"Bahnhofsmissionen sind nur die Feuermelder"

Nachricht 09. September 2004

Von Martina Schwager (epd) =

Osnabrück (epd). "Eine Tasse Kaffee, eine Scheibe Brot und ein nettes Wort reichen oft nicht mehr aus." Heike Becker und ihre Kollegen in der Bahnhofsmission Osnabrück spüren jede Veränderung des gesellschaftlichen Klimas. Die Diskussion um neue Sozialgesetze und Hartz IV verunsichere viele Menschen und mache ihnen Angst. "Die Zahl der Problemfälle unter unseren Gästen steigt derzeit enorm", sagt die Leiterin der vor 75 Jahren gegründeten Einrichtung.

Ein Blick in die Statistik zeigt einen eklatanten Anstieg der Besucherzahlen schon ab 1997. In den 90er Jahren hatten sie sich bei jährlich etwa 2.000 bis 2.500 eingependelt. Im Jahr 2003 wurden 7.000 Gäste pro Jahr gezählt. In den vergangenen Monaten seien die Zahlen noch mal um 200 bis 300 pro Monat gestiegen. Besonders viele von ihnen seien psychisch krank. Heike Becker prophezeit den Beratungsstellen einen ähnlichen Ansturm. "Über kurz oder lang kommt das auf die auch zu. Die Bahnhofsmission ist nur der Feuermelder."

Die haupt- und ehrenamtlichen Helfer in den Bahnhofsmissionen arbeiten in zwei Bereichen: Auf dem Bahnsteig helfen sie Reisenden beim Einsteigen, Aussteigen und Umsteigen. In der kleinen Teeküche mit Büro und Aufenthaltsraum auf Bahnsteig 1 kümmern sie sich in erster Linie "um unsere Gäste, um Menschen, die einsam und verzweifelt sind", sagt Becker. Dazu gehören Obdachlose, Sozialhilfeempfänger, Drogenabhängige, Alkoholkranke oder psychisch Kranke.

Die meisten von ihnen sind Dauergäste aus Osnabrück und Umgebung, die über Jahre oder zumindest eine längere Zeit in die Bahnhofsmission kommen. "Wir sind eine niedrigschwellige Einrichtung. Zu uns kann man ohne Terminabsprache kommen. Und man muss seine Probleme nicht gleich auf den Tisch legen", erklärt die Leiterin. Dennoch ist die Zusammenarbeit mit Beratungsstellen, Sozialämtern, Krankenhäusern oder der Polizei ein wichtiger Baustein.

Ein offenes Ohr und eine Tasse Kaffee schaffen Vertrauen und eine gemütliche Atmosphäre in der Bahnhofsmission. "Da spricht es sich leichter", so Becker. Kaffee und Brote wollen die Osnabrücker deshalb beibehalten, obwohl die Verpflegung bundesweit in den Bahnhofsmissionen seit Ende 2002 eigentlich eingestellt ist.

Eine spezielle Ausbildung haben die Mitarbeiter nicht. Lediglich ein einwöchiger Grundkurs und Fortbildungen sind verpflichtend.
"Flexibilität, gesunder Menschenverstand, Energie und Fröhlichkeit sind das wichtigste", meint Becker. In ihrem Team von vier hauptamtlichen Teilzeitkräften, einem Zivildienstleistenden und 14 Ehrenamtlichen "stimmt die Chemie. Wir haben täglich mit so vielen Problemen zu tun, da können wir Querelen untereinander nicht gebrauchen."

Die Konferenz für kirchliche Bahnhofsmission in Deutschland ist seit 1910 der Zusammenschluss der mittlerweile 99 Bahnhofsmissionen. Sie befinden sich in Trägerschaft der katholischen oder der evangelischen Kirche oder beider Kirchen gemeinsam. "Damit sind die Bahnhofsmissionen die ersten ökumenischen Einrichtungen in Deutschland", sagt Roland Knüppel, Pressesprecher der Konferenz. Die erste Bahnhofsmission wurde vor 110 Jahren in Berlin gegründet. (epd Niedersachsen-Bremen/b2590/07.09.04)

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