Reformen in Deutschland dürfen Gerechtigkeitsempfinden nicht verletzen

Nachricht 17. Oktober 2004

Gera/Hannover – Auf die Notwendigkeit von Veränderungen in unseren gesellschaftlichen und sozialen Systemen hat der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Bischof Dr. Hans Christian Knuth (Schleswig), aufmerksam gemacht. In seinem Bericht vor der Generalsynode der VELKD, die bis zum 20. Oktober in Gera tagt, sagte Bischof Knuth, alles Reden über die Chancen der Veränderung könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass jede Veränderung Verlierer habe und jede Veränderung die Menschen verunsichere. Wörtlich führte er vor den 62 Synodalvertretern aus: „Nur wenn die Notwendigkeit einsichtig gemacht werden kann und die Gerechtigkeit gegeben ist, können Reformen gelingen.“ Diese dürften das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen nicht verletzen. Deshalb werde „starken Schultern“ auch mehr zugemutet. Aber auch dieses Prinzip dürfe nicht dazu missbraucht werden, die Veränderungsnotwendigkeit an andere zu delegieren. Es gebe in Deutschland einen Wettbewerb, in den Veränderungen möglichst ungeschoren davon zu kommen, kritisierte der Bischof. „Es könnte ja auch eine besondere Ehre sein, zur notwendigen Veränderung selbst Entscheidendes beigetragen zu haben.“ Dr. Knuth erinnerte in diesem Zusammenhang an eine Aussage des US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy: „Frage nicht, was dein Land für dich tut, sondern frage, was du für dein Land tun kannst.“ Der Wille, die notwendigen Belastungen gemeinsam zu tragen und sich selbst entscheidend daran zu beteiligen, sei in Deutschland noch nicht so ausgeprägt, wie es notwendig sei. Die Globalisierungsprozesse zeigten, „dass wir in den letzten Jahrzehnten in gewisser Weise auf einer ,Insel der Seligen’ gelebt haben“. Deutschland sei nun sehr viel unmittelbarer mit den Problemen direkt konfrontiert, die andere Erdteile schon längst spürten.

Auch die Kirchen müssten sich selbstkritisch eingestehen, an der allgemeinen Anspruchshaltung teilgenommen zu haben. So hätten die in den siebziger und achtziger Jahren gewachsenen Ressourcen kirchlicher Arbeit zwar zu einem großen Ausbau kirchlicher Strukturen und Institutionen und Planstellen geführt. Ob dadurch das innere Leben in gleicher Weise gewachsen und vertieft worden sei und ob möglicherweise sogar das innere Leben behindert wurde, sei zu fragen. „Jedenfalls stehen wir vor der Aufgabe, uns in unseren Kirchen bescheidener einzurichten“, so der Leitende Bischof. Sich auf das Mögliche einzustellen, sei dann schmerzlich und ärgerlich, wenn sich übertriebene Vorstellungen verfestigt hätten. Verzicht, Selbstbeschränkung und eine Veränderung des Lebensstils beträfen alle.

Bischof Knuth rief gleichwohl die Synodalvertreter auf, sich von diesen Prozessen nicht völlig absorbieren und gefangen nehmen zu lassen. „Es wäre schon merkwürdig, wenn wir in den Kirchen mehr Anstrengung auf die Gestaltung der Strukturen verwenden als auf die missionarische Verkündigung des Evangeliums.“ Strukturen hätten einen „dienende Funktion“.

Im Blick auf die geistliche Situation in Deutschland sagte der Leitende Bischof der VELKD, dass sie Anlass für Sorgen und Befürchtungen gebe. Das Hauptproblem sei nicht der Rückgang der Finanzen und der Mitgliederzahlen, sondern eine „spirituelle Auszehrung“. Es sei daher sinnvoll, dem Gottesdienst – dem „Kerngeschäft der Kirche“ – und seiner Gestaltung „besondere Aufmerksamkeit“ zu widmen. Dies sei ein „entscheidender Beitrag zur Spiritualität“, betonte Dr. Knuth. „Unsere Gottesdienste bilden kein Ghetto, keine Sonderwelt.“ Neben dem Gottesdienst am Sonntag gebe es auch Formen der Spiritualität für den Alltag. Hier müsse jeder die für ihn passende Form finden. In den Kirchen geben es ein reiches Erbe und Angebot. „Für die Körperpflege, für die Pflege der Fitness wenden wir wie selbstverständlich einiges an Zeit auf. Wie der Körper braucht es auch die Seele, gepflegt zu werden.“

Hinweis: Der Bericht des Leitenden Bischofs ist im vollen Wortlaut im Internet unter www.velkd.de abrufbar.

Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) ist ein Zusammenschluss von acht Landeskirchen. Ihr gehören an: Bayern, Braunschweig, Hannover, Mecklenburg, Nordelbien, Sachsen, Schaum¬burg-Lippe und Thüringen. Die VELKD repräsentiert rund 10,4 Millionen Gemeindeglieder. Leitender Bischof ist Bischof Dr. Hans Christian Knuth (Schleswig), Landesbischof Hermann Beste (Schwerin) sein Stellvertreter. Dem Lutherischen Kirchenamt in Hannover steht Präsident Dr. Friedrich Hauschildt vor. Einmal jährlich tagt im Oktober die Generalsynode der VELKD. Dieses Gremium umfasst 62 Vertreter aus den Gliedkirchen der VELKD. An der Spitze der Generalsynode steht als Präsident Richter Dirk Veldtrup (Hannover).

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