Landesbischöfin: "... kräftig in die Welt einmischen"

Nachricht 24. Juli 2003

Pressemitteilung von der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Winnipeg (Kanada)

Winnipeg (Kanada), 23. Juli 2003 - Die hannoversche Landesbischoefin Dr. Margot Kaessmann hat ChristInnen dazu aufgerufen, sich mit ihrer Hoffnung, dass die Menschen in Gerechtigkeit und Frieden miteinander leben koennen, kraeftig in diese Welt einzumischen, um zur Heilung der Welt beizutragen. Heilsam fuer die Welt sei nicht eine Globalisierung von Waren, Konzernen und Maerkten, die keinen Respekt vor unterschiedlichen Kulturen kennen wuerden. Heilung entstehe durch eine Globalisierung der Botschaft von der Liebe Gottes, eine Globalisierung von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schoepfung, betonte Bischoefin Kaessmann am 23. Juli in ihrem Hauptreferat zum Thema der Zehnten Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) "Zur Heilung der Welt".

Die LWB-Vollversammlung mit rund 800 TeilnehmerInnen findet vom 21. bis 31. Juli im kanadischen Winnipeg statt, Gastgeberin ist die Evangelisch-Lutherische Kirche in Kanada (ELKIK).

In der Nachfolge Jesu koennten ChristInnen Hoffnung fuer die Welt geben. "Wir hoffen auf den neuen Himmel und die neue Erde, wir haben Hoffnung ueber die Welt hinaus", so Kaessmann, seit 1999 Bischoefin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers. Kaessmann ist die zweite von gegenwaertig drei Bischoefinnen in Deutschland.

"Wir sind als Christinnen und Christen Volk Gottes aus allen Voelkern - das bleibt die biblische Vision!" Von dieserHoffnung her gelte es, darum zu ringen, eine Kontrastgesellschaft schon "im Hier und Jetzt" erkennbar werden zu lassen, eine Gesellschaft, die nicht den Gesetzen des Staerkeren, der Macht und der Durchsetzungsfaehigkeit folge, sondern Solidaritaet praktiziere, Gerechtigkeit liebe, Frieden schaffe und die Schoepfung bewahre. Heilung bedeute auch, als HaushalterInnen in dieser verwundeten Welt zu handeln, so Kaessmann.

Die Bischoefin der mit knapp 3,3 Millionen Mitgliedern groessten lutherischen Kirche Deutschlands rief die TeilnehmerInnen der LWB-Vollversammlung auch dazu auf, das Heilen der Kirche zu ihrem Thema zu machen. Der Oekumenische Kirchentag Ende Mai dieses Jahres in Berlin (Deutschland) mit mehr als 200.000 TeilnehmerInnen sei ein lebendiges Zeichen dafuer gewesen, dass Enzykliken nicht aufhalten koennen, was zusammenwachse. Die Kirche muesse auch mit ihren eigenen Wunden umgehen, wenn sie die Wunden der Welt thematisiere, forderte Kaessmann.

Im Blick auf das Vollversammlungsthema betonte die Landesbischoefin, dass gerade das Abendmahl den spezifischen Beitrag der ChristInnen zur Heilung der Welt zeige. Die Gemeinschaft im Abendmahl sei eine heilende Gemeinschaft und sichtbares Zeichen der Heilung. Wenn die Kirche zur Heilung der Welt beitragen wollten, koennten sie das Sakrament der Gemeinschaft als zentrales Geschehen zwischen Gott und Mensch sowie zwischen Menschen einbringen.

"Wenn wir Brot und Wein miteinander teilen, dann koennen und sollen aller Zwist, aller Streit, alle Belastungen und alle Hierarchie in den Hintergrund treten - weil wir neu erfahren, dass wir zusammen gehoeren", erklaerte die Landesbischoefin. Beim Abendmahl kaemen alle zusammen, "die Armen und die Reichen, die von den Hecken und Zaeunen, die Zerstrittenen, die Enttaeuschten, die Liebenden, die Kranken, die aus dem Norden und die aus dem Sueden". Das Abendmahl beinhalte eine menschliche, eine soziale Herausforderung und sei eine Mahnung zu Frieden und Gerechtigkeit, so Kaessmann. Es rufe in Erinnerung, "dass wir eber Grenzen hinweg zusammengehoeren als Gottes Volk" und sei eine Aufforderung zum oekumenischen Engagement.

Als Voraussetzung fuer die Heilung bezeichnete Kaessmann, dass zuerst der eigene Kontext, die Welt mit offenen Augen, mit den Augen der Liebe Gottes gesehen werde. Es schockiere sie, was in Jugoslawien geschah und in Nordirland noch immer geschehe. Zwar haetten die Menschen in Mitteleuropa genug zu Essen, es gebe Schulen fuer die Kinder, aerztliche Versorgung fuer alle, die krank wuerden, aber es gebe auch viele Menschen, die innerlich leer gebrannt seien. Das Leben bestehe bei den Erfolgreichen oft aus dem Versuch, moeglichst mit allen mitzuhalten. Auch wenn Europa grosse Reichtuemer besitze, gebe es doch vieles, was zerbrochen und heilungsbeduerftig sei. ChristInnen koennten in diesem Kontext Gottes heilendes Wort weitergeben, sie koennten die Welt ansehen, wie sie ist und muessten nicht vor der Realitaet weglaufen oder die Augen verschliessen.

Kaessmann betonte, wer vom Heilen sprechen wolle, muesse zuerst die Wunden anschauen, das tue jeder gute Arzt. Hierzu gehoerten die kleinen Wunden, wie die spuerbare Herabsetzung, das boese Wort oder das missbrauchte Vertrauen ebenso wie die "entsetzlich grossen Verletzungen" - die Kriege, in denen Menschen von Bomben zerfetzt wuerden, Fluechtlinge, die hin- und hergetrieben wuerden, die Schuldenkrise, die so vielen Laendern in Afrika, Asien, Lateinamerika keine Entwicklungschance gebe, Kindersoldaten, die brutal zum Waffengebrauch gezwungen wuerden, und der Hunger, dem taeglich Tausende zum Opfer fielen. Das Entsetzen koenne nicht einmal in Worte gefasst werden.

Ihr sei es dabei wichtig zu verstehen, erklaerte Kaessmann, dass Gott selbst verwundet sei "durch die Zerstoerung, die Menschen anrichten, durch das, was wir einander antun". Die Geschichte von Jesus Christus fordere dazu heraus, "die Allmacht und die Ohnmacht Gottes zusammen zu denken". Es gehe um die Auseinandersetzung mit der Frage der Allmacht Gottes und nach dem Zulassen des Leidens, ncht darum, exakte oder logische Antworten zu finden. Sie rief dazu auf, den Mut zu haben, sich Gott anzuvertrauen, im Wissen darum, dass Gott Leben wolle und nicht Tod. ChristInnen muessten die Gebrochenheit des Lebens aushalten und die Kreuzeserfahrung als Teil des Lebens annehmen.

Mit Blick auf die HIV/AIDS-Pandemie erklaerte Kaessmann, dass eine HIV-Infektion vor allem in den reichen Industrienationen kein automatisches Todesurteil mehr bedeute, wenn die richtigen Medikamente verabreicht wuerden. Das Problem sei eher, dass es eine Zwei-Klassen-Medizin gebe, dass diese Medikamente so teuer seien und die Menschen in Suedafrika oder Kenia sie sich nicht leisten koennten. Der medizinische Fortschritt ermoegliche die Heilung von Krebserkrankungen oder auch die Eindaemmung des SARS-Virus, aber er erzeuge auch ein Machbarkeitsgefuehl gegenueber der Gesundheit nach dem Motto: "Das muss doch zu reparieren sein!" Oft verstehe sich der Mensch nicht mehr nach Gottes Bild geschaffen, sondern wolle den Menschen schaffen nach dem eigenen Bild, kritisierte die Landesbischoefin. In diesem Zusammenhang rief sie die Kirchen auf, den Auftrag zur Heilung neu als Teil des Missionsauftrages zu verstehen und nicht nur als sozusagen sekundaeren diakonischen Liebesdienst.

Wenn Jesus geheilt habe, dann habe er zwei Dinge getan, so Kaessmann: "Er redete und er beruehrte, Gottes Wort wurde hoerbar und erfahrbar. Wenn Jesus heilte, dann sah er auf den Glauben, auf das Gottvertrauen." Heilen in Jesu Namen weise nicht auf den Heilenden hin, sondern auf Gottes liebende Zuwendung zum ganzen Menschen. Gesundheit sei nicht ein Beweis fuer Gottes Gegenwart und werde missbraucht, wo Menschen meinten, sich selbst erheben zu koennen als besonders begnadet. Ein Mensch koenne sein Gottvertrauen dadurch zeigen, dass er mit einer Krankheit leben lerne, dies sei ein Geschenk Gottes, eine Gnade.

Heilen sei ein ganzheitlicher Prozess, bei dem weder die Errungenschaften der Medizin, noch die Seele, noch die Gabe des Geistes Gottes verachten wrden sollten. Vielleicht koennten gerade die Kirchen dazu beitragen, so Kaessmann, "die unterschiedlichen Charismen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern komplementaer zu sehen, so dass sie voneinander lernen." Wer heilen wolle, muesse offen sein fuer Koerper und Seele, fuer alte und neue Erkenntnisse, fuer unterschiedliche Erfahrungen von Gottes Wirken, fuer ganzheitliche Wahrnehmung.

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Die Zehnte LWB-Vollversammlung vom 21. bis 31. Juli 2003 im kanadischen Winnipeg steht unter dem Thema: "Zur Heilung der Welt". Gastgeberin der Vollversammlung ist die Evangelisch-Lutherische Kirche in Kanada (ELKIK).

An der Zehnten Vollversammlung mit rund 700 TeilnehmerInnen, nehmen 356 Delegierte der 133 LWB-Mitgliedskirchen sowie VertreterInnen der drei assoziierten Mitgliedskirchen teil. Die in der Regel alle sechs Jahre stattfindenden LWB-Vollversammlung ist das oberste Entscheidungsorgan des LWB. Zwischen den Vollversammlungen fuehren der Rat und sein Exekutivkomitee die Geschaefte des LWB.

Weitere Informationen, Video- und Audionews (in englischer Sprache) sowie Fotos finden Sie auf der Vollversammlungs-Webseite: www.lwb-vollversammlung.org

Zur Bestellung von Fotos zur LWB-Vollversammlung wenden Sie sich bitte an: LWF-Photo@lutheranworld.org

Bei Anfragen wenden Sie sich bitte an: Dirk-Michael Groetzsch: dmg@lutheranworld.org Mobil: +1/204-333.1754

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Der Lutherische Weltbund (LWB) ist eine Gemeinschaft lutherischer Kirchen weltweit. 1947 in Lund (Schweden) gegruendet, zaehlt er inzwischen 136 Mitgliedskirchen, denen rund 61,7 Millionen der weltweit rund 65,4 Millionen LutheranerInnen in 76 Laendern angehoeren.

Das LWB-Sekretariat befindet sich in Genf (Schweiz). Der LWB handelt als Organ seiner Mitgliedskirchen in Bereichen gemeinsamen Interesses, z. B. oekumenische und interreligioese Beziehungen, Theologie, humanitaere Hilfe, Menschenrechte, Kommunikation und verschiedene Aspekte von Missions- und Entwicklungsarbeit.