Kriminologe: Fernsehen macht Kriminalität zur Ware

Nachricht 03. November 2004

Hannover (epd). Der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer hat das hohe Maß an Gewaltdarstellungen im Fernsehen kritisiert. "Kriminalität ist zu einer Ware geworden, die man auslutscht auf Teufel komm raus", sagte er am Dienstagabend bei der Aufzeichnung der Fernseh-Talkshow "Tacheles" in der Marktkirche Hannover. Die kirchliche Talkshow war der Auftakt zu einem Medienkongress zum Thema "Sind wir hungrig auf Gewalt?"
anlässlich des fünfjährigen Bestehens von "Tacheles".

Unter dem Druck der Quote würden immer wieder Bilder von Gewalt gezeigt, obwohl die Gewaltkriminalität in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um 45 Prozent zurückgegangen sei, sagte Pfeiffer. So glaubten viele Zuschauer, die Gewalt nehme auch in Wirklichkeit zu. Die Politik frage dann nicht mehr, wie sie mehr innere Sicherheit erzeugen könne, sondern nur noch, wie sie die aufgebrachten Gemüter beruhigen könne. Die Folge seien schärfere Gesetze und mehr Gefängnisse, obwohl das Geld viel dringender für Schulen gebraucht werde.

Die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann forderte die Journalisten auf, Scham- und Schutzgrenzen einzuhalten: "Sonst geht etwas von dem Repekt voreinander verloren." Aufnahmen von weinenden Eltern, die ein Kind verloren hätten, gehörten nicht auf den Bildschirm.
Der NDR-Fernsehdirektor Volker Herres sagte, manche grausamen Bilder seien nötig, um zu belegen, dass das Geschehen wirklich stattgefunden habe. Oft genüge allerdings ein Standbild.

Der Fernseh-Reporter Christoph Maria Fröhder sagte, brutale Bilder seien manchmal wichtig, um die Politik aufzurütteln. Ohne öffentlichen Druck bewege sich nichts. Allerdings müssten die Bilder wirklich einen politischen Stellenwert haben. Sie dürften nicht um ihrer selbst willen gezeigt werden und den Voyeurismus der Zuschauer bedienen. Notwendig sei es, die Hintergründe des Geschehens aufzuarbeiten.

Hinweis: Die Debatte wird am Sonnabend um 22.15 auf dem Dokumentationskanal "Phoenix" ausgestrahlt. Internet:
www.tacheles.net. (epd Niedersachsen-Bremen/b3216/03.11.04)