EKD-Ratsvorsitzender: Religiöse Fragen werden künftig wieder wichtiger

Nachricht 23. April 2004

Das Allerschlimmste: Wenn Menschen nach Religion fragen, aber die Kirche nicht antworten kann

B e r l i n (idea) – Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber (Berlin), rechnet damit, daß es in Deutschland in den nächsten Jahren eine größere Wahrnehmungsbereitschaft für religiöse Fragen geben wird. Das erklärte der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz in einem Interview mit dem Spiegel-Redakteur Stephan Berg. Es ist unter dem Titel „Vor Gott und den Menschen“ als Buch im Berliner Wichern-Verlag erschienen. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel präsentierte das neue Buch am 20. April vor der Presse. Wie Huber in dem Interview weiter sagte, muß sich die Kirche auf berechtigte Kritik einlassen, die ihr mangelnde Sprachfähigkeit vorwerfe. „Das Allerschlimmste, was passieren könnte, wäre doch, daß Menschen wieder nach der Religion fragen, die Kirche aber diese Sprache verlernt hat, weil sie gedacht hat, die Leute verstehen sie nicht mehr“, so Huber in dem Buch. Die Kirche dürfe nicht sagen: „Weil es Leute gibt, die uns nicht mehr verstehen, reden wir nur noch wie eine Sozialagentur und lassen alles andere weg.“

Plädoyer für kinderfreundliche Familienpolitik
Weiter plädierte der EKD-Ratsvorsitzende für eine kinderfreundlichere Familienpolitik. Ein Skandal sei es, wenn in einem Land, in dem es immer noch Wohlstand gebe, Kinder ein Armutsrisiko darstellten. Es könne nicht sein, daß jene, die auf Kinder verzichten, im Blick auf Lebensstandard, Lebensqualität und Alterssicherheit besser dastünden, als jene, die für Kinder Verantwortung übernehmen. Der Mut zu Kindern und der Mut zur Zukunft hingen direkt zusammen, so Huber. Auch in evangelischen Traugesprächen sollte dies vermehrt erörtert werden. Zwar könne man die Lehre, wonach der einzige Zweck der Ehe die Fortpflanzung sei, berechtigterweise kritisieren. „Aber nun sind wir auf der anderen Seite vom Pferd gefallen und haben das Thema tabuisiert.“

Abtreibung: Eine Schwangerschaftsberatung muß der Mutter eine Lösung bieten
Huber sprach sich auch für eine Überprüfung der derzeit geltenden Regeln zum Schwangerschaftsabbruch aus. Eine Schwangerschaft sei immer eine Symbiose zwischen dem Embryo und seiner Mutter. „Wenn es zwischen dieser Mutter und dem werdenden Leben einen Konflikt gibt, dann haben wir eine elementare Verpflichtung darin, diesen Konflikt ernstzunehmen“, so Huber. Kirchliche Beratungen müßten beide ernstnehmen, das ungeborene Kind und die Mutter. „Wenn die Mutter auf dem Weg der Begleitung und Beratung keine Lösungsmöglichkeit sieht, müssen wir hinnehmen, daß sie sich gegebenenfalls zur Beendigung der Schwangerschaft entscheidet.“ Ziel jeder kirchlichen Beratung müsse aber die Hoffnung sein, daß die Schwangerschaft als Lebensverhältnis gelinge. „Wenn aber die jetzige Regelung gegen den Wortlaut des Gesetzes im Sinne einer Schwangerschaft auf Probe interpretiert wird, dann muß der Gesetzgeber tätig werden“, so Huber. Der bloße Hinweis auf soziale Schwierigkeiten oder Ausbildungserfordernisse sei kein ausreichender Grund für die Beendigung einer Schwangerschaft. Schon das derzeitige Verhältnis zwischen Schwangerschaftsabbrüchen und Geburten müßte zu Konsequenzen führen, so Huber. „Auf vier Geburten kommt heute ein Abbruch – das ist ein Verhältnis, bei dem mir schwindelig wird.“
046/2004/2)

Copyright: Evangelische Nachrichtenagentur idea
E-Mail: idea@idea.de