In ökumenischer Gesinnung handeln

Nachricht 19. Oktober 2004

Gera/Hannover – Die Kirchen müssen sich mit ihren aus dem Glauben erwachsenden Einsichten in die von den Menschen erlebten politischen und sozialen Umwälzungen von großer Tragweite einbringen. Darauf hat der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Dr. Johannes Friedrich (München), in seinem Bericht vor der Generalsynode in Gera aufmerksam gemacht. Dazu gehörten neben der sich auf die Lebensverhältnisse immer stärker auswirkenden Globalisierung vor allem die Erweiterung der Europäischen Union und die Neuordnung der Sozialsysteme in Deutschland. Diese Umbrüche seien mit einen ganzen Reihe offener Fragen verbunden. Sie forderten nicht nur zu mutigen Schritten auf neue Wege heraus, sie führten viele Menschen auch in spürbare Verunsicherungen, erschütterten ihre bisherigen Lebensmuster und machten Angst. In dieser Umbruchphase engagierten sich die Kirchen „am besten und wirksamsten, wenn sie in möglichst weitgehender Übereinstimung – wenigstens aber in Abstimmung untereinander – handeln“. Vor den 62 Synodalvertretern sagte der Landesbischof, es werde „besonders wichtig sein, dass die Kirchen nicht die Ängste verstärken, sondern Menschen ermutigen, sich auf Neues einzulassen und den Mut nicht zu verlieren“.

In seinem Bericht, der in diesem Jahr unter dem Motto „In ökumenischer Gesinnung handeln“ steht, würdigte der Catholica-Beauftragte die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ (GE). Darin hatten sich der Lutherische Weltbund und die römisch-katholische Kirche über den Hauptstreitpunkt verständigt, an dem sich im 16. Jahrhundert die Reformation entzündete. Die GE war in einem Festgottesdienst am 31. Oktober 1999 in Augsburg bestätigt worden. Anlässlich des bevorstehenden 5. Jahrestags wies Landesbischof Dr. Friedrich darauf hin, dass der Dialog es erfordere, sich auf den Weg zu machen, statt auf Standpunkten stehen zu bleiben. „Ökumene ist ohne Dialog nicht zu haben.“ Dies heiße aber auch – und zwar für beide Seiten: „Keine Kirche, die sich in den Dialog begibt, kann bleiben oder bleiben wollen, wie sie ist. Wir werden alle zu lernen haben, dass wir die Wahrheit des Glaubens nur noch vielfältig zum Ausdruck bringen können.“ Innerhalb der Kirchen breche Vielfalt auf, die sich nicht durch eine zentralistische Autoritätsstruktur eindämmen lasse. Vielfalt sei Reichtum, nicht Chaos. Auch die Verschiedenheit der Kirche sei Reichtum. Der Dialog und das Zusammenleben der Kirchen machten es erforderlich, „dass wir die Unterschiede zur Kenntnis nehmen und als versöhnbar begreifen“.

Der bayerische Landesbischof rief die Kirchen auf: „Vergeben wir uns nicht die Chancen, auf dem aufzubauen, was schon gegeben ist, statt nur auf das zu blicken, was uns gegenseitig noch aufgegeben bleibt.“ Dabei sei zu beachten, dass kirchliche Einheit nicht einfach eine Folge von kirchlichem Aktionismus sei, sondern aus einem demütigen Sich-beschenken-lassen, also einem spirituellen Geschehen, erwachse. Der Catholica-Beauftragte warb dafür, bei allen weiteren ökumenischen Diskussionen das erreichte Gemeinsame in der Rechtfertigungslehre als wichtiger einzustufen als das, was die Kirchen in anderen Bereichen noch trenne. Mit der GE sei nicht schon die Lösung aller belastenden Unterschiede erreicht. Es brauche noch viel gründliche theologische Arbeit und mancherlei Anstrengungen, die theologischen Differenzen zu lösen, die die Kirchen seit 500 Jahren trennten. Das gegenseitige Vertrauen gelte es zu stärken. Nach Auffassung von Landesbischof Dr. Friedrich bietet die GE eine „gute Grundlage“, auf der die Differenzen in Fragen der Lehre der Kirche, des kirchlichen Amtsverständnisses sowie des Verständnisses der Eucharistie angepackt werden könnten.

Der 5. Jahrestag der Bestätigung der GE sei ein guter Anlass für eine ökumenische Feierstunde, wie sie in Augsburg am 31. Oktober geplant sei, so Dr. Friedrich. Er rief die Gemeinden auf, diesen Jahrestag mit ökumenischen Feiern zu begehen und auch dort der Erklärung zu gedenken, wo kein ökumenischer Gottesdienst stattfinden könne. Das Jubiläum biete die Möglichkeit, „die schon erreichte ökumenische Gemeinschaft“ in den Gemeinden wirken zu lassen.

Dr. Friedrich erneuerte vor der Generalsynode seinen Vorschlag, den Pfingstmontag durch gemeinsame Gottesdienste und Veranstaltungen als „Feiertag der Ökumene“ zu begehen und gemeinsam den Pfingstmontag als einen solchen Feiertag auszurufen. Zu dieser Initiative hatte die Generalsynode der VELKD ausdrücklich aufgerufen. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz halte jedoch mit Nachdruck daran fest, dass der Pfingstmontag als katholischer Feiertag, einschließlich der Sonntagspflicht, begangen werde, so der Catholica-Beauftragte. Er wolle diese Vision jedoch nicht einfach zu den Akten legen. Es sei ihm überhaupt nicht um den Ersatz der römisch-katholischen Messfeier durch etwas anderes, also nicht um eine Aushöhlung der Sonntagspflicht, gegangen, wie sie Teile der Deutschen Bischofskonferenz befürchteten. „Aber ich stehe dafür ein, dass katholische Gemeinden neben ihrer eigenen Eucharistiefeier am Pfingstmontagmorgen weitere gottesdienstliche Feiern und andere Veranstaltungen in ökumenischer Gemeinschaft mit anderen christlichen Gemeinden an diesem Tag vorsehen und so die Verbundenheit im Glauben begehen können.“

Man werde fragen dürfen, so der bayerische Landesbischof, ob die von der katholischen Deutschen Bischofskonferenz bei ihrer Ablehnung hoch gehaltene theologische Wahrheit nicht leer sei. Infolge des Priestermangels könne das von ihr beschworene unveräußerliche Recht der Gemeinden auf die sonntägliche Feier der Eucharistie schon längst nicht mehr überall eingelöst werden. Für den Pfingstmontag werde aber plötzlich eingefordert, was die römische Kirche intern an normalen Sonntagen nicht mehr zu garantieren vermöge. Theologische Position und pastorale Wirklichkeit klafften auseinander. Da müsse schon die Frage erlaubt sein, ob bei denen, die den Pfingstmontag als „Fest der Einheit im Glauben“ ablehnten, hier nicht am Ende Furcht statt Besonnenheit regiere. „Die Ökumene bringt das jedenfalls nicht voran.“

Die Argumentation der Deutschen Bischofskonferenz ist nach den Worten des Catholica-Beauftragten vielleicht kirchenrechtlich stichhaltig, aber liturgisch keineswegs. Seit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils sei der Pfingstmontag abgewertet. Die Osterzeit ende mit der 2. Vesper am Pfingstsonntag. Der Pfingstmontag gehöre damit bereits liturgisch zum so genannten „Jahreskreis“ und sei – liturgisch gesehen – ein Werktag. Folglich gebe es – liturgisch gesehen – für Katholiken am Pfingstmontag keine Sonntagspflicht. Und die Mitfeier der Eucharistie sei an diesem Tag für sie nicht verpflichtend. Der Pfingstmontag als „Fest der Einheit des Glaubens“ solle und müsse zur Eucharistiefeier nicht in Konkurrenz stehen, erklärte Dr. Friedrich. „Mein Vorschlag soll nicht reduzieren, er soll bereichern.“ Ein solches Fest werde die Gemeinschaft zwischen den Kirchen pflegen und stärken. Es sei – sicher auch im Interesse der Feiertagsheiligung – zudem eine Gelegenheit, dass Christinnen und Christen nach ihrem Gottesdienst am Morgen den weiteren Tag nicht einfach säkular gestalten, sondern unter dem Thema des Glaubens beisammen bleiben. „Ich will die Gemeinden in unseren Kirchen anregen oder in ihrer schon vorhandenen Praxis bestärken, im kommenden Jahr vor Ort so viel Gemeinsames wie möglich für den Pfingstmontag vorzubereiten und durchzuführen.“

Hinweis: Der Bericht des Catholica-Beauftragten ist im Internet unter www.velkd.de abrufbar.

Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) ist ein Zusammenschluss von acht Landeskirchen. Ihr gehören an: Bayern, Braunschweig, Hannover, Mecklenburg, Nordelbien, Sachsen, Schaumburg-Lippe und Thüringen. Die VELKD repräsentiert rund 10,4 Millionen Gemeindeglieder. Leitender Bischof ist Bischof Dr. Hans Christian Knuth (Schleswig), Landesbischof Hermann Beste (Schwerin) sein Stellvertreter. Dem Lutherischen Kirchenamt in Hannover steht Präsident Dr. Friedrich Hauschildt vor. Einmal jährlich tagt im Oktober die Generalsynode der VELKD. Dieses Gremium umfasst 62 Vertreter aus den Gliedkirchen der VELKD. An der Spitze der Generalsynode steht als Präsident Richter Dirk Veldtrup (Hannover).

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