"Fest auftreten und Kopf hoch" - Anti-Gewalt-Training

Nachricht 25. März 2004

"Fest auftreten und Kopf hoch" -
Eine Pädagogin aus Hameln gibt in Schulen Anti-Gewalt-Training - (mit Bild)

Von Michael Grau (epd)

Hameln (epd). Malte kann es kaum erwarten: "Jetzt geht`s zur Sache", sagt er. Zwölf Schüler setzen sich in der Mitte des Klassenzimmers im engen Kreis auf den Boden und haken Arme und Beine ein. Fünf weitere werden gleich hereinkommen und versuchen, die Gruppe auseinander zu reißen. Anti-Gewalt-Training in der Klasse 8e der Schule im Hummetal:
Mit Rollenspielen stellen die 14- bis 16-jährigen Hauptschüler aus Aerzen bei Hameln Konfliktsituationen nach und üben, gewaltfrei zu reagieren.

Klassenlehrerin Christel Gietmann, beunruhigt durch Fälle von Schüler-Gewalt in Hildesheim und anderen Orten, hat an diesem Vormittag Mathe, Deutsch und Englisch ausfallen lassen und dafür die Sozialpädagogin und Deeskalationstrainerin Silvia Büthe eingeladen.
"Immer nur reden bringt nichts", sagt Gietmann. "Die Schüler müssen es selbst erleben." An diesem Tag erleben sie, wie Simon, Patrick, Daniel, Jenny und Celina trotz heftiger Gegenwehr einen nach dem anderen aus der eingehakten Schüler-Gruppe reißen.

Nur Malte, Tim und Udo haben sich so fest aneinander geklammert, dass nichts zu machen ist. Die drei sind die Sieger - und hängen hinterher erschöpft in ihren Stühlen. "Bei diesem Spiel merken sie, was man zusammen bewegen kann", sagt Trainerin Silvia Büthe. Die Pädagogin ist von einer Hamelner evangelischen Kirchengemeinde eigens für die Anti-Gewalt-Arbeit angestellt.

Sie zieht durch die Region, um Schulklassen und Jugendgruppen die Wege und Ziele der Deeskalation nahe zu bringen - ein in Niedersachsen einmaliges Modell. Dafür greift Büthe auf Methoden eines Projektes in Nordrhein-Westfalen zurück, das vom dortigen Landesjugendamt unterstützt wird. Sie lässt Konflikte im Bus, auf der Straße, auf dem Schulhof und im Klassenzimmer nachspielen und analysiert sie mit den Schülern.

"Mit Gewalt kommt ihr im Leben nicht voran", schärft Büthe den Jugendlichen ein. Denn wer sich eine Anzeige einhandelt, verbaut sich Chancen. Und wer bei einer Schlägerei zuschaut, macht sich mit schuldig:
"Durch Umstehende werden Prügeleien viel brutaler." Denn dann müssen sich die Streithähne beweisen und können nicht mehr zurück. Wichtig ist der Pädagogin, dass die Schüler nicht in eine Opferrolle hineingeraten.
Hängende Schultern, kurze Schritte, gesenkter Kopf: So sieht es aus, das potenzielle Opfer.

"Genau solche Leute, die sich klein machen, picken sich Schlägertypen heraus", erklärt Silvia Büthe. Deshalb übt sie mit den Schülern die richtige Körperhaltung: fester Stand, Kopf hoch, dem anderen in die Augen sehen und ihn anreden. "Derjenige, dem ihr so entgegentretet, wird euch garantiert nicht die Fresse polieren", sagt sie in reinstem Schülerdeutsch. Jeder muss diese Haltung vormachen, die Hand nach vorne strecken und "Stop" rufen. Denn gegen Gewalt hilft laut Büthe nur Ruhe, Mut und Stärke.

Die Schüler danken es ihr nach der sechsten Stunde mit Applaus. "Es war cool", sagt Tim, der in Hameln schon mal Ärger mit anderen Jugendlichen hat. Wenn es wieder Stress gibt, will er die Anti-Gewalt-Methoden ausprobieren. (epd Niedersachsen-Bremen/b0854/25.03.04)

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