Bundespräsident empfing über 170 Jugendliche, die sich mit “Glauben und Werten” beschäftigten

Nachricht 21. Oktober 2003

B e r l i n (idea) – Die junge Generation ist heute weder besser noch schlechter als in vergangenen Zeiten. Sie ist auch nicht weniger treu, steht allerdings der Institution Ehe distanzierter gegenüber. Diese Ansicht äußerte Bundespräsident Johannes Rau am 17. Oktober bei einem Empfang für die Teilnehmer des “Wochenendes der Begegnung”, das zum 13. Mal von Politikern organisiert wurde, die zum Gebetsfrühstückskreis im Bundestag gehören. Vor den über 170 Jugendlichen, die sich mit dem Thema “Glaube und Werte” beschäftigten, sagte der Bundespräsident, befragt nach der Stimmung unter jungen Deutschen, auf der einen Seite gebe es hochmotivierte junge Leute und auf der anderen solche, “für die Achselzucken die größte Bewegung” sei. Im Blick auf die Multireligiosität meinte Rau, zwischen den Anhängern aller Religionen müsse Toleranz herrschen. Sie dürfe aber nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden. So könne ein Christ nicht, wie er es bei einer Pfarrerin erlebt habe, beten: “Guter Gott, lieber Allah.” Es sei nicht so, daß alle an einen Gott glaubten. Der Dialog zwischen Religionen könne nur gelingen, wenn jeder wisse, was er glaube. Er persönlich komme bei der Lektüre der Bibel zum gleichen Ergebnis, wie es Petrus in der Apostelgeschichte (4,12) formuliert habe: daß es “in keinem anderen Heil” gebe als in Jesus Christus. Trotzdem habe er selbstverständlich Respekt vor allen Menschen, die anderes glauben.

Ein “bergischer Pietist” und sein Unmut über Predigten
Kritisch äußerte sich der Bundespräsident zum Thema “Predigten” in evangelischen Gottesdiensten. Viele Predigten wirkten, als ob religiöse Aufsätze abgelesen würden. Für geradezu gefährlich halte er es, wenn Prediger das Ergebnis ihrer Zeitungslektüre als Gottes Wort ausgäben. Manche Predigten erweckten auch den Eindruck, als ob man sich erst nach Abfassung noch um einen dazu passenden Bibeltext bemüht habe. Das aber sei für ihn keine Predigt: “Dazu bin ich dann doch zu sehr bergischer Pietist.” Gleichzeitig äußerte sich der aus Wuppertal im Bergischen Land stammende Protestant kritisch zu Erscheinungen im Pietismus. Pietisten seien ihm “meist zu traurig”. Sein Vater habe gesagt, Christen, die nicht lachen könnten, fände er zum Weinen. Raus Vater war Sekretär der Suchtkrankenhilfsorganisation “Blaues Kreuz”.

Thierse und Schäuble: Warum es wichtig ist, sich vor Gott zu verantworten
Schirmherr des “Wochenendes der Begegnung” ist Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD). Nach seinen Worten ist Religion keine Privatsache. In der Präambel des Grundgesetzes sei die Rede von der “Verantwortung vor Gott”. Deshalb hätte er es gut gefunden, wenn in der geplanten EU-Verfassung Ähnliches stünde. Dagegen wende sich aber insbesondere Frankreich. Der Satz von der “Verantwortung vor Gott” sei für ihn wichtig, weil er eine Selbstüberschätzung der Politik verhindere. Auch mache er deutlich, worauf sich die “Würde” des Menschen beziehe. Ähnlich äußerte sich der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Schäuble. Es sei “ungeheuer wichtig zu wissen, daß man einem anderen – Gott – verantwortlich ist”.

FDP-Chef: Muslime sind uns im Bundesvorstand genauso wichtig wie Kirchenmitglieder
Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle sagte, seine Partei sei “für eine völlige Pluralität auf religiösem Gebiet”. Im Bundesvorstand seiner Partei gebe es sowohl Kirchenmitglieder als auch – “und das ist genauso wichtig” – Muslime. Auf die Frage von Jugendlichen, ob er sich vor Gott verantwortlich fühle, sagte er, dies gelte für ihn persönlich, aber das müsse jeder selbst entscheiden. Die kirchen- sowie menschenrechtspolitische Sprecherin der Fraktion von Bündnis90/Die Grünen, Christa Nickels, sagte, “gläubige Menschen” sollten sich für “ein gutes Leben aller einsetzen”. Dies gelte für jede Religionsgemeinschaft. Nach Angaben der SPD-Bundestagsabgeordneten Brigitte Schulte, die zusammen mit dem katholischen CDU-Bundestagsabgeordneten Werner Lensing den Gebetsfrühstückskreis im Bundestag leitet, wird dieser Kreis von Mitgliedern aller Fraktionen besucht. Sie selbst sei vom Theologen Rudolf Bultmann (1884-1976) beeinflußt. Mittlerweile wollten 170 von den 603 Abgeordneten zu den regelmäßigen Treffen eingeladen werden. Eine Initiative des Frühstückskreises sei auch die “Internationale Berliner Begegnung”, eine Art “Nationales Gebetsfrühstück”.

Gröhe: Es gibt eine große Bereitschaft junger Christen, nach Gottes Willen zu fragen
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Hermann Gröhe, der als eine Art Leiter des “Wochenendes der Begegnung” fungiert, sagte gegenüber idea, es sei erstaunlich, wie sehr junge Christen Gott fragten, wo sie politsche Verantwortung übernehmen sollen. Das “Wochenende der Begegnung” führe Christen, die sich für Politik interessieren, mit politisch Interessierten zusammen, die durch diese Tagung auch mit Fragen des Glaubens in Berührung kämen. Gröhe ist auch Mitglied des Rates der EKD. (123/2003/2)

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