Wer wird neuer Generalsekretär des Weltkirchenrats?

Nachricht 26. August 2003

Kandidaten: Ein norwegischer Lutheraner und ein kenianischer Methodist

G e n f (idea) – Entweder ein Afrikaner oder ein Nordeuropäer wird voraussichtlich die Nachfolge des deutschen Theologieprofessors Konrad Raiser als Generalsekretär des Weltkirchenrats antreten. Als Kandidaten gelten der kenianische Methodist Sam Kobia und der norwegische Lutheraner Trond Bakkevig. Obwohl der Findungsausschuß seine Vorschläge vor der geheimen Wahl im Zentralausschuß des ökumenischen Dachverbandes am 28. August in Genf vertraulich behandelt, wurden die beiden Namen nach Angaben der ökumenischen Nachrichtenagentur ENI in der Zeitschrift des Lateinamerikanischen Kirchenrates vorab veröffentlicht.

Bakkevig ist Propst in Oslo, Mitglied im Zentralausschuß des Weltkirchenrates und früherer Generalsekretär des Rats für Auswärtige Beziehungen der norwegischen Staatskirche. Er leitete auch einen Staat-Kirche-Ausschuß, der sich für Änderungen in Richtung einer Volkskirche nach deutschem Muster aussprach.

Kobia ist als Direktor und Sonderbeauftragter für Afrika in der Genfer Weltkirchenratszentrale tätig. Der Theologe und Stadtplaner ist ein scharfer Globalisierungskritiker. Bei einer Protestaktion gegen die Verschuldung der armen Länder im Jahr 2000 in Prag sagte er, ein “Finanz-Totalitarismus” habe den stalinistischen Totalitarismus ersetzt. Der Weltkirchenrat umfaßt 342 evangelische, orthodoxe und anglikanische Kirchen in 120 Ländern. Die römisch-katholische Kirche gehört ihm nicht an, arbeitet aber in wesentlichen Gremien mit.

Finanzlage des Weltkirchenrats bleibt gespannt
Raiser (65), der den Weltkirchenrat seit 1993 leitet, scheidet Ende des Jahres aus dem Amt. Er übergibt den 1948 gegründeten ökumenischen Dachverband in einer kritischen Phase. Die finanzielle Lage ist äußerst gespannt. Im vorigen Jahr lagen die gesamten Beiträge in Höhe von 27,2 Millionen Euro um über zwei Millionen niedriger als 2001. Etwa 30 Prozent der Beiträge kommen aus Deutschland. Obwohl die Zahlungsmoral der Mitgliedskirchen gestiegen ist – 2001 zahlte etwas mehr als die Hälfte einen Obolus, 2002 waren es zwei Drittel – kommt immer noch der Löwenanteil aus vier Ländern: Deutschland, Schweden, den USA und den Niederlanden. Die Belegschaft der Genfer Weltkirchenratszentrale ist seit den neunziger Jahren von 300 auf 150 Stellen geschrumpft.

Spannungen zwischen Ost und West
Intern ist die Lage des Weltkirchenrats durch Spannungen zwischen den orthodoxen Kirchen auf der einen Seite sowie den evangelischen und anglikanischen auf der anderen gekennzeichnet. Die Orthodoxen beklagen eine Vorherrschaft westlicher Theologie und Kirchenlehre, zum Beispiel die Ordination von Frauen und Homosexuellen. Die von einer Sonderkommission unter Mitvorsitz des EKD-Auslandsbischofs Rolf Koppe (Hannover) vorgeschlagenen Änderungen im Beschlußverfahren (Konsens statt Abstimmung) und im geistlichen Leben (Konfessionelle und interkonfessionelle Andachten statt ökumenischer Gottesdienste) führten im vorigen Jahr zum Auszug der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann aus dem Zentralausschuß, dem sie 19 Jahre angehörte. Sie protestierte gegen zu große Zugeständnisse gegenüber den orthodoxen Kirchen.

Raiser wird auf der Zentralausschußtagung vom 26. August bis 2. September auch Vorschläge für eine Neugestaltung der Ökumene vorlegen. Er hat bereits Visionen von einem “ökumenischen Raum” entwickelt, der über die Beziehungen zwischen verfaßten Kirchen hinausreicht. So könnten etwa auch kirchennahe Organisationen im Bereich von Diakonie oder Mission erfaßt werden. Zudem ist an Bewegungen gedacht, die dem Weltkirchenrat bisher distanziert gegenübertehen wie die in der Dritten Welt schnell wachsenden Pfingstkirchen und charismatische Gemeinden.
Copyright: Evangelische Nachrichtenagentur idea
E-Mail: idea@idea.de