Künstler*innen sind in der Corona-Krise oft auf ihre Ersparnisse angewiesen.

Künstler*innen in der Corona-Krise

Tagesthema 22. Mai 2020

"Man muss sich die Leute vorstellen"

„Das ist ja wie ein halbes Fernseh-Studio“, sagt Franziska Baden und lacht, als sie in den Fokus der drei Kameras tritt. Vier um sie herum verteilte Strahler sorgen für Licht im Seitenschiff der St. Marien-Kirche in Celle. Drei Mitarbeiter des evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen-Bremen (ekn) huschen um die Kameras herum, prüfen Bildausschnitte, -schärfe und den Ton. Am Revers der Pastorin klemmt ein kleines schwarzes Mikrophon, ein dünnes Kabel führt zum Sender in ihrer Hosentasche. In den Händen hält sie ihr Tablet, auf dem sie den Text für die Lesung für den Online-Gottesdienst sieht. „Schau nochmal in diese Kamera – ja, danke. Okay, dann geht’s los“, so die Ansage von Produktionsleiter Lukas Schienke. Mit einem Mal legt sich Stille über die Szenerie - und eine gewisse Spannung.

Stille Anspannung

Franziska Baden beginnt ruhig zu lesen, schaut dabei immer wieder hoch in eine der Kameras. Als sie endet, verharren alle noch einen Moment ruhig in ihren Positionen – diese kurze Stehzeit ist später wichtig für die Übergänge, wenn die einzelnen Sequenzen aneinandergeschnitten werden. Dann fällt mit einem Mal die Spannung, als Lukas Schienke sagt: „Okay, du bist einmal ein bisschen gestolpert, wir machen das einfach nochmal. Und du musst nicht ganz so oft hochgucken, es ist ja eine Lesung. Sonst war alles super.“ Franziska Baden nickt, kreist zwei-, dreimal mit den Schultern und nimmt wieder ihre Haltung ein. Ihr Mann Maximilian Baden und Musikerin Katrin Hauschild beobachten sie mit Kaffeetassen in den Händen, während der Fotograf Jens Schulze unauffällig Fotos für dieses „Making of“ macht.

Neue Ansprache

Dieses Mal gab es keinen Versprecher - „Gut, das nehmen wir so. Dann machen wir jetzt die Musik.“ Lukas Schienke, Mitarbeiter Christian Venn und Praktikant Tim Schnelle tragen Kameras, Stative und Strahler einige Meter weiter – zum Flügel, an dem Katrin Hauschildt Platz nimmt. Während sie sich einspielt und das Drehteam dieselben Vorbereitungen trifft wie gerade schon – Bild, Licht, Ton – zieht Franziska Baden schnell wieder ihre Jacke an – es ist kalt in der Kirche. Wie war die Kamera-Erfahrung? „Das Lesen an sich ist nicht ungewohnt, aber die Kameras sind es natürlich schon“, erklärt sie. „Ich habe versucht, mir die Zuhörer vorzustellen und zu ihnen zu sprechen. Das ist ein bisschen die Krux hierbei: man muss dieses pastorale Sprechen ablegen. Als Pastor oder Pastorin lernt man, gegen den Hall in großen Räumen zu sprechen – hier vor der Kamera ist die Ansprache ja aber viel direkter.“

Beschwingte Töne

Direkt und klar sind auch die Abstimmungen des ekn-Teams. Mit geübten Blicken hatten sie schon beim Betreten der Kirche nach geeigneten Aufnahme-Plätze Ausschau gehalten. Jetzt sind viele Sätze, die fallen, sehr kurz: „Ist mein Arm im Bild?“, „Rück mal bitte noch ein Stück rüber“, „Hast du den Ton drauf?“. Nach ein paar Minuten senkt sich wieder stille Konzentration über die Beteiligten, die sich nun samt Kameras entlang der Kirchenwand an die Heizungen drücken. Aus dieser Perspektive ist der Flügel vor dem schmucken barocken Kirchenschiff in Szene gesetzt. Auf ein Zeichen fängt Katrin Hauschildt an zu spielen, lässt ihre Finger über die Tasten gleiten und fröhliche Töne durch die Luft fliegen. Es ist ein flottes Stück, das sich in der Kirche ausbreitet, neben den Kameras wippen die Badens still im Takt.

Ohne Talar

Für die nächste Einstellung muss aufgeräumt werden: die Begrüßung zum Gottesdienst spricht Maximilian Baden auf der Empore neben der Orgel – da wären die unzähligen Taschen der technischen Ausrüstung vor dem Altarraum im Bild. Und die Kerzen dort werden angezündet. Auf der Empore beginnt wieder das kleine Ritual aus Mikrophon anstecken und Position finden: „Geh mal bitte einen Schritt nach rechts, ja. Und jetzt den Kopf etwas senken, sonst spiegelt deine Brille. Sag mal was.“ „Eins, zwei drei, herzlich willkommen, ich versuche möglichst normal zu reden.“ „Okay, super. Sprich zuerst in diese Kamera und dann in diese.“ Und wieder wird es für einige Momente ganz still bis Maximilian Baden die Stimme erhebt. Die Kamera fängt die Weite des Kirchenschiffs hinter ihm ein.

Er trägt genauso wie seine Frau keinen Talar. „Der Online-Gottesdienst ist etwas lockerer, als der klassische Gottesdienst, wie wir ihn bisher kannten“, erklärt Franziska Baden, „wir können auch ohne Talar das Wort Gottes verkünden, das passt hier besser“. Sie steht während der Aufnahme auf der Empore bereits vor dem Altar, wo sie Gebet und Fürbitten sprechen wird und geht dessen Text auf dem Tablet noch einmal durch. Predigt und Fürbitten schreiben, Musik aussuchen – all das ist kein Unterschied zum „normalen“ Gottesdienst. Nur die Aufnahme als Video bedeutet für sie ein wenig mehr Aufwand.

Gesegneter Kameramann

Kurz darauf stehen die Kameras und Strahler vor ihr im Altarraum. „Soll ich die ganze Zeit in die Kamera gucken? Eigentlich senkt man beim Beten ja den Kopf“, fragt sie. „Ja, dann sag in die Kamera nur ,Ich bete.‘. Und dann guckst du runter“, sagt Lukas Schienke. „Und zum Segen drehst du dich zu der Kamera ganz links.“ Das tut sie. Christian Venn, der hinter dieser Kamera steht, wird so quasi zum dritten Mal in vier Tagen gesegnet. „Der meist gesegneste Mensch“, sagt sein Chef mit einem Grinsen, das man trotz des Mundschutzes spürt.

Dann nimmt Maximilian Baden den Posten seiner Frau ein. Sie kann die Predigt, die er jetzt hält, auswendig mitsprechen. Sie haben sie auf einer längeren Autofahrt am Tag zuvor x-mal durchgesprochen. Nun erzählt es Maximilian Baden nicht seiner Frau, sondern abwechselnd den drei schwarzen Kameras.

„Das ist schon ungewohnt, aber es macht auch Spaß“, resümiert er anschließend. „Die klaren Ansagen des Teams helfen.“ „Man muss sich vorstellen, dass die Leute da sitzen“, stimmt Franziska Baden zu und auch Katrin Hauschildt, die alles interessiert verfolgt hat, empfindet das so: „Wir leben eigentlich vom Publikum, von den Leuten, die vor uns sitzen und ihren Reaktionen. Man merkt im Raum, ob es ankommt, was ich mit der Musik hervorrufen will – das fehlt jetzt total.“

Was bleibt?

Und trotzdem bleibt für sie alle nicht nur am Ende dieser Aufzeichnung die Frage, wie viele der neuen Ideen weiterbestehen werden, wenn die Pandemie-Maßnahmen hoffentlich eines Tages beendet sind. „Man muss dann schauen, welche der kreativen Ideen man beibehält. Online erreicht man nochmal andere Leute, als die, die ohnehin in die Kirche gehen. Das ist natürlich schön“, so Franziska Baden, während sich das ekn-Team verstreut hat. Die drei sind ausgeschwärmt und nehmen noch verschiedene Details auf – eine Nahaufnahme des Altars, die Kerzen, eine „Totale“ der Kirche. „Schnittbilder“ heißen die Aufnahmen, die nach Bedarf in das Video eingefügt werden können und Atmosphäre vermitteln.

Nach etwa drei Stunden stehen alle wieder draußen, im warmen Sonnenschein. Die Ausrüstung ist wieder im Auto verstaut, alle Beteiligten sind zufrieden. In den folgenden Tagen wird das gedrehte Material beim ekn gesichtet und geschnitten – und am Sonntag um acht Uhr auf Facebook, Youtube, Instagram und auf der Website der Landeskirche freigeschaltet.

Christine Warnecke

Zum Online-Gottesdienst

Der ekn

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