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Alles auf eine Karte gesetzt

Tagesthema 25. September 2015

Jesus ist urlaubsreif. Der Freizeitausgleich für den gestressten Messias ist fällig. Gegner setzten ihm zu. Also ab ins Ausland für eine Auszeit. Kein Predigen, kein Heilen, keine Streitgespräche. Sich nicht ständig auf neue Menschen einstellen, ihre Geschichten hören, immer aufmerksam sein müssen. Distanz ist das Zauberwort. Auch die Jünger scheinen chillig drauf zu sein, zumindest so sehr im Urlaubsmodus, dass sie bei einer Störung schnell genervt sind. Im Urlaub will man seine Ruhe haben, abschalten und die übliche Rolle mal verlassen. Man ist offline: Kein Empfang – wenigstens nicht für irgendwelche Anliegen. Das ist die eine Per-spektive, die eine Seite, der eine Hauptakteur.

Die andere? Eine Frau, eine Ausländerin, in tiefer Not, in wahnsinniger Sorge um ihre schwer kranke Tochter. Kennen Sie das, vielleicht aus eigenem Erleben? Eine Mutter hat ein ernstlich - vielleicht lebensgefährlich - erkranktes Kind. Ich kenne solche Mütter: die marschieren durch zum Chefarzt, die verlassen ein Büro auf dem Amt solange nicht, bis sie ihr Recht und ihr Geld haben, die knien sich rein, lesen schwer verständliche medizinische Bücher und recherchieren im Internet für die allerletzte Chance zur Rettung ihres Kindes.

Auch die Frau in der Geschichte ist ihrerseits geradezu besessen von der Chance, die sich ihr mit Jesu Aufenthalt bietet. Sie will Heilung, sie will unbeirrbar Jesu Nähe und Zuwendung, hier und jetzt. Drei- bis viermal wird sie zum Teil schroff abgewiesen. Aber Mütter im Rettungsrausch kennen keine Höflichkeit, keinen falschen Respekt, keinen Stolz. Sie lassen sich nicht mit noch so harten Worten abschrecken. 

Die Frau nervt.

Die Frau in der Geschichte nervt, sie schreit, sie wirft sich vor ihm nieder. Sie, die Heidin, hat sich erkundigt, hat recherchiert, nennt ihn „Herr“ und – hochliturgisch – „Sohn Davids“, denkt sich in seine Argumentation hinein und dreht sie um – alles für ihr einziges Ziel. Eine rhetorische Meisterleistung ist das, aber darum geht es nicht, sondern um die Heilung der Tochter.

Jesus ist genervt. Da hat man gerade seine Ruhe gefunden, darf im Ausland ganz privat sein und dann das – beziehungsweise „die“. Die Frau bricht ein in seine Auszeit, fragt nicht, ob es recht sei und er Zeit für ein Gespräch oder eine Heilung habe. Jesus fühlt sich nicht zuständig. Mehrmals sagt er sinngemäß: „Das ist nicht meine Baustelle.“

Das ist Glaube.

Aber diese Hartnäckigkeit, diese kluge Argumentation, der wahnsinnige Impuls lässt ihn stocken, macht Eindruck. Diese Frau glaubt, glaubt an ihn, setzt alle ihre Erwartungen und Hoffnungen auf diese Karte, auf diesen Menschen.

Das ist Glaube. Traditionell wird diese kanaanäische Frau ein „Vorbild im Glauben“ genannt. Aber sie ist kein Vorbild in dem Sinne, dass sie das antrainiert hat und dies nun eine „Leistung“ ist. Diese durchschlagende Kraft hat sie sich nicht erarbeitet. Das alles ist ihr gegeben, das kommt aus ihr heraus, wie den meisten Müttern und Vätern in aller Welt und zu allen Zeiten, wenn das eigene Kind schwer krank ist. Diese Wucht, die Stärke ist sozusagen die „Quantität“ ihres Glaubens. Seine Qualität besteht darin, dass er sich auf Jesus bezieht. Er ist der Heiland für diese Frau. Urlaub hin oder her.

Gunnar Schulz-Achelis

Die Andacht ist veröffentlicht in der Evangelischen Zeitung. Direkt zur Online-Ausgabe der Evangelischen Zeitung