Tacheles: Gläserne Gene - Schützt uns ein Gesetz?

Nachricht 19. April 2004

Tacheles am 20. April 2004
19.00 Uhr, Marktkirche Hannover

Mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber, Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, dem Biotechnologie-Experten Prof. Dr. Hans Günter Gassen (CDU), den Betroffenen Dieter Buchal und Jeannette Drygalla.

Der Markt für Gentests boomt. Zehntausende Männer lassen die Gene ihrer Kinder testen, um herauszufinden, ob sie wirklich der Vater sind. Mit immer genaueren Gentests werden Krankheitsrisiken bestimmt – totale Kontrolle oder eine Chance zu besserer Gesundheitsvorsorge? In Hessen wurde eine Lehrerin nicht verbeamtet, weil sie möglicherweise erbkrank ist. In England gewähren Versicherungen Kunden günstigere Tarife, wenn sie einen Gencheck vorweisen. Die Bundesregierung kündigte ein Gentestgesetz an.

„Vaterschaftstests ohne die Einwilligung des Kindes sind heute schon rechtswidrig", meint Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD). Die Ministerin ärgert sich über die aggressive Werbung von Gentestlabors, die auf Plakaten fragen: „Sind Sie eigentlich der Vater?“

Gentests seien ethisch problematisch, wenn unheilbare Krankheiten entdeckt werden, warnt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber. „Eine Weitergabe der Ergebnisse von Gentests an Arbeitgeber oder Versicherungen ohne Zustimmung der betroffenen Person muss aus¬geschlossen sein, da sie gegen das Selbstbestimmungsrecht verstößt.“

Sinnvoll eingesetzte Gentests können Leben retten, betont der Biochemie-Professor Hans Günter Gassen, Berater der Unionsfraktion im Bundestag. Von einem Gentestgesetz hält der Experte nichts – der Staat solle sich hier nicht einmischen, sondern die Gendiagnostik den Ärzten überlassen. Vaterschaftstests müssten auch ohne Einwilligung aller Beteiligten möglich sein, meint Gassen – im Sinne einer Waffengleichheit der Geschlechter.

Dieter Buchal hat heimlich einen Vaterschaftstest machen lassen und so herausgefunden, dass er gar nicht Vater einer 8-Jährigen Tochter ist. Von seiner Ex-Partnerin fühlt er sich belogen und betrogen. Das geplante Verbot von Tests ohne Einwilligung von Mutter und Kind lehnt Buchal ab. Männer hätten das Recht zu erfahren, ob sie tatsächlich Vater sind.

"Wenn Gentests gemacht werden wie ein Haartest beim Friseur, finde ich das sehr problematisch", meint Jeannette Drygalla. Sie selbst ließ ihre Gene testen, weil Mutter und Großvater an einer tödlichen Erbkrankheit starben. Betreut wurde sie dabei von einem Psychologen und einer Ärztin.

Sind das Ihre Augen, Ihr Mund, Ihre Nase? so warb die Firma Biotix für Vaterschaftstests. Biotix-Geschäftsführer Thomas Krahn ist zu Gast am Tacheles-Stehtisch. Ein Verbot heimlicher Tests bringe nichts, glaubt Krahn, dann würden die Tests im Ausland gemacht.

Es moderieren Hanna Legatis (NDR) und Pastor Jan Dieckmann (Ev. Rundfunkreferat)

TV-Hinweis: Phoenix, der Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF,
überträgt die Debatte am Mittwoch, 21. April, 16.30 Uhr, Samstag, 24. April, 22.15 Uhr, und Sonntag, 25. April, 17 Uhr.

Hörfunk: NDR Info, das Informationsprogramm des Norddeutschen Rundfunks,
strahlt eine Zusammenfassung der Debatte am Mittwoch, 21. April, um 19.38 Uhr aus.

Internet: Hintergrundinformationen zur Sendung sind im Internet zu lesen unter www.tacheles.net, dort wird auch bereits im Vorfeld der Sendung diskutiert
und die Debatte im Anschluss dokumentiert.