Wendepunkt der Kirchengeschichte?

Nachricht 22. Oktober 2004

Gemeinsame Ökumene-Erklärung wird fünf Jahre alt

Von Stephan Cezanne (epd)

Frankfurt a.M./Hannover (epd). In den Beziehungen zwischen katholischen und evangelischen Christen ist in den vergangenen 40 Jahren mehr erreicht worden als in den 400 Jahren davor. Die wohl bedeutendste Frucht dieses Fortschritts ist die von Vatikan und Lutherischem Weltbund (LWB) am Reformationstag (31. Oktober) vor fünf Jahren in Augsburg unterzeichnete Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. An das Ereignis wird am 30. Oktober in einem Festakt in Johannesburg (Südafrika) erinnert.

Um das Dokument war 30 Jahre lang von hochrangigen katholischen und evangelischen Theologen gerungen worden. In der Lehre von der Rechtfertigung geht es um das Zentrum des christlichen Glaubens: Wie bringe ich mein Verhältnis mit Gott in Ordnung? Wie komme ich in den Himmel? Letztlich geht es auch um religiöse Grundfragen: um Erlösung, Heil und Seelenfrieden.

Katholiken und Protestanten legten diese Fragen immer ähnlich aus. Aber die für Laien kaum verständlichen unterschiedlichen Nuancen genügten, um sich wegen der Rechtfertigungslehre Jahrhunderte hinweg anzufeinden und blutige Konfessionskriege zu führen. Martin Luthers Lehre von der Rechtfertigung des Menschen vor Gott löste Anfang des 16. Jahrhunderts die Kirchenspaltung in Europa aus. Der Mensch, so Luther, kann sich sein Seelenheil nicht verdienen, sondern erhält die Gnade Gottes geschenkt. Katholiken sehen das ähnlich, betonen aber die Rolle der Kirche als Mittler zwischen Gott und Mensch.

Hier wurde vor fünf Jahren ein "Konsens in Grundwahrheiten" gefunden, auch wenn kurz vor Unterzeichnung des Papier noch mehr als 250 evangelische Theologieprofessoren vor einer Verwässerung des lutherischen Bekenntnisses gewarnt hatten. Der 31. Oktober 1999 war "vielleicht der entscheidende Wendepunkt zu einer tieferen Beziehung zwischen Lutheranern und Katholiken seit der Reformation", sagt der LWB-Präsident, der US-amerikanische Bischof Mark Hanson. Er repräsentiert mehr als 60 Millionen Christen in 77 Ländern.

Vor allem für lutherische Minderheitskirchen in Entwicklungsländern, ergänzt der Catholica-Beauftrage der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich, "hat die Gemeinsame Erklärung ganz klar zu Verbesserungen beigetragen". Dort wurden lutherische Kirchen von der katholischen Kirche bislang nahezu als Sekte behandelt. Jetzt werden Lutheraner dort respektiert, bilanziert Friedrich.

Zugleich dämpft der Bischof zu hohe Erwartungen an das Dokument in Deutschland. Viele meinten, "wenn ihr das jetzt geschafft habt, dann muss es doch auch auf anderen Gebieten weitergehen", sagt Friedrich im Blick auf ein gemeinsames Abendmahl oder Verbesserungen für evangelisch-katholisch gemischte Ehen. Doch trotz der kirchenhistorischen Bedeutung bringt die Gemeinsame Erklärung keine Fortschritte im kirchlichen Alltag. Friedrich mahnt zur Geduld: "Den Christen sage ich, tut doch noch mehr in all den Dingen die ihr kirchenrechtlich völlig unbedenklich tun könnt."

Kurienkardinal Walter Kasper bekräftigt, zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätte niemand damit gerechnet, "dass wir so weit kommen würden". Es sei eine erfolgreiche Reise der Kirchen gewesen, die aus Isolation und Feindseligkeit zu "Toleranz, Achtung, Zusammenarbeit

und sogar zur Freundschaft" geführt habe, heißt es in einer Erklärung des Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen zum Jahrestag. Man dürfe jedoch jetzt nicht stehen bleiben.

Doch die Zukunft der Ökumene liegt nicht allein im Dialog zwischen katholischen und evangelischen Christen. Am Horizont der Kirchengeschichte taucht eine neue Ökumene der Religionen auf. Die Menschen aus der westlichen Welt werden nicht als Katholiken oder Protestanten mit Muslimen oder Hindus reden, sieht der evangelische Theologe und Ökumene-Experte Jörg Zink (81) voraus, "sondern als Christen". (epd Niedersachsen-Bremen/b3054/20.10.04)

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