Landesbischöfin: Kinder als Armutsrisiko sind ein Skandal

Nachricht 21. Januar 2003

Bischöfin bei Kongress christlicher Führungskräfte in Hannover

Hannover (epd). Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann hat es einen Skandal genannt, dass Kinder in Deutschland das größte Armutsrisiko darstellen. Zugleich kritisierte sie am Freitag in einer Podiumsdiskussion beim 3. “Kongress christlicher Führungskräfte” in Hannover, dass Erziehung und Pflege in der Gesellschaft nicht als Leistung anerkannt würden.

“Die größte Frage bei meinem Stellenantritt als Generalsekretärin des Kirchentags und später als Bischöfin war nicht, ob ich das kann, sondern ob ich das als Mutter von vier Töchtern kann”, sagte sie. Bei Bewerbungen werde es immer noch als fehlende Berufserfahrung ausgelegt, wenn jemand drei Jahre lang Elternzeit genommen hat. Diese Zeit müsse sogar doppelt angerechnet werden, sagte die evangelische Bischöfin.

Wie Käßmann nannte es der frühere Bundesverfassungsrichter und Heidelberger Rechtsprofessor Paul Kirchhof einen “unglaublichen Skandal”, dass man Müttern sage, sie hätten zu ihrer Rente nichts beigetragen. Der bekennende Katholik forderte einen familienfreundlichen Umbau bei Steuern und Sozialsystemen. “Diese Korrektur dauert 20 Jahre, deshalb ist es höchste Zeit, dass wir jetzt damit anfangen”, sagte er.

Junge Menschen wünschten sich nichts sehnlicher als Kinder, ältere warteten auf Enkel. Deshalb sei es vollkommen unverständlich, dass der Staat nicht bessere Bedingungen für die Erziehung organisieren könne. “Unser Reichtum wird sich bald verflüchtigen, wenn wir nicht mehr wissen, an wen wir diesen Reichtum weitergeben können”, sagte Kirchhof. Derjenige Teil des Einkommens, der den Kindern zugute komme, dürfe nicht besteuert werden, forderte er.

Der ZDF-Journalist Peter Hahne verlangte von den Medien mehr Orientierungshilfen für das Leben. Nachrichten hießen so, weil man sich nach ihnen richten solle. Informationen sollten Menschen “in Form bringen” und lebenstüchtig machen. Durch Information müssten die Menschen fähig werden, das Gute vom Bösen zu unterscheiden und das Gute nachzuahmen. Gegenwärtig erscheine das Böse nachahmenswerter als das Gute, sagte Hahne, der dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland angehört.

An dem dreitägigen Kongress nehmen nach Angaben der Veranstalter rund 2.200 Führungskräfte aus Wirtschaft und Gesellschaft teil. 60 Prozent seien evangelisch, acht Prozent katholisch. Ein Viertel der Teilnehmer seien Frauen. Veranstalter sind die evangelische Nachrichtenagentur “idea” und die Zeitplansysteme-Firma “tempus” aus Giengen in Baden-Württemberg. (epd Niedersachsen-Bremen/b0147/17.01.03)

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