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Bild: epd-bild/ Michael Weber

Weihnachten Flüchtlinge einladen

Tagesthema 26. November 2015

Bischof warnt in Flüchtlingsfrage vor dem Schüren von Angst

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat alle Christinnen und Christen in Deutschland dazu aufgerufen, zu Weihnachten Flüchtlinge in die heimischen Wohnzimmer einzuladen. So könnten beide Seiten ihre Angst vor Begegnungen überwinden, sagte der evangelische Theologe vor der evangelischen Landessynode in Hannover. Meister hat in seiner Bischofskanzlei, in der er auch selbst mit seiner Familie lebt, inzwischen zwei Einliegerwohnungen für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. Im Sommer zogen dort bereits zwei junge Afghanen ein. Die zweite Wohnung soll demnächst von der Stadt Hannover mit Flüchtlingen belegt werden.

Die Einladungen zu Weihnachten sollten kein christliches Missionsfest sein, sondern eine Geste des Friedens, betonte der Bischof. Er warnte davor, in der Flüchtlingsfrage Angst zu schüren. Er teilte die Sorge um eine geordnete Aufnahme der flüchtenden Menschen. „Wir bleiben in der Aufnahme und Begleitung diesen Menschen in Not manches schuldig.“ Dass es dabei auch zeitweilig zu Überforderungen der Verwaltung und der Politiker und auch zu Fehlern und Versäumnissen gekommen sei, „sollten wir nicht für Anklagen oder öffentliche Verurteilungen missbrauchen“, mahnte der Bischof. „Das hilft niemanden.“

Auch parteipolitischer Streit helfe nicht weiter. Er verstärke nur die Unsicherheit und Angst, unterstrich Meister. Die Kirche habe die Aufgabe, Diskussionsforen zur Entwicklung in der Gesellschaft anzubieten. „Die Debatte mit denen, die sich ernsthaft Sorgen machen, darf nicht auf der Straße ausgefochten werden.“ Kirchen seien die besten Orte, um Ängste und Sorgen zusammenzutragen und nach einvernehmlichen Lösungen zu suchen: „Hier darf etwas gesagt werden, was an anderer Stelle nicht laut werden kann, und hier kann anders geantwortet werden.“

Die größte Herausforderung für die Kirchen im neuen Jahr werde sein, Formen zu finden, um die unterschiedlichen Religionen, die die Flüchtlinge mitbrächten, in die Gesellschaft einzubinden, sagte Meister am Rande der Tagung. Der Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen, Christoph Künkel, ergänzte, die Gesamteinstellung zu Flüchtlingen müsse sich dringend ändern: „Die Menschen, die zu uns kommen, müssen sich selbst organisieren dürfen, damit Flüchtlinge zu Mitbürgern werden.“

epd

Antisemitismus-Vorwurf

Die Muslime in Niedersachsen wehren sich gegen den Vorwurf der jüdischen Verbände, Flüchtlinge aus muslimischen Ländern brächten Antisemitismus nach Deutschland. Die Aussagen des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, seien falsch und pauschalisierend, sagte Vorsitzende des Landesverbandes der Muslime in Niedersachsen („Schura“), Avni Altiner, dem epd: „Steht denn Herr Schuster an der Grenze und befragt die Flüchtlinge nach ihrer Einstellung? Diese Menschen fliehen vor radikalen Muslimen, die sie bedrohen.“

Dennoch könne er grundsätzlich verstehen, dass die Juden sich Sorgen machten, betonte Altiner: „Aber ich hätte mir von den Verantwortlichen gewünscht, dass sie mit uns intern darüber reden und nicht mit sehr offensiven Parolen nach außen treten.“ Auch dem Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, Michael Fürst, warf Altiner vor, zuerst bei einer öffentlichen Veranstaltung seine Befürchtungen geäußert zu haben.

Der Zentralratsvorsitzende Schuster hatte in Interviews gesagt, viele Flüchtlinge kämen aus muslimisch geprägten Kulturen, „in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil“ seien. Fürst hatte diese Einschätzung bekräftigt.

Altiner rief die jüdischen Verbände dazu auf, gemeinsam mit den muslimischen Verbänden gegen Vorurteile zu kämpfen. Darüber hinaus sei es die Aufgabe des Staates, den Flüchtlingen Kenntnisse über die deutsche Gesellschaft, das Grundgesetz und auch die besonderen Aspekte der jüngeren deutschen Geschichte zu vermitteln: „Wir sind gerne bereit, dabei zu helfen. Wir bitten die Moscheegemeinden, immer wieder über die Regeln in einem demokratischen Rechtsstaat aufzuklären. Das ist der richtige Weg.“

Die „Schura“ werde auf der Grundlage des bisherigen guten Dialogs mit den jüdischen Gemeinden in Niedersachsen die Beteiligten in den nächsten Tagen zu einem Gespräch einladen, kündigte der Vorsitzende an.

epd

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