Sexueller Missbrauch: Reaktion des Landessuperintendeten / Ein Psychoanalytiker erläutert

Nachricht 02. April 2002

Landessuperintendent: Tiefes Entsetzen über Missbrauch
Manfred Horch sprach am Karfreitag in Nordholzer Gemeinde
****
"Die Perversion ist vom Rest der Person abgespalten"
Psychoanalytiker erläutert sexuellen Missbrauch durch Diakon
*****
Landessuperintendent: Tiefes Entsetzen über Missbrauch. Manfred Horch sprach am Karfreitag in Nordholzer Gemeinde

Stade (epd). Der Stader Landessuperintendent Manfred Horch hat am Karfreitag in Nordholz sein tiefes Entsetzen und seine Bestürzung über den sexuellen Missbrauch eines Diakons an Kindern und Jugendlichen zum Ausdruck gebracht. Das Wichtigste sei für ihn, die Opfer spüren zu lassen, dass sie in ihrer Angst, ihrem Zorn, ihrer Verzweiflung und ihrer Scham nicht allein seien. "Wir versuchen, ihnen zur Seite zu stehen", sagte Horch am Freitagvormittag in der evangelischen Kirche "Zum Guten Hirten".

Es sei nicht seine Aufgabe, Urteile zu sprechen, sagte Horch weiter. Dies müssten die weltlichen Gerichte tun: "Wir werden sie in ihren Bemühungen um Aufklärung und ein gerechtes Urteil unterstützen." Der Theologe betonte, dass es ihn zutiefst bedrücke, was die Menschen in der Gemeinde jetzt durchmachen müssten. Das Vertrauen der Kinder und Jugendlichen in den Diakon sei ausgenutzt und missbraucht worden. Aus dieser Lage fänden viele nur langsam und unter großen Schmerzen wieder heraus.

Als Vater von drei Kindern könne er sich gut vorstellen, wie es den Menschen ergehe, sagte Horch: "Eltern, Kinder und die Gemeinde sind enttäuscht, zornig und irritiert. Sie alle tragen jetzt die schwere Last missbrauchten Vertrauens." Weiter sagte der Regionalbischof, es gehöre zu den Einsichten des christlichen Glaubens, dass Menschen aneinander schuldig werden. Aber es sei etwas ganz anderes, wenn man dies so konkret erfahre und unter den Folgen zu leiden habe.

Notfalltelefon eingerichtet
Wie die Pressestelle des evangelisch-lutherischen Sprengels Stade am Donnerstag mitteilte, haben die evangelische Kirche und der Landkreis Cuxhaven ein Notfalltelefon für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern eingerichtet, die von dem Missbrauch durch den Diakon aus Nordholz bei Cuxhaven betroffen sind. Kompetente Gesprächspartner stünden den Ratsuchenden beratend und helfend zur Seite.

Das Notfalltelefon des Diakonischen Werkes in Dorum, Telefon 0742/10 54, sei über Ostern zu erreichen. In dringenden Fällen seien außerdem Hausbesuche möglich. Auch die Leitstelle des Landkreises, Telefon 04721/23 066, sei während der Feiertage anrufbar. In der kommenden Woche stünden neben Mitarbeitern des Diakonischen Werks auch die Beratungsstellen des Landkreises Cuxhaven in Bremerhaven, Telefon 04721/20 458, und in Otterndorf, Telefon 04751/91 13 11, zur Verfügung.

Betroffene können sich auch an das Jungentelefon der Initiative Jugendhilfe e.V., Telefon 0471/82 888, und an das Evangelische Beratungszentrum in Bremerhaven, Telefon 0471/32 021, wenden. (epd Niedersachsen-Bremen/e0761/28.03.02)
Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen
E-Mail: epd@lvh.de

"Die Perversion ist vom Rest der Person abgespalten" Psychoanalytiker erläutert sexuellen Missbrauch durch Diakon
Von Ulrike Millhahn (epd)
Hannover (epd). "Wir stehen vor einem Rätsel", war die erste Reaktion des Bürgermeisters von Nordholz. Wie ein Lauffeuer hat sich in dem Nordsee-Dorf bei Cuxhaven die Nachricht verbreitet, dass der Diakon der evangelischen Kirchengemeinde jahrelang 13- bis 16-jährige Jungen sexuell missbraucht hat. Für die Einwohner ist dies unvorstellbar und ein schwerer Schlag. Der Diakon sei in der Gemeinde angesehen und bei der Jugend beliebt gewesen, sagt der Bürgermeister in einem Zeitungsinterview.

Den hannoverschen Psychoanalytiker Michael Kögler überrascht dies nicht: "Ein Mensch mit einem Krankheitsbild von Perversion und Pädophilie, also einem auf Kinder gerichteten Sexualtrieb, lebt in zwei völlig getrennten Bereichen", sagt er dem epd. Die Betroffenen verfügten über einen Teil ihrer Persönlichkeit, der sehr gut funktioniere: Sie seien oft gesellschaftlich anerkannt und leisteten gute Arbeit.

Die Perversion sei von dem Rest der Persönlichkeit abgespalten: "Sie ist von außen so unsichtbar wie eine Plombe in einem Zahn", erläutert der Therapeut, der das Winnicott-Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie in Hannover leitet. Dies mache es den Betroffenen möglich, sozial zurechtzukommen. Sie bewegten sich häufig in einem Zwischenbereich von besonders freundlicher Zuwendung und Missbrauch.

So wird der 39-jährige Diakon, der gestanden hat, sich jahrelang in insgesamt 45 Fällen an Jungen vergangen zu haben, auch von einem ehemaligen Mitarbeiter beschrieben. Er habe gern einmal jemandem eine Hand auf die Schulter gelegt oder fürsorglich in den Arm genommen: "Das ist auch normal, aber er hat es recht häufig getan", sagt er.

Für die betroffenen Kinder hatte der Diakon elterliche Autorität, sagt Kögler: "Sie haben ihm voll vertraut und mussten davon ausgehen, dass alles, was dieser Mensch tut, in Ordnung ist." Vermutlich hätten sie ihm auch persönliche Dinge von sich erzählt: "Besonders für heranwachsende Jungen ist es dann furchtbar beschämend, wenn sie feststellen müssen, dass sie auf so jemanden hereingefallen sind."

Die Jungen hätten ohnehin Probleme mit ihrer psycho-sexuellen Entwicklung. Sie versuchten, dem Bild von Männlichkeit und Stärke zu entsprechen. Dazu passe es nicht, verletzlich zu sein. Gleichzeitig sehnten sie sich nach Vertrauen und emotionaler Bindung. "Das Thema Homosexualität ist dazu noch von großer Scham besetzt", erklärt Kögler.

Auch wenn es in der Lebensgeschichte des Diakons sicherlich Verletzungen gebe, die Ursache für sein Verhalten seien, gehe es erstmal um den Straftatbestand des sexuellen Missbrauchs: "Es ist wichtig, dass sich der Mann verantworten muss", betont Kögler. Verständnis für den Täter und Rechenschaft für sein Verhalten müssten auseinander gehalten werden: "Dennoch wird es immer wieder Dinge geben, vor denen man sich nicht schützen kann. Die menschliche Natur ist nicht verlässlich." (epd Niedersachsen-Bremen/b0758/28.03.02)
Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen
E-Mail: epd@lvh.de