Wenn die Gesundheitsreform krank macht -

Nachricht 29. Januar 2004

Benachteiligte reagieren mit Panikattacken und tiefen Krisen

Von Dieter Sell (epd)

Bremen (epd). Frau K. leidet unter einer schweren Persönlichkeitsstörung. Sie lebt allein in ihrer Wohnung und bekommt Sozialhilfe. Im Januar musste sie bereits 43 Euro für Ergotherapie, Praxis- und Rezeptgebühr bezahlen. Auf die zusätzlichen Belastungen durch die Gesundheitsreform reagiert die 28-Jährige mit Panikattacken. Ihr Beispiel sei kein Einzelfall, kritisiert Heiko Münch, Bereichsleiter für psychosoziale Hilfen beim Verein für Innere Mission in Bremen.

Die junge Frau, die wegen ihrer Schizophrenie auf die ambulante Hilfe der Inneren Mission und regelmäßige Arztbesuche angewiesen ist, treibt die Angst. Sie fürchtet, hungern zu müssen und ihre Wohnung zu verlieren. Um Geld zu sparen, will sie nun ihre Ergotherapie abbrechen. "Die Folgen für ihre psychische Gesundheit können einen teuren Krankenhausaufenthalt nötig machen", warnt Münch. Das wäre dann eine Kostensteigerung statt einer Kostendämpfung.

Seit dem 1. Januar müssen auch Sozialhilfeempfänger ein bis zwei Prozent ihrer Einkünfte für Praxisgebühren und Zuzahlungen bei Heilmitteln, Medikamenten und Krankenhausaufenthalten aufwenden. Die bisherigen Befreiungen wurden abgeschafft. Das gilt auch für psychisch behinderte Menschen, alte Heimbewohner und Obdachlose. "Die Gesundheitsreform belastet diejenigen am meisten, die ohnehin am Ende der Einkommensskala stehen und jetzt in tiefe Krisen gestoßen werden", sagt Münch.

Sie seien bei dem Gesetz wohl schlicht "vergessen worden", vermutet der Sozialexperte und fordert dringend Nachbesserung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss von Kassenärzten und Krankenkassen. Fachkräfte aus der Obdachlosen- und der Altenhilfe sowie der offenen Sozialberatung unterstützen sein Anliegen. Rezeptfreie Arzneien spitzten die Lage zu. "Sie werden zwar vom Arzt verordnet, müssen von den Kassenmitgliedern aber aus der eigenen Tasche gezahlt werden", sagt Bettina Töpke, Leiterin des diakonischen Altenpflegeheimes Kirchweg in Bremen.

Dadurch kämen schnell Summen von monatlich rund 100 Euro zusammen. "Wie sollen das Menschen im Heim leisten, die nur über ein kleines Taschengeld verfügen?", fragt Töpke. Praxisgebühr und Zuzahlungen wirken sich ähnlich negativ auf die medizinische Notversorgung in der Obdachlosenhilfe aus. "Wenn wir Geld verlangen, kommt keiner mehr", warnt Bereichsleiter Bertold Reetz. Jahrelange Rehabilitations-Anstrengungen könnten so zunichte gemacht werden.

Die Notversorgung hält die Innere Mission durch Spenden offen. Gänzlich undenkbar sei es, dass obdachlose und psychisch kranke Menschen Belege sammeln, um sich von den Zuzahlungen befreien zu lassen, sagen die Experten. Unterdessen hat das Amt für Soziale Dienste die Sozialhilfeempfänger in einem Rundschreiben aufgerufen, für die neuen Lasten "im Laufe des Jahres Ansparungen vorzunehmen". Münch schüttelt mit dem Kopf: "Wie sparen, wenn man schon nicht mehr weiß, wie man die Lebensmittel bezahlen soll?" (epd Niedersachsen-Bremen/b0273/28.01.04)
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