Rat der EKD: Erklärung zu Kindertageseinrichtungen

Nachricht 02. April 2004

Wo Glaube wächst und Leben sich entfaltet

Huber stellt Erklärung des Rates zu Kindertageseinrichtungen vor

Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, hat am Donnerstag in Berlin die Erklärung des Rates: „Wo Glaube wächst und Leben sich entfaltet“ vorgestellt. In dem im Gütersloher Verlagshaus erschienenen Buch wird „Der Auftrag evangelischer Kindertageseinrichtungen“ dargestellt. Die EKD sehe in den Kindertageseinrichtungen einen "besonderen Schatz der Kirche", erklärte Huber auf einer Pressekonferenz und plädierte für einen "doppelten Paradigmenwechsel" in Kirche und Gesellschaft, einen Wechsel zugunsten der Kinder und zugunsten ihrer ganzheitlichen Bildung.

Lebensorientierung im umfassenden Sinn sei das Ziel von Elementarbildung, so Huber. "Einer nur auf die Vermittlung von Fertigkeiten und deren spätere Nützlichkeit ausgerichteten Bildungsvorstellung widersprechen wir." Vor allem die kirchlichen Institutionen sollten sich an einem solchen ganzheitlichen Verständnis von Bildung orientieren. Sie auf diesem Weg zu stärken und die Mitarbeiterschaft auf diesem Weg zu ermutigen, sei die wichtigste Zielsetzung des vorgestellten Textes.

Zur Bildungsverantwortung der evangelischen Kirche gehöre auch die Förderung von sozialer Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit. Huber plädierte für eine Reform der Aus- und Fortbildung der in Tageseinrichtungen beschäftigten Fachkräfte. Innerhalb der jeweils erreichbaren finanziellen Rahmenbedingungen sei zumindest für das Leitungspersonal der Einrichtungen ein Fachhochschulabschluss anzustreben.

Mit der Erklärung des Rates äußert sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) erstmalig umfassend und grundsätzlich zur Frage der Zukunft der etwa 9.000 evangelischen Kindertagesstätten, in denen rund 61.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftigt sind und etwa 540.000 Kinder betreut werden. Die evangelische und die katholische Kirche zusammen sind mit einem Marktanteil von 50 Prozent die größten freien Träger von Kindertageseinrichtungen in Deutschland.

Hannover/Berlin, 1. April 2004
Pressestelle der EKD
Christof Vetter

Hinweis:
“Wo Glaube wächst und Leben sich entfaltet. Der Auftrag evangelischer Kindertageseinrichtungen. Eine Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“ ist erschienen im Gütersloher Verlagshaus (1. April 2004) und kann im Buchhandel bezogen zum Preis von 5,95 Euro.

Auszüge finden Sie im Internet unter: http://www.ekd.de/weitere_texte

Pressestatement von Wolfgang Huber im Wortlaut:

Bischof Dr. Wolfgang Huber
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

Pressestatement zur Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland
„Wo Glaube wächst und Leben sich entfaltet: Der Auftrag evangelischer Kindertageseinrichtungen“

Berlin, 1. April 2004 - Es gilt das gesprochene Wort!

Elementarbildung, also Bildung im vorschulischen Bereich, zieht neuerdings verstärkte Aufmerksamkeit auf sich. Die Kirchen haben an diesem Bereich einen erheblichen Anteil. Im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt es ungefähr 9.000 evangelische Kindertagesstätten, in denen rund 61.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftigt sind und etwa 540.000 Kinder betreut werden. Die evangelische und die katholische Kirche zusammen sind mit einem Anteil von 50% die größten freien Träger von Kindertageseinrichtungen in Deutschland. Die evangelische Kirche hat darum allen Grund, sich in die Diskussion um den Wert frühkindlicher Bildung aktiv einzuschalten und ihre Position in dieser Diskussion darzulegen. Wir tun dies auf dem Hintergrund einer umfassenden Bildungskonzeption, die wir im Jahr 2003 in der Denkschrift „Maße des Menschlichen. Evangelische Perspektiven zur Bildung in der Wissensgesellschaft“ vorgelegt haben. Konsequenzen für den Elementarbereich ziehen wir mit der Schrift, die ich Ihnen heute vorstellen möchte: „Wo Glaube wächst und Leben sich entfaltet: Der Auftrag evangelischer Kindertageseinrichtungen“.

Zum ersten Mal wird in dieser Schrift für den evangelischen Bereich umfassend und grundsätzlich zur Konzeption der Bildungsarbeit in Kindertageseinrichtungen und zur Zukunft dieser Einrichtungen Stellung genommen.

Die EKD sieht in den Kindertageseinrichtungen einen besonderen "Schatz der Kirche" und zugleich einen wichtigen Beitrag zum Bildungsauftrag der Gesellschaft insgesamt. Wir plädieren für einen "doppelten Paradigmenwechsel" in Kirche und Gesellschaft, einen Wechsel zugunsten der Kinder und zugunsten von Bildung.

Ein Paradigmenwechsel zugunsten der Kinder: Unser Bildungskonzept insgesamt orientiert sich am Gedanken der Gottebenbildlichkeit des Menschen und damit an der Vorstellung von der gleichen Würde jedes Menschen. Deshalb wollen wir Menschen auf jeder Stufe ihrer biographischen Entwicklung in ihrem Personsein wahrnehmen und fördern. Das gilt auch für Kinder auf den frühen Stufen ihrer Entwicklung. Es ist nicht angemessen, in ihnen nur Adressaten oder gar Objekte von Betreuung zu sehen. Ebenso unangemessen aber ist es, sie nur unter dem Gesichtspunkt ihrer späteren wirtschaftlichen Nützlichkeit zu betrachten und deshalb schon die Phase der Kindheit vorrangig unter den Aspekt späterer Leistungsanforderungen zu rücken. Wir sind vielmehr davon überzeugt, dass jede Lebensstufe und jede Lebenslage in ihrem eigenen Gewicht gewürdigt werden muss.

Ein Paradigmenwechsel zugunsten von Bildung: An die Stelle einer bloßen Betreuung im Vorschulalter tritt Elementarbildung. Dieser Wandel ist bereits in vollem Gange. Aber unter Bildung ist dabei eine ganzheitliche Persönlichkeitsbildung verstanden; Lebensorientierung im umfassenden Sinn ist das Ziel. Einer nur auf die Vermittlung von Fertigkeiten und deren spätere Nützlichkeit ausgerichteten Bildungsvorstellung widersprechen wir. An einem ganzheitlichen Bildungsverständnis sollen sich vor allem auch die eigenen kirchlichen Institutionen orientieren. Sie auf diesem Weg zu stärken und die Mitarbeiterschaft auf diesem Weg zu ermutigen, ist die wichtigste Zielsetzung dieser Schrift.

Doch wir wollen damit zugleich einen Beitrag zur allgemeinen gesellschaftlichen Diskussion leisten. Unsere Gesellschaft befindet sich in einem epochalen Umbruch. Er fordert uns alle heraus. Auch für die Kirchen ist er von einschneidender Bedeutung. Es ist wichtig, dass die Kirche in dieser Zeit die ihr gemäße Rolle in Staat und Gesellschaft bewusst und konsequent annimmt und wahrnimmt. Sie tut das übrigens nicht von außen, sondern als Teil dieser Gesellschaft. Sie bildet auch nicht einen "Staat im Staate", sondern stellt eine intermediäre Institution in der Zivilgesellschaft dar. Die Kirche hat ein eigenes Handlungsfeld von hohem Rang: Gottesdienst und Seelsorge, Gemeinschaftsbildung und Mission, Bildung und Diakonie beschreiben dieses eigene Handlungsfeld der Kirche. Aber sie wirkt zugleich in die Gesellschaft hinein. Dabei begegnet sie drei vorrangigen Herausforderungen.

• Sie tritt für ganzheitliche Bildungsprozesse ein und will unter dieser Perspektive auch das öffentliche Bildungswesen insgesamt mitprägen und mitgestalten.
• Sie nimmt ethisch-politische Verantwortung für Frieden und Gerechtigkeit wahr.
• Und sie trägt bei zu einer Kultur des Helfens in unserer Gesellschaft wie auch weltweit.

Sie trägt, mithin,

• eine wesentliche Bildungsverantwortung für das Gemeinwesen;
• sie hat ein ethisches Mandat gegenüber der Politik wahrzunehmen;
• sie hat schließlich eine diakonische Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft.

Die kirchlichen Bildungseinrichtungen für Kinder, in aller erster Linie die Kindertagesstätten, sind ein Feld, auf das sich alle drei Aspekte zugleich beziehen.

Denn in den Kindertagesstätten konkretisiert sich die kirchliche Bildungsverantwortung für eine ganzheitliche Persönlichkeitsbildung "von Anfang an". Darin liegt auch ein Beitrag zu unserem Bildungswesen im Ganzen. Dass Einrichtungen für Kinder nicht nur als Betreuungs- oder gar Aufbewahrungsmöglichkeiten, sondern als Bildungseinrichtungen zu sehen sind, sollte heute im Grundsatz unumstritten sein. Doch diesen Ansatz mit Leben zu erfüllen, bleibt eine große Aufgabe.

Tageseinrichtungen für Kinder sind aber auch ein politischer Faktor. Sie tragen durch Vermittlung von Werten und ethischen Normen zu einer ganzheitlichen Erziehung zu Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit bei und dienen damit letzten Endes auch einer Kultur des Friedens. Dies muss sich gerade unter den multikulturellen und multireligiösen Bedingungen der Gegenwart zeigen und bewähren. In evangelischen Tageseinrichtungen für Kinder muss das in einer Form geschehen, in der das christliche Profil der Einrichtungen nicht bloß gewahrt bleibt, sondern als der Ermöglichungsgrund von Freiheit, interkultureller Begegnung und Toleranz erkennbar wird.

Von bleibendem Gewicht ist schließlich auch der diakonische Aspekt: In der Wahrnehmung ihrer Bildungsverantwortung unterstützt unsere Kirche Kinder und berät Familien auf ihrem Weg durch. das Leben. Sie hilft insbesondere auch Frauen, denen in verstärktem Umfang Freiräume für gesellschaftliche und berufliche Partizipation erschlossen werden müssen.

Der Rat und die Kirchenkonferenz der EKD haben sich in den vergangenen Monaten ausführlich mit der Zukunft der kirchlichen Kindertagesstätten beschäftigt. Der Rat versteht diese Einrichtungen im eben skizzierten Sinn als Markenzeichen evangelischer Gemeinden.

Die EKD sieht in den evangelischen Kindertagesstätten vorrangig Bildungsinstitutionen und ordnet die Aspekte der Betreuung und Erziehung dem Bildungsauftrag zu. Bildung ist nach christlichem Verständnis nicht allein Wissensvermittlung, sondern meint ein umfassendes Geschehen der Persönlichkeitsentwicklung, das in der Bestimmung jedes einzelnen Menschen zum Ebenbild Gottes gründet. In ihrer Bildungsarbeit geht es der EKD daher vorrangig auch um religiöse Bildung. Diese soll den Kindern und Familien helfen, die eigene religiöse Identität zu finden und dabei die Meinung und den Glauben anderer zu achten.

Zur Bildungsverantwortung der evangelischen Kirche gehört es angesichts der größer gewordenen Schere zwischen Kindern in begünstigten und benachteiligten Lebenslagen aber auch, in den eigenen Einrichtungen soziale Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit zu fördern. Angebote zur Unterstützung der elterlichen Erziehungsleistung, die über die Betreuung der Kinder hinausgehen, müssen ausgebaut werden. Zum evangelischen Selbstverständnis gehört es ferner, Kinder mit Behinderungen in den Alltag der Kindertagesstätte zu integrieren. Kinder erleben - oft in der Nachbarschaft anderer kultureller Kontexte - evangelisches Christsein als Hilfe zum Leben; sie begegnen im Glaubenszeugnis der christlichen Gemeinde dem Gott, der Große und Kleine liebt, der Schwache stärkt und Starke in die Schranken weist, weil er Gerechtigkeit und Frieden will.

Die Qualität der pädagogischen Arbeit mit Kindern beruht auf der pädagogischen Ausbildung ihrer Erzieher/innen sowie auf der Bereitschaft der Träger und der Elternschaft, in Prozesse der Qualifizierung und Steigerung der eigenen Erziehungs- und Bildungskompetenz einzutreten. Dafür setzt sich die evangelische Kirche ein. Wir halten eine Reform der Aus- und Fortbildung der Fachkräfte für dringend nötig. Im Rahmen der jeweils erreichbaren finanziellen Rahmenbedingungen ist zumindest für das Leitungspersonal der Einrichtungen ein Fachhochschulabschluss anzustreben.

Zugleich erinnert die evangelische Kirche den Staat an die Wahrnehmung seines Bildungsauftrages, der sich mit dem spezifischen Bildungsauftrag der Kirche überschneidet, ohne mit ihm identisch zu sein. Sie wirkt darauf hin, dass er die dem Rechtsanspruch unterliegenden Kindertagesstättenplätze zunehmend staatlich voll finanziert und somit finanzielle Rahmenbedingungen schafft, die Beitragsfreiheit gewährleisten.

Die Frage der kirchlichen Kindertagesstätten ist eine Zukunftsfrage für Kirche und Gesellschaft. Denn im Kindergartenalltag ist die Kirche von Morgen schon lebendig; in den sich hier vollziehenden Integrationsprozessen wird die Gesellschaft der Zukunft exemplarisch vorweggenommen. Die EKD stimmt deshalb Donata Elschenbroich zu: "Die Zukunft lernt im Kindergarten." Weil das so ist, lädt die EKD zu dem doppelten Paradigmenwechsel ein.