Niedersächsisches Jugendprojekt gegen Rechts

Nachricht 13. Mai 2004

Bunt statt braun -
Niedersächsisches Jugendprojekt gegen Rechts zieht weite Kreise

Von Dieter Sell (epd)

Oederquart/Kr. Stade (epd). 80 Seiten stark, auf dem Titel die europaweit seit den Protesten gegen den Irak-Krieg sattsam bekannte "Pace"-Fahne: Pastorin Mirjam Schmale aus Oederquart bei Stade hält ein Taschenbuch in der Hand, das es in sich hat. Über ein Jahr haben mehr als 40 Jugendliche daran gearbeitet, Texte für den Frieden gesammelt und selbst geschrieben. "Bunt statt braun" heißt ihr Projekt, das nun national und international Kreise zieht. Eine Erfolgsgeschichte aus der tiefsten Provinz.

Zu den Autoren und Autorinnen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren gehört Mareike Ahlf. Die 16-Jährige hat sich im evangelischen Jugendforum Freiburg-Oederquart mit dem Nationalsozialismus damals und dem Rechtsradikalismus heute in der Region Nordkehdingen an der Elbe beschäftigt. Mit Zeitzeugen zu sprechen, vor Ort zu recherchieren, das sei interessanter als der Unterricht in der Schule, lautet ihre Bilanz.
"Das ist viel intensiver - und das ganze Dorf hat uns unterstützt."

Den Anstoß für das Thema gab der Widerstand gegen Neonazis, die in Freiburg an der Elbe eine Kneipe übernehmen wollten. "Aber Nordkehdingen stand geschlossen dagegen", erinnert sich Mirjam Schmale. Über einen Buß- und Bettags-Gottesdienst und eine Sommerfreizeit in Italien wurde die Beschäftigung mit der braunen Vergangenheit und der rechtsradikalen Gegenwart immer intensiver.

Unter der Sonne von Umbrien suchten die Jugendlichen in der Bibel nach Beispielen der Freundschaft und der Verständigung, denen sie selbst geschriebene Gedichte gegenüberstellten. "Junge Gedanken, die zusammen mit ihren Fotos, Kohlezeichnungen und Kunstwerken einladen, neu über die alten Texte nachzudenken und dabei eigene bunte Friedenswege zu gehen", freut sich Schmales Kollegin Eva Rummel über das Ergebnis.

Vor der Tour spendeten die Dörfler in der strukturschwachen und durch Arbeitslosigkeit belasteten Region knapp 7.000 Euro, damit jeder, der wollte, nach Italien mitfahren konnte. Auch die Kirche gab Geld dazu. Zum Schluss war sogar das Buch finanziert, das nun im Berliner WDL-Verlag mit einer Startauflage von 300 Exemplaren erscheint.

Landesbischöfin Margot Käßmann kommt am Sonntag zur Buchpremiere nach Oederquart. Über Himmelfahrt sollen die Nordkehdinger "Bunt statt braun" auf einer Jugendkonferenz zu Demokratie und Toleranz in Berlin vorstellen. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat sie zu einem Seminar über Zivilcourage eingeladen. Und im Herbst will das Forum nach London fahren, um dort eine Spende für den Kampf gegen Jugendarmut zu übergeben.

"Das Buch ist ein wunderbares Zeichen", sagt Eva Rummel. "Jugendliche engagieren sich allen Unkenrufen zum Trotz für unsere Gesellschaft." Mit ein wenig Stolz in der Stimme zieht auch Mareike Ahlf stellvertretend für alle Beteiligten eine rundum positive Bilanz. "Mit anderen Menschen zu sprechen, das war toll und aufregend. Mein Selbstbewusstsein ist gewachsen. Ich habe viel gelernt." (epd
Niedersachsen-Bremen/b1469/13.05.04)

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