Befremden: Warum ließ Kanzler Schröder die Kirchen unerwähnt?

Nachricht 03. November 2002

EKD-Ratsvorsitzender: Die Gesellschaft ist auf das Engagement der Christen angewiesen
T i m m e n d o r f e r S t r a n d (idea) – Mit Befremden haben die Kirchen bemerkt, daß Bundeskanzler Gerhard Schröder sie erstmals nicht in seiner Regierungserklärung erwähnt hat. Nach der katholischen Kirche hat jetzt auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Manfred Kock (Düsseldorf), in seinem Bericht vor der EKD-Synode in Timmendorfer Strand seine Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht.

In der jüngsten Regierungserklärung seien die verschärften Probleme deutlich geworden, vor denen Deutschland stehe. Bei der Bewältigung seien Staat und Politik auch auf die religiösen Überzeugungen der Bürger und auf ihren gesellschaftlichen Einsatz angewiesen. Zwar müsse dies nicht pünktlich in jeder Regierungserklärung erwähnt werden, es sei aber festzuhalten, daß der Wertekonsens der Gesellschaft nicht ohne das christliche Menschenbild zu verstehen sei, sagte Kock am 3. November vor den 120 „Kirchenparlamentariern“, die rund 26,6 Millionen evangelische Kirchenmitglieder repräsentieren.

Sie befassen sich auf der sechstägigen Synodaltagung mit dem Schwerpunktthema „Was ist der Mensch?“. Dabei geht es auch um Fragen wie Bioethik, Umweltschutz, Gewaltverhinderung und die Bekämpfung der Armut. Eine Gesellschaft, die nicht mehr nach der Grundlage ihres Menschenbildes frage, sterbe an Verantwortungslosigkeit. „Jedenfalls gibt es neben der Botschaft von Gottes Liebe in Jesu Christus nicht sehr viele Ressourcen, die sich als fähig erwiesen haben, der Bedrohung der Menschenwürde standzuhalten“, führte Kock aus.

Im Blick auf die Ökologie sagte er, man müsse das Verhältnis zu Gottes Schöpfung neu auf den Prüfstand stellen. Eine Trendwende, etwa bei Klimaschutz, Armutsbekämpfung und dem Aufbau einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft stehe noch aus. Man könne nicht alle Entscheidungen dem Markt überlassen: „Die Lage ist zu ernst, als daß es Sinn macht, um zehn Cent mehr oder weniger Ökosteuer oder die Einführung eines Dosenpfands endlose politische und juristische Streitigkeiten anzuzetteln.“

Mehr Christliches in der EU
Kock mahnte auch eine stärkere Berücksichtigung der christlich-religiösen Wurzeln in der Gestaltung der Europäischen Union (EU) an. Es sei zu wünschen, daß der Anteil des Christentums an der Prägung Europas in der Präambel eines künftigen Unionsvertrages deutlicher zum Ausdruck komme. Die EKD und die katholische Deutsche Bischofskonferenz wollten zudem erreichen, daß die EU den historisch gewachsenen Status der Kirchen in den jeweiligen Mitgliedsländern unangetastet läßt.

Bedenken gegen militärische Terrorbekämpfung und Krieg gegen Irak
Der Ratsvorsitzende warnte vor der Terrorismus-Bekämpfung mit militärischen Mitteln und einem Krieg gegen den Irak. Die Bedenken, die die EKD-Synode vor einem Jahr gegen den Militäreinsatz in Afghanistan erhoben hatte, erschienen im Rückblick eher gerechtfertigt als ausgeräumt. Der Krieg gegen das Taliban-Regime habe nur Teilerfolge im Kampf gegen das Terrornetz gebracht. Zudem habe er den Eindruck, daß militärische Terrorbekämpfung den Terroristen eher weiteren Zulauf aus radikalisierten Schichten ermögliche. Eine deutsche Beteiligung an einem Präventivkrieg gegen den Irak hält Kock schon aus Verfassungsgründen für nicht möglich.

Keine Alternative zum Dialog mit dem Islam
Zum Dialog mit dem Islam in Deutschland gibt es nach Kocks Worten angesichts von über drei Millionen Muslimen in Deutschland keine Alternative. Dabei dürfe man aber die religiösen Unterschiede nicht für bedeutungslos erklären. Der Islam in Europa stehe vor der Frage, ob er bereit sei, sich auf Demokratie und weltanschaulichen Pluralismus einlassen. Kock erteilte allen Formen des Fundamentalismus, auch des christlichen, eines Absage. Das Christuszeugnis widerspreche einer Haltung, „die sich hinter den Mauern vereinfachter Dogmen verschanzt und mit Unduldsamkeit und Rechthaberei alle Dialoge abbricht und je nach Neigung zum Fanatismus auch vor psychischer und physischer Gewalt nicht zurückschreckt.“

Weltkirchenrat: Warum keine „ökumenischen Gottesdienste“?
Kock ging auch auf die Krise im Weltkirchenrat ein, die durch Spannungen mit den orthodoxen Mitgliedskirchen entstanden sind. Schwer verständlich seien für die EKD die Beschlüsse, die ökumenischen Gottesdienste durch „interkonfessionelle Andachten“ zu ersetzen. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann hatte aus Protest gegen diese Änderung den Zentralausschuß des Weltkirchenrats verlassen. Die EKD zollte ihr dafür Respekt. Es sei gerade auch aufgrund der positiven Erfahrungen mit den orthodoxen Kirchen in Deutschland nicht einzusehen, warum man nicht auch andernorts mit ihnen ökumenische Wortgottesdienste feiern könne.

„Jahr der Bibel“ mit allen Kräften unterstützen
Kock bat darum, das „Jahr der Bibel“ 2003 mit allen Kräften zu unterstützen. Der „missionarische Kerngedanke“ sei, den in biblischen Dingen Ungeübten die Zugänge zur Heiligen Schrift möglichst weit zu öffnen. Erfreut zeigte sich Kock, daß das „Jahr der Bibel“ gemeinsam von der EKD, der katholischen Kirche, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen und der Deutschen Evangelischen Allianz getragen wird.

Strukturdebatte: Keine Lähmung bei Reformen
Der Ratsvorsitzende ging auch auf die Strukturdebatte innerhalb der evangelischen Kirche ein, die sein Vorgänger, Landesbischof i.R. Klaus Engelhardt (Karlsruhe), 1997 in seinem letzten Ratsbericht angestoßen hatte. Danach soll die EKD gestärkt und die konfessionellen Bünde wie etwa die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) als Arbeitsgemeinschaften fortgeführt werden. Kock sagte, der Rat der EKD werde sich in der Debatte weitgehend zurückhalten. Dies sei Aufgabe der konfessionellen Bünde und der Landeskirchen. Es dürfe aber nicht zu einer Reformlähmung kommen. (128a/2002/3)

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