Senioren-Sitting in Ganderkesee

Nachricht 22. Juli 2004

Von Jörg Nielsen (epd)

Ganderkesee /Kr. Oldenburg (epd). "Und dann kam Fritz." Die Erleichterung ist Dorothea Heinrich noch heute anzuhören. Sechs Jahre lang hatte sie ihren Mann Hermann gepflegt, in den letzten sieben Monaten vor seinem Tod sogar rund um die Uhr. "Wenn ich etwas einkaufen musste, war ich immer in Hetze, um ja schnell wieder nach Hause zu kommen. Immer die Angst, es könnte etwas passiert sein." Sie merkte, "ich brauche Zeit für mich. Und dann kam Fritz."

"Fritz" ist der ehrenamtliche Senioren-Sitter Fritz Hobbensiefke aus Ganderkesee. Einmal die Woche besuchte er die Heinrichs für drei bis vier Stunden, so dass Dorothea Heinrich in dieser Zeit ohne Angst aus dem Haus gehen und sich um sich selbst kümmern konnte. "Das war eine ungeheure Entlastung für mich", sagt sie dankbar.

"Fast immer sind es Frauen, die alleine pflegen", sagt Hildegard Kluttig von der Diakonie-Sozialstation in Ganderkesee: "Wenn sie sich an den Sitterdienst wenden, gehen sie oft schon auf dem Zahnfleisch." Sie pflegen ihre Männer oder Eltern aus Liebe und können sich nicht einzugestehen, dass auch sie mal Hilfe brauchen. Dorothea Heinrich stimmt lebhaft zu: "Ich hätte mich schon viel früher an den Sitterdienst wenden sollen."

Zu dem Sitter-Kreis gehören elf Männer und Frauen, die ehrenamtlich einmal die Woche pflegende Angehörige entlasten, sagt Kluttig. In dem von ihr geleiteten Gesprächskreis für pflegende Angehörige kam die Idee auf, den Familien wenigstens einmal die Woche etwas Zeit für sich zu schaffen. "Die Sitter pflegen nicht, sie sind einfach nur da und unterhalten sich", betont Kluttig. Alle ehrenamtlichen Helfer seien versichert und haben für den Notfall auch einen Hauspflegekurs besucht.

Fritz Hobbensiefke und seine Frau Zita hatten zuvor über Jahre seine Schwiegermutter und die geistig und körperlich behinderte Schwägerin gepflegt. "Wir haben damals gemerkt, dass wir mal eine kleine Auszeit brauchen", sagt er. Auf eine Anzeige in der Zeitung habe sich eine entfernt Verwandte gemeldet. "Damals habe ich vor Rührung geweint", sagt Zita Hobbensiefke.

"Darum war es für mich klar, dass ich helfen will", sagt Hobbensiefke so überzeugt, als wüsste er nichts anderes mit seiner Freizeit anzufangen. "Hermann und ich waren uns auf Anhieb sympathisch und wir hatten immer viel zu reden." Einmal hat er sich einen Rollstuhl geliehen und ist mit Hermann in eine Gaststätte gegangen, um Kaffee zu trinken, erinnert sich Hobbensiefke. "Seine leuchtenden Augen werde ich nicht vergessen."

Ohne die Sitter kommen die Angehörigen nicht mehr aus dem Haus und der Kontakt zu Bekannten reißt nach und nach ab, weiß Kluttig zu berichten. "Darum ist diese Arbeit der Ehrenamtlichen und ihre Zeit für den Klönschnack mit den Angehörigen bei einer Tasse Tee unbezahlbar und von professionellen Pflegediensten nicht zu leisten", unterstreicht Kluttig. Wer sich für den Sitterdienst interessiert, kann sich bei Hildegard Kluttig unter Telefon 04222/942041 melden. (epd
Niedersachsen-Bremen/b2197/22.07.04)
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