Kirche distanziert sich von Postkarte gegen EU-Zucker

Nachricht 17. Dezember 2004

Hannover (epd). Eine kirchlich und staatlich geförderte Postkarten-Aktion unter dem Motto "EU-Zucker kann tödlich sein" sorgt für Unruhe unter Landwirten in Norddeutschland. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann hat sich in ungewöhnlich scharfer Form "von der Machart und dem Inhalt" distanziert. Kirchliche Organisationen folgten am Montag ihrem Beispiel.

Die Organisation "Germanwatch" wirft auf einer Gratis-Postkarte der Europäischen Union künstlich verbilligte Kampfpreise vor, die Kleinbauern in Entwicklungsländern verarmen ließen. Der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) unterstützt nach eigenen Angaben die entwicklungspolitische Lobbyarbeit von Germanwatch, distanzierte sich jedoch von dieser konkreten Aktion.

Auch dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit als Geldgeber sei der Inhalt vorher nicht bekannt gewesen, teilte eine Sprecherin auf epd-Anfrage mit. Theresia Koller vom Katholischen Fonds in München sagte dem epd: "Wenn man das gesehen hätte, hätte man es sicherlich so nicht unterstützt." Von Germanwatch war am Montag keine Stellungnahme erhältlich.

Der Dachverband Norddeutscher Zuckerrübenanbauer (DNV) begrüßte am Montag in Hannover die "klare Distanzierung" der Landeskirche.
DNV-Geschäftsführer Heinrich-Hubertus Helmke erklärte, mit der Postkarte werde "auf übelste Art" Propaganda gegen die EU-Zuckermarktordnung und die Produzenten betrieben.

Der Verband sei selbst interessiert an einem vernünftigen Kompromiss zwischen den Interessen der Entwicklungsländer und der deutschen Landwirte. Angesichts der erwarteten drastischen Einschnitte bei der kommenden Reform des Zuckermarktes hätten die Anbauer jedoch große Sorgen. Der Verband vertritt rund 12.000 Betriebe in den norddeutschen Bundesländern.

Bischöfin Käßmann nannte in ihrer Erklärung die Kartenaktion verletzend für die deutschen Landwirte. "Gerechtigkeit entsteht nicht durch Austausch von Ungerechtigkeiten", mahnte sie. Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers setze sich dafür ein, dass die Zuckermarktordnung erhalten, aber stärker auf den Binnenmarkt ausgerichtet wird. Die wirklich armen Länder sollten einen garantierten Marktzugang bekommen. Die Kirche wolle auch dort darauf achten, dass angemessene soziale und ökologische Standards eingehalten werden, versicherte Käßmann. (epd Niedersachsen-Bremen/b3744/20.12.04)

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Erklärung von Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann
Stellungnahme des Evang. Entwicklungsdienstes zur Förderung einer Postkarte von Germanwatch
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Erklärung der Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann im Wortlaut:

Gerechtigkeit entsteht nicht durch den Austausch von Ungerechtigkeiten.
Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers distanziert sich von der Machart und dem Inhalt der Postkartenaktion unter der organisatorischen Initiative von GERMANWATCH.
Sie gibt nicht die Meinung der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers wieder, auch wenn der Evangelische Entwicklungsdienst (eed) als Mitinitiator genannt ist. Diese Aktion ist mit uns weder abgesprochen, noch in irgendeiner Weise angekündigt worden. Daher kann ich verstehen, dass die Kartenaktion bei den deutschen Rübenanbauern und der von der Zuckerproduktion abhängigen Landwirtschaft befremdet und Verletzungen auslöst. Beide stehen schon jetzt unter enormem ökonomischen Druck.

Die Evangelisch-lutherische Landeskirche setzt sich für den grundsätzlichen Erhalt der Zuckermarktordnung ein. Dazu gehört eine deutliche Binnenmarktausrichtung und die Rückführung der Exportorientierung sowie der Ausbau des garantierten Marktzugangs für die wirklich armen Entwicklungsländer (LIC).

Bei Verhandlungen um die Zuckermarktordnung sollte aus kirchlicher Sicht darauf geachtet werden, dass auch in den Entwicklungsländern angemessene soziale und ökologische Standards und Grundbedingungen der Menschenrechtskonventionen erreicht werden. Nur wenn die ökologischen und sozialen Standards weltweit gleich sind, werden auch die Produktpreise vergleichbar. Zucker gilt neben anderen Produkten als strategisches Produkt der EU. Es sollte im Rahmen der Globalisierung strategisch zu mehr Gerechtigkeit auf beiden Seiten führen. Sicherlich gehört dazu, dass die Zuckermarktordnung in der jetzigen Gestalt verändert werden muss.
Dies durch Aktionen, wie die oben genannten, herbeizuführen, halte ich nicht für angemessen.
Der Ausschuss der Dienste auf dem Lande der EKD und der Bundesverband der Katholischen Landvolkbewegung haben auf ihrer Jahrestagung vom 15./16. Dezember 2004 mit dem gleichen Befremden reagiert.

Hannover, 17.12.2004
Landesbischöfin Dr.Margot Käßmann

Stellungnahme des Evang. Entwicklungsdienstes zur Förderung einer Postkarte von Germanwatch
Eine Postkartenaktion von Germanwatch zur europäischen Zuckermarktordnung hat zu Diskussionen und Protest geführt. Der EED ist auf der Postkarte neben anderen als Förderer genannt.
Der EED erklärt dazu, dass er die entwicklungspolitische Lobbyarbeit von Germanwatch zwar grundsätzlich unterstützt, sich von dieser konkreten Aktion jedoch distanziert.
Dies wurde den Vertretern von Germanwatch mitgeteilt.
Über den Inhalt der Postkarte war der EED vorher nicht informiert; sie war nicht mit ihm abgesprochen.
Dessen ungeachtet hält der EED an seinem Auftrag fest, auf die problematischen entwicklungspolitischen Folgen der europäischen Zuckermarktordnung hinzuweisen. Die Arbeitsstelle Welternährung des EED hat die Probleme differenziert benannt und ist darüber im Gespräch mit der Zuckerindustrie.

Bonn, 20.12.2004

Bei Rückfragen geben Auskunft:
Barbara Riek
Evangelischer Entwicklungsdienst
Referat Bildung und Förderung
Ulrich-von-Hassell-Straße 76
53123 Bonn
Tel. 0228-8101-2312
e-mail: barbara.riek@eed.de

Dr. Rudolf Buntzel
Evangelischer Entwicklungsdienst
Arbeitsstelle Welternährung
Charlottenstraße 53-54
10117 Berlin
Tel. 030-20355-225
e-mail: r.buntzel@gkke.org