Karin Toben steht vor der Gedenkstaette in Vockfey an der Elbe. Bild: epd-bild/ Karen Miether

Die Entwurzelten von der Elbe

Tagesthema Vockfey, Amt Neuhaus, 13. August 2021
Gedenkstaette Vockfey
Karin Toben steht vor der Gedenkstaette in Vockfey an der Elbe. Bild: epd-bild/ Karen Miether

In Vockfey an der Elbe erinnert eine Gedenkstätte an verlorene Höfe von Menschen, die in der DDR aus der grenznahen Region zwangsausgesiedelt wurden. 1952 und vor 60 Jahren noch einmal, mussten dort viele ihre Heimat verlassen.

Apfelbäume säumen die Straße, von der ein Schwarm Stare auffliegt. Karin Toben zeigt in Richtung Elbe. „Dort standen zwei Gehöfte“, sagt die 73-Jährige mit Blick auf eine Wiese vor dem Deich, auf der Jungvieh grast. Rund hundert Meter weiter markiert nur noch ein gemauerter Trafo-Turm das Gelände eines einstmals stolzen Gutes. Vom „Kolepanter Hof“ ist nichts mehr übrig, so wie von den allermeisten Höfen in Vockfey. Der Elb-Ort liegt im heute zu Niedersachsen gehörenden Amt Neuhaus, das vor der Wende Grenzgebiet der DDR war.

Die Häuser dort verfielen, wurden abgerissen oder gar gesprengt, nachdem das SED-Regime ihren Bewohnerinnen und Bewohner die Heimat nahm. Im Herbst 1961 wurden mehr als 3.000 Menschen entlang der DDR-Grenze gewaltsam ins Landesinnere deportiert. Die erneuten Zwangsaussiedlungen waren Folge der des Ausbaus der innerdeutschen Grenze. Schon am 13. August vor 60 Jahren hatte in Berlin der Mauerbau begonnen.

Insgesamt waren Schätzungen zufolge rund 12.000 Menschen von den Aussiedlungen betroffen, viele bereits bei einer ersten Welle im Juni 1952, der sogenannten „Aktion Ungeziefer“. „Die Menschen sind stigmatisiert und traumatisiert worden“, so schildert es Karin Toben. Die Journalistin ist für mehrere Bücher Lebenswegen an der Elbe nachgegangen. Sie hat unter anderem Briefe ausgewertet, die Zwangsausgesiedelte an den damaligen Pastor Axel Beste in der alten Heimat schrieben, und dann die Verfasser und ihre Nachfahren ausfindig gemacht.

Gründe dafür, warum Menschen als „politisch unzuverlässig“ eingestuft wurden und ihr Zuhause verlassen mussten, wurden zumeist nicht genannt, so haben viele von ihnen es Karin Toben erzählt. Dort, wo sie hingebracht wurden, waren sie den neuen Nachbarn suspekt. „Die haben gesagt, irgendetwas werden sie schon ausgefressen haben, die Leute von der Elbe.“

Holger Zerbin wurde als Kleinkind mit seinen Eltern Ewald und Hannelore von ihrem Hof in Vockfey-Kolepant nach Malchin in Mecklenburg verfrachtet. „Die sind gekommen, dann hatte man 24 Stunden Zeit, bis das verbleibende Hab und Gut verladen wurde“, weiß er aus Erzählungen. Zerbins Vater schaffte, was sonst kaum jemandem gelungen ist: Schon 1953 konnte die Familie zurückkehren. Ein Major der Volksarmee habe ihm verraten, dass es dazu nur die Unterschrift des Bürgermeisters brauchte, berichtet der Sohn. Ein Willkürakt wie die Aussiedlung selbst - so sieht es der heute 70-Jährige.

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Die steinerne Pyramide erinnert an Menschen, die 1952 und 1961 aus dem damaligen Grenzgebiet der DDR ins Landesinnere zwangsausgesiedelt wurden. Bild: epd-bild/ Karen Miether

Nach der Rückkehr begegneten viele der Familie mit Misstrauen. „Die Leute haben geglaubt, dass mein Vater Stasi-Zuträger ist“, erzählt der Arzt im Ruhestand. „Es ist für die ganze Familie eine Belastung gewesen, weil wir immer Angst hatten, irgendwann schmeißen sie uns wieder raus.“

Der Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin hat die Schicksale von Männern, Frauen und Kindern dokumentiert, die zwischen der Staatsgründung im Jahr 1949 und dem Fall der Mauer 1989 an der innerdeutschen Grenze ihr Leben verloren. Unter ihnen waren auch sechs Menschen, die angesichts der drohenden Zwangsaussiedlung Suizid begangen haben. Zugleich flohen bis zum 30. Juni 1952 knapp 1.600 Familien mit 5.480 Personen vor der Zwangsaussiedlung in den Westen.

Auch Holger Zerbin wagte 1969 diesen Schritt. Das Abitur frisch in der Tasche, hatte er lange vorher trainiert, bis er über die Elbe schwamm. „Von mir konnte niemand erwarten, dass ich in diesem Staat bleibe“, sagt er. Ein gutes Jahr später folgten ihm die Eltern und die beiden jüngeren Brüder. Der Hof der Zerbins wurde 1970 abgerissen. Wie die Trümmer fast des ganzen Dorfes landete er im „Vockfeyer Grab“, einem großen Wasserloch aus einem Altarm der Elbe.

Als 2004 der Elb-Deich verlegt wurde, hoben Bauarbeiter die versenkten Backsteine und weiteren Relikte. Karin Toben setzte sich damals für eine Gedenkstätte ein. Als langjährige Korrespondentin der „Deutschen Presse-Agentur“ (dpa) in Lüneburg hat sie nach der Wende das Geschehen in der Region begleitet, die 1993 wieder ein Teil Niedersachsens wurde. Seit ihrem Ruhestand lebt sie auch dort. Die Arbeiter hätten ihr gesagt, das Material werde zu Straßenbelag verarbeitet, erinnert sie sich. „Steine, die Menschen eine Heimat waren, kann man doch nicht zerschreddern!“

Seit 2006 erinnern deshalb in Vockfey ein kleines Häuschen mit einer Dauerausstellung und eine Pyramide aus den geborgenen Steinen an die verschwundenen Höfe. Holger Zerbin hat die Fläche dafür zur Verfügung gestellt. Ihm gehört heute das Grundstück des früheren Hofes. Er selbst ist auf der westlichen Elbseite nahe Hitzacker geblieben. Zurückkehren möchte er nicht. „Wo früher blühende Dörfer waren, ist heute eine Einöde.“

Nahe am beliebten Elberadweg macht die Gedenkstätte in Vockfey auf ein dunkles Kapitel der Geschichte aufmerksam, das nur wenig bekannt ist, davon zeugen jüngste Einträge im Gästebuch. „Ich bin froh für die Aufklärung über die Situation der Menschen damals. Habe ich nicht gewusst“, schreibt eine Berlinerin. Und Nick und Ralf aus Lippstadt merken an: „Es ist beeindruckend, dass Geschichte an jedem noch so kleinen Ort nicht in Vergessenheit gerät.“

EPD/ Karen Miether