Keine Leichensektion im deutschen Fernsehen

Nachricht 28. Januar 2003

Fernsehsender reagieren positiv auf Initiative der EKD und des Adolf Grimme Instituts

Mit großer Zustimmung haben die deutschen Fernsehsender auf den gemeinsamen Appell des Adolf Grimme Instituts und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) reagiert, die angekündigte öffentliche Leichensektion durch Gunther von Hagens nicht im Fernsehen zu übertragen. Alle Sender - ob öffentlich-rechtliche oder private -erklärten übereinstimmend, dass keine Ausstrahlung vorgesehen sei.

In einem Schreiben hatten der Rundfunkbeauftragte des Rates der EKD, Bernd Merz, und der Geschäftsführer des Adolf Grimme Instituts, Bernd Gäbler, die Verantwortlichen der öffentlich-rechtlichen und der privaten Sender aufgerufen, auf eine Übertragung der geplanten Veranstaltung zu verzichten. Der "entscheidende Unterschied zwischen einer wissenschaftlich notwendigen Leichensektion und einem würdelosen Spektakel" liege in der inszenierten Medienaufmerksamkeit, begründeten Merz und Gäbler ihr Anliegen. Wenn alle deutschen Sender sich gegen die Übertragung entschieden, liefe das geplante Showspektakel ins Leere.

In seiner Funktion als ARD-Geschäftsführer erklärte WDR-Intendant Fritz Pleitgen in einem Schreiben an Merz und Gäbler, dass "die ARD in keinem Bereich solch ein unwürdiges Spektakel übertragen" werde. "Bei mir stoßen Sie auf offene Ohren", schrieb Dr. Günther Struve, Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens: "Dieses Spektakel publizistisch zu begleiten, widerspräche öffentlich-rechtlichen Programmgrundsätzen." Der ZDF-Verwaltungsdirektor Hans Joachim Suchan bekräftigte, dass auch das Zweite Deutsche Fernsehen diese Veranstaltung "weder live übertragen noch aufzeichnen" werde.

Von Seiten der privaten Sender kam ebenfalls Zustimmung. "Auch RTL hält das Vorhaben, in München öffentlich eine Leiche zu sezieren, für problematisch", heißt es in einem Schreiben des Senders. Allenfalls in Nachrichtensendungen müsse gegebenenfalls "in der gebotenen Kürze mit der gewohnten journalistischen Sorgfalt" darüber berichtet werden. Ähnlich äußerten sich Vertreter von Pro7/Sat 1 und N-TV. Die RTL II- Geschäftsführung versicherte, "dass sich RTL II an keiner Berichterstattung zu dieser Thematik beteiligen wird." Auch die Geschäftsführerin von Neun Live, Christiane von Salm, schloss eine "mediale Verwertung durch unseren Sender" aus.

"Die Resonanz war durch und durch positiv", sagte der Rundfunkbeauftragte des Rates der EKD, Bernd Merz, am Montag. "Es ist deutlich, dass unserem Anliegen zugestimmt wird." Um solche Tabubrüche zu verhindern, bedürfe es einer breiten Solidarität. "Die Reaktion der Sender hat gezeigt, dass sie nicht nur von Werten reden, sondern auch bereit sind, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen."

"Es geht uns nicht um Verbote, schon gar nicht um die Einschränkung journalistischer Berichterstattung, aber um den Unterschied zwischen Aufklärung und Spektakel," betonte der Geschäftsführer des Adolf Grimme Instituts, Bernd Gäbler. "Wir sind froh, dass sich die deutschen Sender bei allen sonstigen Unterschieden in dieser einen Frage einig sind: Keine Übertragung der Leichensektion."

Der Mediziner Gunther von Hagens hatte im November 2002 in London vor rund 500 Zuschauern die erste öffentliche Leichensektion vorgenommen. Er hatte angekündigt, anlässlich seiner Ausstellung "Körperwelten" in München auch dort öffentlich eine Leiche zu sezieren und dies im Fernsehen ausstrahlen zu lassen. Am Mittwoch, dem 29. Januar, entscheidet der Münchener Stadtrat, ob die Ausstellung und die öffentliche Sektion zugelassen werden.

Hannover, den 28. Januar 2003 Pressestelle der EKD Silke Fauzi