"Eintreten für die Armen" - Landesbischöfin Margot Käßmann über ihre Teilnahme am Welt-Wirtschafts-Forum

Nachricht 11. Februar 2002

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht im idea-Nachrichtendienst am 8.2.2002 ->idea

Wer als Bischöfin zum Welt-Wirtschafts-Forum kommt, ist doch über manches erstaunt – vielleicht aus Naivität? Es herrscht eine Aura der Großzügigkeit von der Einladung bis zur Gastgeberschaft. Das noble Waldorf Astoria ist wirklich „busy“. Hunderte von Männern in dunklen Anzügen beherrschen nahezu bedrängend die Flure. Draußen, da beherrschen die Sicherheitskräfte ganze Straßenzüge um das Hotel. Die Frage kommt auf: Sind eigentlich wir eingesperrt oder die anderen ausgesperrt?

Der Initiator des Welt-Wirtschafts-Forums, Klaus Schwab, hat 40 Vertreter der Weltreligionen, mit mir auch eine Vertreterin, zum Welt-Wirtschafts-Forum eingeladen. Darunter sind katholische Kardinäle ebenso wie islamische Scheichs, ein Hindu mit langem schwarzem wallendem Haar, im Kontrast dazu ein Vertreter des Buddhismus mit rasiertem Kopf, der Oberrabbiner von Jerusalem ebenso wie der Oberrabbiner von New York, der Erzbischof von Canterbury und andere mehr. Was sollen die Vertreter der Religionen hier? Was wollen sie bei einem Welt-Wirtschafts-Forum? Und was können sie erreichen?

Zunächst muss deutlich gesagt werden, dass die Veranstalter nicht erst seit dem 11. September über die Beteiligung von Religionen nachgedacht haben, sondern schon im vergangenen Jahr in Davos eine, wenn auch wesentlich kleinere Gruppe von Religionsvertretern eingeladen hatten. Der 11. September hat aber die Bedeutung von Religion in gesellschaftlichen Konflikten neu deutlich gemacht. Zunächst sollte positiv konstatiert werden, dass die Wirtschaft mit der Religion ins Gespräch kommen will. Es wäre meines Erachtens falsch, sich einem solchen Gespräch zu verweigern. Und Interesse an der Begegnung gibt es durchaus. Da sind straff durchorganisierte Essensbegegnungen, die zu zentralen Fragen an runden Tischen à 10 Personen einen Austausch ermöglichen. Dabei wird übrigens auch deutlich: es sitzen nicht hier die guten Religionsvertreter und dort die bösen Kapitalisten. Manch einer „outet sich“ als Christ oder Moslem oder Jude. Ein junger Geschäftsmann an meinem Tisch erklärt, dass er jeden Morgen in der Bibel liest und im Buch der Sprüche eine für ihn zentrale Stelle gefunden hat: „So ist Weisheit gut für deine Seele, wenn du sie findest, wird dir‘s am Ende wohlgehen...“ (24,14). Ein anderer erzählt, dass er mit seiner ganzen Belegschaft jeden Morgen betet. Das Gebet sei freiwillig, aber keiner schließe sich aus.

Was sollen die Religionsvertreter hier? Es wäre überheblich zu erklären, dass sie lediglich ein Feigenblatt der sogenannten „Cocktailparty der Reichen“ abgeben oder das Welt-Wirtschafts-Forum „absegnen“ sollen. Mir scheint, den Wirtschaftsvertretern ist deutlich, dass beim Ringen um eine gemeinsame Zukunft Religion eine entscheidende Rolle spielt und es wichtig ist, mit den Vertretern der Religionen im Gespräch zu sein, um Wege in die Zukunft zu finden. Ja, sie haben sich Globalisierungskritiker und Globalisierungsgegner eingeladen in das Forum hinein. Das ist ein Gesprächsangebot und ein Gesprächswunsch. Gleichzeitig ist natürlich deutlich, dass ad personam eingeladen wird. Die Globalisierungsgegner haben Recht mit ihrer Kritik, dass hier keine demokratischen Auswahlprozesse in irgendeiner Art stattfinden. Aber gewiss gibt es auch das Recht der Wirtschaft untereinander, zu Gesprächen und Überlegungen zusammenzukommen.

Was wollen die Religionsvertreter hier? Zunächst hat sich als schwierig erwiesen, zu offenen und ehrlichen Diskussionen zu kommen. Da erklären alle, die Religion sei selbstverständlich ein Friedensfaktor. Wenn dann gesagt wird: die Religion ist aber vielfach der Konfliktfaktor! Und: so einfach können wir nicht erklären, wir beteten doch alle ganz friedlich zu dem gleichen Gott - dann herrscht zunächst betretenes Schweigen. Das Welt-Wirtschafts-Forum kann kein Ort sein, um eine neue Ära des Gesprächs zwischen den Religionen zu eröffnen. Hierzu gibt es das Weltparlament der Religionen, es gibt die Bewegung der Weltreligionen für den Frieden und anderes mehr. Was allerhöchstens möglich ist, ist eine persönliche Begegnung, ein gewisses Vertrauen untereinander. Shimon Peres beeindruckt mich, als er beim Mittagessen sagt: „Der Gesang Jerusalems setzt sich zusammen aus der Stimme der Glocken, dem Ruf des Muezzin und dem Kantor der Synagoge.“ Aber schon kommt ein Zwischenruf: „Und warum wollen Sie Arafat ermorden?“ Nein, das darf nicht überschätzt werden, hier ist nicht der Ort der großen interreligiösen Gespräche.

Aber doch gibt es gemeinsame Anliegen. Am 4. Februar morgens in eisiger Kälte an der Grube, die einst das World Trade Centre war, wird der Zerstörungswahn des Terrorismus greifbar. Dies war ein Handelszentrum und ist jetzt ein Friedhof. Der Wahnsinn dieses Angriffs auf das Zentrum einer pulsierenden Großstadt macht fassungslos. Ganze Häuserzüge mussten geräumt werden wegen dicker Staubschichten, hoher Schadstoffbelastung, später wegen des Verwesungsgeruchs. Manche Menschen wollen hier nicht mehr wohnen und nicht mehr arbeiten, sie können den Schock nicht überwinden. Vor allen Dingen die Kinder leiden unter dem Trauma. Hier wurden Menschenleben zerstört im Namen der Religion und bei allen Beteuerungen der Friedfertigkeit des Islam, ja der Friedfertigkeit aller Religionen, bleibt die Frage: Ist Religion nicht doch viel zu oft Faktor der Konfliktverschärfung, anstatt nun endlich Konflikte zu entschärfen? Und wenn dann König Abdullah II aus Jordanien erklärt, es müsse in seinem Land ein eigenständiges Entwicklungsmodell gemäß den Traditionen des Islam geben, dann kommt die Frage auf, ob nicht tatsächlich ein „clash of cultures“, wie Huntington ausführt, unvermeidlich ist.

Ein gemeinsames Wollen aber wird artikuliert: ein Eintreten für die Armen. Das sei in allen Religionen von zentraler Bedeutung. Ist da so? Wir wollen es hoffen.

Und was können Vertreter von Religionen nun bei einem solchen Forum bewirken? Als Allererstes dürfen sie sich nicht überschätzen. Dies ist ein Wirtschaftsmeeting, es geht um „business“, es geht um Geschäfte. Einiges aber können sie sicher tun: sie können die Gesprächsbereitschaft von Menschen aus der Wirtschafts- und Geschäftswelt nutzen, um den eigenen Glauben einzubringen. Als Bischöfin kann ich Christinnen und Christen auf ihre Verantwortung und Rechenschaftspflicht gemäß dem Evangelium ansprechen, auf die Solidarität der Starken mit den Schwachen, wie sie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter deutlich wird. Christinnen und Christen können ihre Werte, ihre Grundüberzeugung, Gottes besondere Vorliebe für die Armen und das Engagement für die Armen zum Thema machen. Und damit sind sie nicht allein. Kofi Annan hat in seiner Abschlussansprache gesagt: „Die Realität ist, dass Macht und Reichtum in dieser Welt sehr, sehr ungleich verteilt sind und viel zu viele Menschen dazu verdammt sind, in extremer Armut und Herabsetzung zu leben.“ Ja, das nehmen die Wirtschaftsführer durchaus wahr, und eine Art neue Nachdenklichkeit ist zu spüren bei aller „Noblesse“ des Waldorf Astoria. Die Christinnen und Christen unter den Wirtschaftsführern sind zu ermutigen, hier entschieden Wege zu suchen, und dabei sollten sie begleitet werden. Schließlich haben die Vertreter der Religionen eine Möglichkeit, die Kritik der Globalisierungsgegner und die beim Sozialforum in Porto Allegre diskutierten Positionen in das Forum hineinzuholen. Vielerorts ist das geschehen, auch durch Vertreter von amnesty international, den Sozialprojekten, die exemplarisch eingeladen wurden. Es gibt durchaus eine Offenheit zu hören, sie ist eine Chance.

Alles in allem also: Vertreter von Religionen sind sicher nicht als Feigenblatt eingeladen, sondern bewusst als Gesprächspartner gewollt. Der Dialog der Religionen ist ein dorniges Feld und kann wohl höchstens Konfliktentschärfung statt Konfliktverstärkung zum Ziel haben. Vertreter von Religionen können Wirtschaftsführer nur ermutigen, ihren Beitrag in Verantwortung vor Gott zu leisten. Schwierig wird es, wenn Religionen über einen Kamm geschoren werden und eine Religion angeblich wie die andere ist. Dann müssen Christinnen und Christen deutlich sagen: Jesus Christus ist für mich nicht einfach ein Prophet unter vielen anderen, sondern für uns der Weg, die Wahrheit und das Leben. Gott ist nicht nur ein Gefühl, ein Etwas, das über allem schwebt und webt, sondern Schöpfer der Welt, dem ich als Haushalterin oder Haushalter gegenüber rechenschaftspflichtig bin. Soll ein Christ, eine Christin am Weltwirtschaftsgipfel teilnehmen? Ja, denn alles andere wäre eine Gesprächsverweigerung. Aber er oder sie sollen es mit kritischer innerer Distanz tun und der Freiheit eines Christenmenschen. Wie heißt es doch im Buch der Sprüche, Kapitel 22, Vers 2: „Reiche und Arme begegnen einander; der Herr hat sie alle gemacht.“ Und weiter: „Beraube den Armen nicht, weil er arm ist...“! (22)

Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann