"Gemeinsames Wort" zum 17. Juni / Predigt von Bischof Kock am 17.6.

Nachricht 17. Juni 2003

Gemeinsames Wort
Predigt am 17.6.

Gemeinsames Wort des Vorsitzenden des Rates der EKD, Manfred Kock, und des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, zum 50. Jahrestag des 17. Juni 1953

In einem gemeinsamen Wort gedenken die Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Deutschen Bischofkonferenz (DBK) der Opfer des Volksaufstandes am 17. Juni 1953. Der 17. Juni bleibe "ein Symbol der Zivilcourage und des Einsatzes für Menschenrechte, Selbstbestimmung, Glaubens- und Gewissenfreiheit", so Manfred Kock und Kardinal Karl Lehmann. Sie würdigen das Standhalten vieler Christen in der DDR gegen die Repressalien der SED. Die Kirchen hätten "mit ihrem Kampf um Freiheit zu den Wegbereitern des 17. Juni" gehört, so Kock und Lehmann. Die Erinnerung an den 17. Juni sei nicht nur von der leidvollen Erfahrung der jahrzehntelangen Teilung Deutschlands geprägt, sondern auch verbunden mit dem Dank für die am 3. Oktober 1990 gewonnene "Einheit in Freiheit".

Hannover / Bonn, 16. Juni 2003 Pressestelle der EKD Pressestelle der Deutschen Bischofskonferenz

Das gemeinsame Wort im Originaltext:

Wir gedenken heute der Opfer des Volksaufstandes in Ost - Berlin und in der DDR vom 17. Juni 1953. Die Bilder des ungleichen Kampfes verzweifelter Arbeiter gegen sowjetische Panzer haben sich in unser Gedächtnis tief eingeprägt. Über hundert Demonstranten wurden damals getötet, über tausend als "Politische Häftlinge" eingesperrt; Hunderttausende flüchteten. Ihre Forderung nach Reformen im Arbeitsleben, ihre Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung und ihr Ruf nach Wiederherstellung der deutschen Einheit wurde zwar gewaltsam unterdrückt, aber nicht zum Verstummen gebracht. Katholiken und Protestanten in der DDR, vor allem auch engagierte Mitglieder der Jungen Gemeinden und der Studentengemeinden, wehrten sich damals gegen die SED, die verfassungswidrig das Christentum unterdrückte, um es durch die materialistische Weltanschauung zu ersetzen. Viele junge Menschen wurden kriminalisiert, von den Schulen und Hochschulen verwiesen, manche verhaftet. Die Christen in der DDR ließen sich durch diesen Kampf gegen die Kirche nicht einschüchtern. Aus taktischen Gesichtspunkten nahm die DDR-Regierung am 10. Juni 1953 eine überraschende, wenn auch nur vorübergehende Änderung ihrer Politik gegenüber den evangelischen Kirchen vor, aus der sich eine grundsätzliche Verbesserung der Situation der Kirchen und ihrer Mitglieder hätte ergeben können. So standen die Kirchen am 17. Juni 1953 zwar nicht in der ersten Reihe der Aufständischen, sie gehörten gleichwohl mit ihrem Kampf um Freiheit zu den Wegbereitern des 17. Juni. Sie solidarisierten sich uneingeschränkt mit den Opfern des Aufstands und forderten die Freilassung der nach dem 17. Juni Verhafteten.

Wenn wir heute den 50. Jahrestag des 17. Juni begehen, dann gedenken wir der vielen Unbekannten, die für ihre Rechte und zugleich für die Freiheit in ihrem Lande eintraten und unter der Niederschlagung des Volksaufstandes gelitten haben. Diese unverwechselbaren Lebensgeschichten, diese Geschichten von Willkür und Solidarität, von Ohnmacht und Mut, von Angst und von Hoffnung dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

Wir erinnern an diesem Tag aber nicht nur an die leidvollen Erfahrungen, die sich aus der jahrzehntelangen Teilung Deutschlands ergaben, sondern danken zugleich für die am 3. Oktober 1990 gewonnene Einheit in Freiheit. Der 17. Juni, in der Bundesrepublik von 1953 bis 1990 als "Tag der deutschen Einheit" gesetzlicher Feiertag, der 13. August 1961, an dem die Mauer gebaut wurde, der 9. November 1989, an dem die Mauer zum Einsturz gebracht wurde, und der 3. Oktober 1990 stehen in einem inneren Zusammenhang.

Für die Menschen im geteilten Deutschland war das Gedenken an den 17. Juni von gegensätzlichen Emotionen bestimmt. Für die Kirchen war er immer Anlass zu Besinnung und Gebet, insbesondere auch zu der Aufforderung, die Brücke zwischen Ost und West weiter zu festigen. Das Wort des Rates der EKD vom 12. Juni 1953 schloss mit dem Aufruf: "Das Ziel, dass wir in Freiheit und echtem Frieden wieder ein einiges deutsches Volk werden, liegt noch in weiter Ferne, wenn wir auch hoffen, dass Gott uns diesem Ziel Schritt für Schritt näher bringt. ... Wir wollen nicht müde werden, die Hände zu Ihm zu erheben und für die Zukunft von Volk und Kirche seine Gnade zu erbitten." Die katholischen Christen haben dem dreimal täglich gebeteten "Engel des Herrn" jahrzehntelang die Fürbitte angefügt: "Dass du der Kirche die Freiheit, unserem Volk die Einheit und der Welt den Frieden schenken wollest."

Die Belastungen aus der geteilten Vergangenheit sind weitreichender und größer als viele für möglich gehalten haben. Die menschlichen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen und Probleme der deutschen Teilung sind trotz gewaltiger Anstrengungen noch längst nicht überwunden. Die Erinnerung an den 17. Juni ist deshalb auch eine Aufforderung an uns alle, in den Bemühungen, die innere Einheit Deutschlands voranzubringen, nicht nachzulassen.

So bleibt dieser Tag ein Symbol der Zivilcourage und des Einsatzes für Menschenrechte, Selbstbestimmung, Glaubens- und Gewissensfreiheit. Papst Johannes Paul II. hat sich bei seinem Besuch in Deutschland 1996 am Brandenburger Tor, dem Symbol für Freiheit, mit einem vierfachen Appell verabschiedet: Es gibt keine Freiheit ohne Wahrheit. Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität. Es gibt keine Freiheit ohne Opfer. Es gibt keine Freiheit ohne Liebe. Die gemeinsame Erinnerung an den 17. Juni 1953 mahnt uns, Solidarität und Opfer, Wahrheit und Liebe, die zusammengehören, nicht von einander zu trennen.

Pressestelle Kirchenamt der EKD Herrenhäuser Str. 12 D-30419 Hannover

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Kock: Solidarität mit Opfern des 17. Juni 1953
Predigt des Ratsvorsitzenden in Berlin

Zum Gedenken an die Opfer des 17. Juni 1953 hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, anlässlich des 50. Jahrestages des Arbeiteraufstandes in der DDR aufgerufen. Die Solidarität mit den Opfern erinnere an den "Kampf um die Wahrheit und die Freiheit", so Kock in einem ökumenischen Gottesdienst in der Berliner St. Marienkirche, bei dem auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, predigte.

Der Arbeiteraufstand sei ein Kampf gegen Willkür und Alleinherrschaft gewesen, sagte Kock in seiner Predigt. "Ein Freiheitswille brach auf, der schließlich nur mit der Macht sowjetischer Panzer niedergedrückt werden konnte." Wenngleich der Aufstand nicht von Erfolg gekrönt war, so habe er doch den Herrschenden klar gemacht, dass das Regime damals keinen Rückhalt in der Bevölkerung gehabt habe.

Die Kirchen seien trotz Repressalien intakt geblieben: "Obwohl sie bespitzelt und behindert wurden, konnten sie Flucht- und Kristallisationspunkt für viele werden", erinnerte Kock.

Nach dem Gelingen der Wende im Jahr 1989 bräuchten die Menschen neue Kraft, um die Einheit zu vollenden. Die Lasten der geteilten Vergangenheit seien nach wie vor groß, so Kock. "Noch sind die Chancen der jungen Generation auf Arbeitsplätze und Zukunftsperspektive viel zu gering." Das Gedenken an die Ereignisse des 17. Juni 1953 mahne, "beieinander zu stehen und alles daran zu setzen, das nicht hinnehmbare Ost-West-Gefälle zu überwinden."

Hannover, den 16. Juni 2003 Pressestelle der EKD Silke Fauzi

Predigt des Ratsvorsitzenden im Wortlaut. Es gilt das gesprochene Wort.

Manfred Kock Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland: Predigt zum Gedenkgottesdienst am 17. Juni 2003 in der Marienkirche zu Berlin

Predigttext: Psalm 126

"Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende. Da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel. Da sagte man unter den anderen Völkern: "Der Herr hat an ihnen Großes getan." Ja, Großes hat der Herr an uns getan. Da waren wir fröhlich. Wende doch, Herr, unser Geschick, wie du versiegte Bäche wieder füllst im Südland. Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten. Sie gehen hin unter Tränen und tragen den Samen zur Aussaat. Sie kommen wieder mit Jubel und bringen ihre Garben ein."

Der Friede Jesu Christi sei mit euch!

I. Ein Wallfahrtslied aus der Tradition des Volkes Israel: Es trägt die Erfahrung von Gefangenschaft und Unterdrückung, und es atmet das Erlebnis der wiedergeschenkten Freiheit. "Man sagt unter den Völkern: Der Herr hat Großes an ihnen getan." Erinnerung an Not und an die Befreiung aus der Not mündet in neues Gebet: "Wende doch unser Geschick, wie du versiegte Bäche wieder füllst." Der Saat der Tränen möge im Jubel der Ernte Erfüllung folgen.

Mit diesem Psalm lassen wir uns die Sprache der Erinnerung und der Hoffnung von Israel schenken für den Gedenktag heute. Vor 50 Jahren standen Arbeiter und Studenten auf gegen die SED-Herrschaft. Ein Glaubenskampf war es nicht, auch kein Kirchenkampf. Es war ein Aufstand gegen die Alleinherrschaft einer Clique, gegen deren Willkür der Leistungsnormen; es war ein Kampf für Reformen der Arbeit und für eine freie selbstbestimmte Gestaltung des Lebens. Ein Freiheitswille brach auf, der schließlich nur mit der Macht sowjetischer Panzer niedergedrückt werden konnte. II. Der Psalm Israels atmet solche Erfahrung mit all seinen Bildern, Gefangenschaft - Knechtschaft in Ägypten, Deportation nach Babylon, diese geschichtlichen Krisen Israels weisen über die Erfahrung des Gottesvolkes hinaus, sind Sinnbild für Gewalterfahrungen bis heute; auch für die schuldhafte Verstrickung, die solchen Unterdrückungsmächten in die Hände gespielt hat. Die Klage des alten Gebets spiegelt die Sehnsucht nach dem Ende der Dunkelheit. Zion, Jerusalem, die Stadt, auf die sich alles Hoffen richtete. Zugleich Name für das Gottesvolk, das wartet auf die Befreiung seiner verschleppten Bewohner, auf die Heimkehr der Verbannten, auf Wiederherstellung seiner Häuser und des Tempels - als ein Zeichen der Völker. Wie die Träumenden nehmen die Betenden des Psalms die Befreiung vorweg, noch ehe die Erlösung vollends Wirklichkeit geworden ist.

III. Nicht dass wir die Sprache des Gebetes missverstehen! Die Sehnsucht der Aufständischen des 17. Juni 1953 zielte nicht auf Gottes Reich, da "alle Tränen abgewischt und kein Leid und kein Geschrei" mehr ist. Aber dieser Wechsel von Zerfall und Aufschwung, wie es der Psalm beschreibt, diese Erinnerung an Leid und die Sehnsucht nach Freiheit geben doch Hinweise auch auf das Ereignis des 17. Juni. Die menschliche Tragik der Getöteten, der Gefangenen und Verfolgten, sie findet Wiederkehr in der Erinnerung an den Aufruhr des Jahres 1953.

Der Aufruhr des 17. Juni war nicht von Erfolg gekrönt. Befreiung hat nicht stattgefunden. Aber eins wurde dokumentiert - und die Herrschenden müssen es auch gewusst haben:

Dieses Regime hatte damals keinen Rückhalt im Volk. Aber die Machthaber ließen nicht locker. Die Vernichtung der selbständigen Berufe, des Handwerks und der freien Bauern waren die nächsten Aktivitäten zur Gleichschaltung der Menschen. Hunderttausende verließen das Land, weil sie keine Perspektive mehr sahen, viele auch weil sie wegen ihrer Glaubenshaltung oder ihrer politischen Überzeugungen bedroht und verfolgt wurden.

Auch ein hastiges Einlenken der SED-Herrschaft kurz vor dem Aufstand gegenüber den Kirchen hatte Vertrauen nicht hergestellt. Die Verfolgung der 'Jungen Gemeinden' und der Studentengemeinden, die Verweisung ihrer Mitglieder von den Oberschulen, und von den Universitäten, die Verhaftung von Pfarrern und Diakonen waren als Ausdruck einer "Macht ohne Liebe" erlebt worden.

Auch die taktische Rücknahme der Maßnahmen hatte nicht darüber hinweggetäuscht, dass dieses System die einzige nicht angepasste Organisation, nämlich die Kirche, hasste. Das materialistische Bekenntnis einer Weltanschauung, die sich des Zwanges bediente, hat in den folgenden Jahrzehnten durchaus gewirkt. Die atheistische Jugenderziehung hat bei vielen die Saat des Spottes und des Hasses gegen Glauben und Kirche aufgehen lassen.

Aber die Grundskepsis gegenüber den Herrschern ist nicht gebrochen. Die Kirchen waren kleiner geworden aber intakt geblieben, sie konnten durchhalten auch bei wechselndem Druck. Obwohl sie behindert und bespitzelt wurden, konnten sie Flucht- und Kristallisationspunkt für eine große Zahl von Menschen werden, die ihre Grundskepsis gegenüber dem Regime nicht verloren hatten. Bis dann 1989 sich der Widerstand erneut Bahn brach, dieses mal Gott sei dank von sowjetischen Panzern nicht behindert.

IV. "Es gibt nichts Lebendigeres als die Erinnerung", hat Garcia de Lorca gesagt. Der 126. Psalm ist ein Lied, dass die Kraft der Erinnerung eindrücklich besingt. Es ist eine Erinnerung, die nicht rückwärts gewandt ist, sondern nach vorn weist, in die Zukunft. Der Mund wird voll Lachen, die Zunge voll Jubel sein, weil Gott die Gefangenschaft Zions gewendet hat. Aus dieser Erinnerung bezieht das Gebet seine Hoffnung: "Wende doch, Herr, unser Geschick!"

Das endgültige Ziel ist noch nicht erreicht. Wer sich vor Augen stellt, was Israel durchgetragen hat in den Zeiten der Verfolgung spürt die Quelle, aus der man auf dem Weg in die Zukunft schöpfen kann. Auch die erlebten Niederlagen können Kraft sein für neuen Aufbruch, wenn sie transformiert werden durch den Glauben an Christus, der die Verlassenheit der Menschen geteilt hat.

"Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten". Der uralte Mythos von Saat und Ernte als Wechsel von Trauer und Jubel ist ein Bild für den Weg durch das Leiden hin zur Freude. Das Psalmgebet setzt auf diese Wendekraft Gottes auch im Alltag. Trotz aller Trübsal lohnt es, mit Vertrauen in die Zukunft zu gehen. Eine Kraft will dieses Gebet sein für die Glaubenden, wie auch für alle, die in ihrem Glauben verzagt sind oder ihn gar aufgegeben haben.

Die Erfahrungen von Ohnmacht und Mut, von Angst und Hoffnung dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Sie sind ein Schatz, den es zu bewahren gilt um künftiger Freiheit willen. Nach 1953 und dem Scheitern des Aufstandes, nach 1989, dem Gelingen der Wende brauchen wir neue Kraft in unserem Land, damit die Einheit vollendet wird.

Denn noch sind die Lasten der geteilten Vergangenheit groß, größer als viele es für möglich gehalten haben. Noch sind die Chancen der jungen Generation auf Arbeitsplätze und Zukunftsperspektive viel zu gering. Darum ist die Solidarität mit den Opfern so wichtig, denn sie erinnert an den Kampf um die Wahrheit und die Freiheit. Das heutige Gedenken mahnt uns, beieinander zu stehen und alles daran zu setzen, das nicht hinnehmbare Ost-West-Gefälle zu überwinden. "Mit Tränen säen und mit Jubel ernten" - das ist die Sehnsucht unserer Gebete. Wir haben sie von denen empfangen, die vor uns waren. Ach, dass wir sie doch als eine zukunftsfrohe Gemeinde an die kommende Generation weiterreichen! Der Schatz dieser Glaubensquelle darf nicht verloren gehen. So schwingt sich der Glaube auf, mit dem großen Gottesziel vor Augen die kleinen Schritte zu gehen, die die Hoffnung lenkt. Amen

Pressestelle Kirchenamt der EKD Herrenhäuser Str. 12 D-30419 Hannover

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