Evangelischer Propst von Jerusalem ruft zur Fürbitte auf

Nachricht 22. August 2003

Evangelischer Propst von Jerusalem ruft zur Fürbitte auf: “Wir sind am Ende”

Erneut Blutvergießen im Heiligen Land - Israel-Sonntag: EKD-Ratsvorsitzender mahnt zum Frieden

Jerusalem / Hannover / Genf (idea) – Das erneute Aufflammen des Nahostkonflikts treibt Christen ins Gebet. Bei einem palästinensischen Selbstmordanschlag auf einen Bus in Jerusalem wurden am 19. August 18 Menschen getötet und rund 100 verletzt, darunter 40 Kinder. Zwei Tage später tötete die israelische Armee den Führer der Terrororganisation Hamas, Ismail Abu Schanab, in Gaza-Stadt mit fünf Raketen. Dabei wurden 15 Passanten verletzt. Hamas und die Gruppe “Islamischer Dschihad” beendeten daraufhin auch offiziell die Ende Juni vereinbarte Waffenruhe.

Der evangelische Propst von Jerusalem, Martin Reyer, bat jetzt in einem Brief an die Landeskirchen in Deutschland um Fürbitte für die Menschen im Heiligen Land. Aus eigener Kraft werde es ihnen nicht gelingen, Sicherheit für die einen, nämlich die Israelis, und Selbstbestimmung für die anderen, die Palästinenser, zu erreichen. Reyer: “Die Menschen haben kaum noch die Kraft, an einen Frieden zu glauben.” “Wir sind am Ende”, heißt es in einem Gebet, das die deutschsprachige evangelische Gemeinde in Jerusalem am Israel-Sonntag, dem 24. August, beten wird. “Zeig Du uns die Wege miteinander zu leben, vergib alle Schuld und laß über dem vergossenen Blut der vergangenen Jahre Brücken der Versöhnung wachsen.”

Der EKD-Ratsvorsitzende, Präses i.R. Manfred Kock (Köln), beschwor die Vertreter von Juden, Christen und Moslems im Nahen Osten, in ihren Friedensbemühungen nicht nachzulassen. Der Israel-Sonntag wird seit dem Mittelalter im Christentum am 10. Sonntag nach Trinitatis gefeiert und ist dem Gedenken an die Zerstörung des jüdischen Tempels gewidmet. Seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist der Tag auch verbunden mit dem Gedenken an die nationalsozialistische Judenverfolgung sowie mit dem Verhältnis von Kirche und Israel.

Gemeinsame Erklärung von Moslems, Juden und Christen kaum zur Kenntnis genommen
Der Ratsvorsitzende erinnert in einer von der EKD-Pressestelle in Hannover verbreiteten Mitteilung zum Israel-Sonntag an die von führenden Vertretern von Juden, Moslems und Christen verabschiedete Alexandria-Erklärung. Deren ökumenische und politische Bedeutung sei in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen worden.

In der Erklärung, die im Januar 2002 im ägyptischen Alexandria bei einer Konferenz unter Vorsitz des damaligen anglikanischen Primas, Erzbischof George Carey (London), verabschiedet wurde, verpflichteten sich die Religionsvertreter dem Haß und der Diffamierung entgegenzutreten und jede Form der Gewalt als Problemlösung zu verurteilen. Die Führer Israels und der palästinensischen Gebiete wurden aufgerufen, sich für eine “gerechte, sichere und dauerhafte Lösung im Geiste Gottes und der Propheten” einzusetzen.

Im Brennpunkt der Auseinandersetzungen: der Tempelberg
Ein Brennpunkt der Auseinandersetzungen zwischen Juden und Moslems ist der Tempelberg in Jerusalem, der für beide Religionen zu den heiligsten Stätten zählt. Der Bibel zufolge baute König Salomo (965-926 v.Chr.) an dieser Stelle einen Tempel, den die Babylonier im 6. Jahrhundert v.Chr. zerstörten. Den zweiten Tempel an gleicher Stelle rissen die Römer 70 n.Chr. nieder. Im Jahr 638 eroberten die Moslems Jerusalem. Sie errichteten auf dem Tempelberg den Felsendom an der Stelle, von der aus nach islamischer Tradition der Prophet Mohammed in den Himmel gefahren sein soll. Später bauten sie daneben die El-Aksa-Moschee, die zu ihren wichtigsten Gebetsstätten gehört.

Die jüngste Phase des Palästinenseraufstands begann Ende September 2000 nach einem Besuch des damaligen israelischen Oppositionsführers und heutigen Ministerpräsidenten Ariel Scharon auf dem Tempelberg. Seither sind bei über 80 Terroranschlägen rund 600 Tote zu beklagen gewesen. In dieser Zeit hat die islamische Verwaltung des Tempelbergs diese heilige Stätte für Nicht-Moslems geschlossen. Ungeachtet der jüngsten Anschläge stellte jedoch die israelische Polizei am 20. August den Zugang für nicht-moslemische Besucher wieder her.

Weltkirchenrat: “Palästinensische Siedlungen werden zu großen Gefängnissen”
Ein weiterer Streitpunkt ist der Sicherheitszaun, den Israel an den Palästinensergebieten errichtet. Nach Ansicht einer Delegation des Weltkirchenrats verstößt die Anlage gegen das Völkerrecht. Die Reisegruppe traf bei einem dreitägigen Besuch Mitte August mit kirchlichen Repräsentanten, Palästinenserführer Jassir Arafat und dem Leiter des Büros für Religiöse Angelegenheiten im israelischen Außenministerium, Gadi Golan, zusammen.

Bei den Gesprächen ging es besonders um die Lebenssituation der palästinensischen Christen. “Durch den Sicherheitszaun, geschlossene Grenzen und Kontrollstellen haben sich die palästinensischen Siedlungen in große Gefängnisse verwandelt, die vor Frustration brodeln”, so der Direktor des Auswärtigen Ausschusses des Weltkirchenrats, Peter Weiderud (Genf). Wörtlich sagte er: “Wir sind überzeugt, daß Israels militärische Besatzung palästinensischer Gebiete eine Hauptursache für den palästinensischen Terror ist, und wir glauben, daß das Ende der Besatzung politisch erreicht werden kann.”
(098/2003/3)
Copyright: Evangelische Nachrichtenagentur idea
E-Mail: idea@idea.de