen, dass Gott uns hält, wie er Jesus Christus gehalten hat über den Tod hinaus.

Wissen die Menschen in unserem Land das noch? Wenn in diesen Tagen in unserem Land so viel von Integration die Rede ist, geschieht das oft mit mächtig aufgeblähten Worten: Jetzt sollten mal die Werte unseres Landes anerkannt werden, am besten per Eid. „Multi-Kulti-Schummelei“ wird da locker zum verächtlichen Schimpfwort. Aber dabei wird zweierlei vergessen: Wer sich auf die Grundlagen unserer Geschichte und Verfassung beruft, muss sich auf die jüdisch-christlichen Wurzeln besinnen. Er muss nicht Jude, sie nicht Christin werden, aber gekannt, ja respektiert werden müssen diese Wurzeln. Und: zu eben diesen Werten gehören Nächstenliebe, Gastfreundschaft, Respekt vor der Würde und der Religion des anderen. So sehr ich dafür eintrete, dass Zuwanderer nach Deutschland unsere Sprache lernen und unsere Verfassung kennen und bejahen sollen, so sehr müssen doch auch die Deutschen gefragt werden, warum ihnen das erst jetzt einfällt und in WELCHE Kultur sie denn integrieren wollen. Ich bin überzeugt, das größte Problem für die Religion ist gar nicht die Säkularisierung, es ist die Banalisierung, die Karnevalisierung. Alles ist in unserem Land scheinbar lustig, wenn wir den Fernseher oder das Radio anschalten. Ein Gag folgt dem anderen und die ganze Nation scheint heiß interessiert daran, wie sich Möchte-Gern-Stars im Dschungel tapfer mit irgendwelchen Würmern überschütten lassen. Nichts ist wertvoll, Respekt vor bestimmten Grundüberzeugungen wird lächerlich gemacht und Eltern wissen nicht, was sie ihren Kindern eigentlich beibringen sollen.

Das ist ein bisschen überspitzt, ja. Aber wenn es nur ansatzweise stimmt, muss sich niemand wundern, dass eine solche Kultur der Gleichgültigkeit, eine solche banale Spaßgesellschaft vielen Zuwanderern nicht gerade als wertvoller Entwurf für die eigene Zukunft erscheint.

Treten wir als Christinnen und Christen energisch dagegen an? Oder haben wir Angst, spießig genannt zu werden, ständige Spielverderber zu sein? Und das ist ja wahr, wenn das Christentum griesgrämig und moralisch daher kommt, ist es wenig anziehend, wohl kaum überzeugend. Respekt aber erwerben wir, wenn wir ernst nehmen, woran wir glauben. Wenn wir wahrhaftig das Gotteskind in der Krippe wieder erwarten, festhalten am Glauben und an den Traditionen. Gott wird Mensch. Ja, das ist schwer zu verstehen. Und doch auch großartig! Gott wird wie du und ich, um uns nahe zu sein. Deshalb können wir uns Gott anvertrauen in guten und in schweren Zeiten.

Ein Kind. Kein großer imposanter Herr, kein Kriegsheld. Ein Neugeborenes. Gott macht sich selbst verletzbar, wird uns Menschen nah. Diesem Gott können wir uns anvertrauen. Liebe Gemeinde, das Kind in der Krippe, die Verletzlichkeit des Lebens, stellen einen Widerspruch dar gegen das Toben der Gewalt, gegen die Macht der Gewehre und der Bomben. Frieden meint ja: Menschen können ohne Angst leben, haben Nahrung und Obdach, Bildung für ihre Kinder, Gesundheitsversorgung. Als Christinnen und Christen haben wir in diesen Tagen die Hoffnung wach zu halten, dass das möglich ist auf dem Planeten Erde. Der westfälische Frieden, der einst hier in Osnabrück den 30jährigen Krieg beendete, ist ein Zeichen dafür. Gegen alle Finsternis zünden wir Licht an, erzählen die Geschichten weiter von der Zukunft Gottes, in der Krieg und Geschrei ein Ende haben werden. Das meinen die Lichter zur Weihnachtszeit: Es gibt Hoffnung in dieser Welt.

Ich denke nicht an die grellen Lichter, die vielerorts in den Fenstern rot – gelb – grün – blau im Zickzack leuchten. Das erscheint mir eher als ein Stressphänomen. Das lenkt ab von den großen Fragen dieses Lebens. Gottes Licht meint eine Hoffnung, die Menschen in Dunkelheit erreicht. Solche in den Kellern, die Angst vor den Bomben haben. Solche auch in den Kellern der Einsamkeit, die an Weihnachten keinen Menschen haben, mit dem sie sprechen können. Diejenigen in unserem Land, die Angst haben vor der Dunkelheit der Arbeitslosigkeit, der Krankheit, der Einsamkeit. Das Licht der Hoffnung Gottes wird schnell belächelt in unserer Zeit. Von „Gutmenschen“ ist dann die Rede und von „Weltverbesserern“. Was aber wäre, wenn wir alle „Bösmenschen“ und „Weltverschlechterer“ wären? Mir liegt daran, dass wir die Hoffnung wach halten, dass ein Miteinander in Gerechtigkeit und Frieden möglich ist. Nein, das ist nicht naiv. Das hat uns das Kind in der Krippe vorgelebt, das selbst Armut und Flucht, ja das Leiden am Kreuz kannte. Jesus hat dem Ausländer und dem Zöllner, der blutflüssigen Frau und der Hure die Hand ausgestreckt und ihnen gezeigt: „Du bist Kind Gottes, Kind Gottes wie ich.

Es geht darum, dass wir die Hoffnung wach halten. Ja, ein Miteinander ist möglich! Auch ein Miteinander von Christen und Muslimen und Juden, von Afrikanern und Europäern, von Amerikanern und Irakern. Das sind Lichter der Hoffnung, wie wir sie Weihnachten in unseren Häusern entzünden. Gerade in unseren Tagen braucht unsere Welt Menschen, die das Licht der Hoffnung auf Frieden am Leuchten halten.

Nachdem Donald Rumsfeld uns etwas abfällig als „altes Europa“ betitelt hat, ist das ja fast zur Ehrenbezeichnung geworden. Kürzlich habe ich ein Plakat gesehen mit einer großen Friedenstaube über dem Erdball – oder war es eine Pfingsttaube? Darunter stand: „Wir alten Europäer haben einen Vogel. Gott sei Dank!“ Doch, das gefällt mir. Wenn Europa ein Ort wäre, an dem nach all den Erfahrungen von Leid und Krieg endlich der Wille zum Frieden stärker ist als die Rechthaberei. Wenn Recht endlich strömen darf an Stelle der Ströme von Blut, die hier vergossen wurden. Wenn wir endlich den Mut hätten zu einer Kontrastperspektive, zu einer Gegenkultur, wie die Bergpredigt sie entwirft. Gut wäre das, wenn wir für Gerechtigkeit und Frieden eintreten, für Gewaltüberwindung und Bewahrung der Schöpfung mit der angemessenen Gelassenheit, Hoffnung und auch Heiterkeit des Glaubens. Da stehen wir in der Tradition des Kindes in der Krippe, das für uns das Licht der Welt ist. Ja, es scheint, mitten in der Finsternis. Und auch durch dich und mich. Amen.

-> weitere Predigten von Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann