Trauer auf der Straße und in nächtlichen Andachten

Nachricht 08. November 2004

Gedenken an getöteten Franzosen bestimmt Proteste im Wendland

Von Karen Miether und Reimar Paul (epd)

Langendorf/Kr. Lüchow-Dannenberg (epd). Die Kirche von Langendorf ist überfüllt, viele Menschen stehen oder haben sich auf den Fußboden gesetzt. Für 22 Uhr am Sonntagabend hatte die evangelische Kirchengemeinde zu einer Andacht für den beim Castor-Transport getöteten Franzosen eingeladen. Der 21-Jährige war am Sonntag bei einer Blockade in der Nähe von Nancy überrollt worden.

Vor dem Altar spielt eine Frau auf dem Saxofon ein französisches Trauerlied. Immer wieder gehen Leute nach vorn, um Kerzen anzuzünden.
Plötzlich gibt es Gedränge und Unruhe am Eingang. "Die Polizei räumt die Straße", ruft ein Mädchen erregt. Pastor Friedrich Kuhn bricht die Andacht ab. "Jetzt ist es wichtiger, dass wir draußen sind", sagt er.

Ein paar hundert Meter hinter der Kirche haben Bauern mit ihren Treckern die Dorfstraße blockiert. Hier entlang sollen die Castor-Behälter ins nur wenige Kilometer entfernte Zwischenlager Gorleben rollen. Rund 50 Traktoren stehen ineinander verkeilt auf der Fahrbahn. Dazwischen sitzen Atomgegner auf Strohballen und wärmen sich an Feuern.

Zahlreiche Mannschaftswagen der Polizei sind aufgefahren. "Während des Gottesdienstes kommt ihr, ihr kennt wohl gar keine Schamgrenzen mehr", schreit ein Mann eine junge Beamtin an. Doch die Polizisten wollen die Blockade zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht beenden. "Wir haben nur frische Kräfte herangeführt", sagt ein örtlicher Einsatzleiter über Lautsprecher.

Der Tod des französischen Umweltaktivisten hat den Protesten gegen den Castor-Transport eine neue Note verliehen. Trauer und Entsetzen bestimmten die Atmosphäre, sagt Marianne Koch von der Initiative X-tausendmal-quer. Der Protest gehe jedoch weiter: "Wir tragen unsere Trauer auf die Straße." Statt bunter Luftballons sollen nun aber Symbole der Trauer die geplanten Straßenblockaden dominieren. Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg plant für den Nachmittag eine Trauerkundgebung

Die Kirchen in Langendorf und vielen anderen Dörfern waren die ganze Nacht geöffnet. "Ich bitte Sie von Herzen, offene Kirche zu sein für die Menschen in ihrer Erschütterung", lässt die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann im Gottesdienst in Dannenberg verlesen. Rund 120 Gemeindemitglieder, Demonstranten und Konfliktmanager der Polizei sind zu der ökumenischen Andacht gekommen.

Die tragischen Ereignisse hätten alles verändert, sagt der Dannenberger Superintendent Peter Kritzokat: "Ich habe den Traum, dass dieser Atom-Konflikt uns nicht in heillos zertrennte Gruppen spaltet, sondern dass Jesus Christus und zusammenhält." Das Recht dürfe nicht auf der Strecke bleiben, betont er. Einige applaudieren. Eine junge Frau bricht in Tränen aus. Sie fühlt sich von den Worten nicht getröstet und ruft: "Es ist jemand gestorben."

Tausende hatten sich am Sonntag in den frühen Abendstunden zu einer Trauer-Kundgebung in Hitzacker versammelt. "Wir sind so erschüttert, weil wir doch für das Leben kämpfen", sagt Mathias Edler von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. An mehreren Straßenecken bilden sich Singkreise. Manche sitzen auf der Straße und beten. Eine Gruppe Autonomer stimmt Sprechchöre an. "Mach 'ne Faust aus deiner Hand, Trauer, Wut und Widerstand", skandieren sie. (epd
Niedersachsen-Bremen/b3255/08.11.04)

"Die Menschen brauchen einen Anlaufpunkt"
Andachten und Prozessionen vor dem Castor-Transport nach Gorleben

Von Karen Miether (epd) Langendorf/Kr. Lüchow-Dannenberg (epd). In Langendorf läuten die Glocken. Auf dem Parkplatz vor der Kirche sind rund ein halbes Dutzend Polizeiwagen aufgefahren. "Ich bin etwas in Sorge", sagt Gemeindepastor Detlef Hasse. Während Hasse im Sonntagsgottesdienst ein Gebet spricht, sind von fern Hubschrauber zu hören. Durch die evangelische Kirchengemeinde Langendorf bei Dannenberg wird in den kommenden Tagen der Castor-Transport ins Atommüll-Zwischenlager Gorleben fahren.

In Langendorf wird deshalb nicht nur am Sonntag Gottesdienst gehalten. Am Montagabend werden sich Menschen zur Andacht in der Kirche treffen, bevor der Transport mit dem hochradioaktiven Müll voraussichtlich seinen Weg durch die Gemeinde nimmt. Auch nach der Ankunft der Castoren im Zwischenlager Gorleben wird es einen Gottesdienst geben. "Die Menschen brauchen einen Anlaufpunkt, wie sollen wir sonst diese Zeit durchstehen", sagt Pastor Hasse.

Der Konflikt um die Atommülltransporte treibe einen Keil zwischen Menschen, erklärt Hasse. Die Polizeipräsenz löse Ängste aus. Wenn jeder Demonstrant wie ein potenzieller Gewalttäter behandelt werde, entstünden Feindbilder, die zutiefst verletzten. "Wie oft klingelt das Telefon und Menschen wollen erzählen, wie es ihnen geht." Dass die Kirche in den Tagen des Castor-Transportes zu Gottesdiensten einlädt, hat deshalb nicht nur in Langendorf Tradition.

In Dannenberg seien in der Vergangenheit trotz aller Schwierigkeiten Polizisten und Demonstranten in die Kirche gekommen, erläutert Superintendent Peter Kritzokat, der die Andacht am Abend gemeinsam mit einem katholischen Kollegen gestaltet. "Ich habe den Traum, dass dieser Atomkonflikt uns nicht in heillos zertrennte Gruppen spaltet, sondern dass Jesus Christus uns zusammenhält", sagt Kritzokat und mahnt gleichzeitig ein besonnenes Vorgehen der Polizei und das Recht auf Demonstrationen an.

Stärkung in Gemeinschaft und Gebet suchen die Menschen am Sonntag auch im Wald in unmittelbarer Nähe der Gorlebener Atomanlagen. Ein evangelischer Studentenchor aus Oldenburg singt. Mehr als 70 Frauen, Männer und Kinder sind zusammengekommen. Es wird von Aborigines in Australien berichtet, denen es gelungen ist, Atomlagerung auf ihrem Gebiet zu verhindern. Seit mehr als 15 Jahren feiern Christen jeden Sonntag an dieser Stelle Andacht. Die ökumenische Initiative Gorlebener Gebet sieht sich als Teil der Protestbewegung gegen die Atomenergie.

Zur Vielfalt des Protestes gehört an diesem Sonntag auch eine im protestantischen Norden unübliche Prozession. In Langendorf hat die Castor-Gruppe des Dorfes zu einem Ritt und Fußmarsch im Gedenken an den Heiligen Leonhard aufgerufen. Etwa 20 Reiter und 100 Fußgänger sind zu der Demonstration zusammengekommen. Am Zaumzeug der Pferde leuchtet das gelbe X, das Symbol der Atomkraftgegner. Leonhard sei der Schutzheilige der Pferde und der Bauern, erläutert Organisatorin Lili Delong. "Wir fürchten um die Zukunft unserer bäuerlichen Region." (epd Niedersachsen-Bremen/b3253/07.11.04)

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