Diakonische Konferenz in Hannover

Nachricht 13. Oktober 2004

Gohde: Hartz IV wird Test für Vertrauen in Sozialstaat
Hannover (epd). Diakonie-Präsident Jürgen Gohde hat die Arbeitsmarktreform Hartz IV als "Testfall" bezeichnet, um verloren gegangenes Vertrauen in den Sozialstaat zurückzugewinnen. "Wenn es gelingen könnte, nur 15 Prozent der Arbeit Suchenden wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren, wäre das für alle Beteiligten gut", sagte er am Mittwoch auf der Diakonischen Konferenz in Hannover. Auch mit Zusatzjobs könnten Menschen wieder Ermutigung finden "und vielleicht sogar Geschmack an sozialer Arbeit und Selbstvertrauen".

Hartz IV allein schaffe keine neuen Arbeitsplätze, sagte der Präsident des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die Reform könne allerdings zu veränderten Rahmenbedingungen beitragen, wenn auch die Wirtschaft und die großen Arbeitgeber ihren Beitrag leisteten. Die Diakonie sei dazu bereit.

Allerdings dürften Zusatzjobs keine "erzwungene Arbeit" sein oder regulär vergütete Arbeitsverhältnisse verdrängen, unterstrich Gohde: "Es geht um Freiwilligkeit, es geht um konsequentes Fördern." Dabei müssten diakonische Einrichtungen und Beratungsdienste eng kooperieren.

Mit Zusatzjobs werde nicht nur Gutes für Arbeit Suchende getan, "sondern auch für uns", fügte er mit Blick auf immer knapper werdende Finanzmittel hinzu. Nach Einschätzung von Gohde wird es aufgrund der Altersstruktur der Bevölkerung in zehn bis 15 Jahren zudem zu einem erheblichen Mangel an Pflegekräften kommen.

In Gesprächen mit jüngeren und älteren Arbeitslosen falle auf, wie groß die Unsicherheit sei. Das gelte nicht allein mit Blick auf auszufüllende Fragebögen: "Tief sitzen Enttäuschungen und Verletzungen darüber, nichts machen zu können oder nicht gefragt zu sein." Zugleich gebe es keinen Weg zurück zum alten bundesrepublikanischen Sozialstaat, sagte Gohde. Wie die Reformen die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands verbessern könnten, ohne den Grundsatz der Solidarität zu verletzen, sei dabei die Frage. (epd Niedersachsen-Bremen/b2993/13.10.04)


Wulff verteidigt Sparkurs bei sozialer Arbeit
Hannover (epd). Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hat die staatlichen Kürzungen bei der freien Wohlfahrtspflege verteidigt. "Dies ist kein einfacher Weg, aber er ist ohne Alternative", sagte Wulff am Dienstagabend zum Auftakt der Diakonischen Konferenz in Hannover. Er würdigte die Arbeit der evangelischen Diakonie als "christliche Kultur des gegenseitigen Helfens".

Der Ministerpräsident sagte, der Sozialstaat der Zukunft könne angesichts der finanziellen Lage "nicht mehr der allumfassende Wohlfahrtsstaat mit Rundum-Versorgung vom Anfang bis zum Ende des Lebens" sein. Er appellierte an "Bürgersinn und Bürgermut", um das vorhandene Potenzial an solidarischen Kräften wieder freizulegen. Die Eigenverantwortung müsse gestärkt werden.

Die Vorsitzende der Diakonischen Konferenz, Annegrethe Stoltenberg, erklärte Veränderungen für notwendig. Die Fragen von Reichtum und Armut und von der Teilhabe am Leben der Gesellschaft müssten für die jeweilige Zeit neu beantwortet werden, sagte die Hamburger Landespfarrerin bei der Eröffnung der Konferenz. Dabei frage die Diakonie auch nach den strukturellen Ursachen von individuellen Notlagen. Gleichzeitig brauchten verlässliche Hilfen auch strukturelle Rahmenbedingungen.

Für die gastgebende hannoversche Landeskirche ging Martin Schindehütte in seiner Eröffnungspredigt auf die Existenznot der diakonischen Arbeit ein. Der geistliche Vizepräsident des Landeskirchenamtes rief trotz tiefer Einschnitte bei Beratung, Jugendwerkstätten und Altenhilfe zu entschlossenen "Schritten der Hoffnung" auf.

Die Diakonische Konferenz, das höchste Beschlussgremium der Diakonie in Deutschland, tagt noch bis Donnerstag in Hannover. (epd Niedersachsen-Bremen/b2985/12.10.04)


Das aktuelle Stichwort: Diakonisches Werk
Hannover (epd). Im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sind mehr als 450.000 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 27.000 sozialen Einrichtungen beschäftigt. Die Diakonie mit dem Kronenkreuz als Erkennungszeichen ist damit einer der größten Arbeitgeber in Deutschland. Insgesamt befinden sich mehr als eine Million Betreuungsplätze für Jugendliche, behinderte und alte Menschen sowie in Krankenhäusern in diakonischer Trägerschaft.

Mitglieder im Diakonischen Werk sind alle evangelischen Landeskirchen und neun Freikirchen. Die Landes- und Ortsverbände arbeiten selbstständig. Der Diakonie gehören zudem 88 Fachverbände der verschiedensten Arbeitsfelder an, darunter der Gesamtverband für Suchtkrankenhilfe, die evangelische Bahnhofsmission, die Evangelische Obdachlosenhilfe, das Seniorenwerk und der Deutsche Evangelische Krankenhausverband. Rund 400.000 Ehrenamtliche sind nach Schätzungen in der Diakonie aktiv.

Präsident des Diakonischen Werkes ist Jürgen Gohde. In der Stuttgarter Hauptgeschäftsstelle befindet sich auch die Aktion "Brot für die Welt". Organe des Werkes sind die einmal jährlich tagende Diakonische Konferenz mit 90 Delegierten und der Diakonische Rat. (epd Niedersachsen-Bremen/b2994/13.10.04)

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