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Bild: epd-Bild/ Dieter Sell

Zuversicht in die eigene Leistung

Tagesthema 28. Dezember 2014

Mit Schornsteinfeger und Engel ins neue Jahr

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Michelle Kreutschmann (20) fegt auf dem Flachdach eines Schulzentrums in Bremen einen modernen Kamin. Bild: epd-Bild/ Dieter Sell

Mal will ihr jemand über die Schulter spucken, mal an einem goldfarbenen Knopf ihrer schwarzen Tracht drehen: Für viele Menschen ist Michelle Kreutschmann das Glück in Person. Denn die 20-Jährige lernt Schornsteinfegerin. Im Land Bremen ist sie die einzige weibliche Auszubildende. „Ich dachte mir: Wie cool ist das denn, und habe mich einfach beworben,“ erzählt die junge Frau von ihrem Job, der sie zur Glücksfee auf dem Dach macht.

Wem ein Schornsteinfeger begegnet, dem winkt das Glück: So lautet der Volksglaube, der bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Er beruht wahrscheinlich darauf, dass Schornsteinfeger Brände verhinderten, wenn sie die häuslichen Feuerstellen vom Ruß befreiten. In dieser Tradition steht Michelle Kreutschmann bis heute. „Aber der Schornsteinfeger misst auch Abgaswerte und berät in feuerungstechnischen Fragen",“ erklärt die junge Frau, die bereits im dritten Lehrjahr steht.

Glücksbringer haben zum Jahreswechsel Konjunktur. Kleeblätter, Kaminkehrer und rosa Marzipanschweine sollen den Start ins neue Jahr erleichtern. Alles Humbug? Wissenschaftler der Universität Köln haben in einer Studie herausgefunden: Wer an Glücksbringer und Talismane glaubt, dem helfen sie tatsächlich. „Sie stärken in erster Linie die Zuversicht in die eigene Leistung, aber auch die Überzeugung, dass schon alles gutgehen wird,“ sagt die Sozialpsychologin Lysann Damisch.

Forscher sprechen dabei von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Wer glaubt, dass der Glücksbringer tatsächlich wirkt, fühlt sich auch sicherer. Und erzielt möglicherweise bei einer Prüfung oder im Sport bessere Ergebnisse als derjenige, der keinen Talisman dabei hat.

Für Sabrina de Vuono gibt es da kein „möglicherweise“. In den Augen der 45-Jährigen aus Ritterhude bei Bremen ist es völlig klar, dass der kleine bronzene Engel in ihrer Hosentasche Glück bringt. „Er beschützt mich einfach“, sagt die gebürtige Italienerin, die an einer chronischen Krankheit leidet, die auch die Augen angreift. „Meinen Reiseengel habe ich immer dabei, besonders, wenn ich zwei Mal im Jahr zu Spezialisten in die Uni-Klinik Heidelberg fahre.“ Während der Behandlung umfasst sie den Engel stets mit der linken Hand, erzählt sie: „Links ist die Seite des Herzens.“

Das Krankenhaus, eine Geburt, der Jahreswechsel, das seien typische Schwellensituationen, sagt Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. „Da sind Rituale und rituelle Vergewisserungen wie das Bleigießen hilfreich, wenn sie nicht magisch überhöht werden.“ Das Vertrauen in Glücksbringer verweist seiner Meinung nach auf eine „unsichtbare Wirklichkeit“, die den Menschen Rätsel aufgebe: „Die wesentlichen Fragen im Leben sind eben nicht technischer Natur, da helfen weder Tablet noch PC.“

Aber vielleicht das Segnungskreuz, das in bestimmten Gottesdiensten auf die Stirn gezeichnet wird. Utsch vertraut symbolischen Zeichen wie diesem. Sie seien über Generationen und Jahrhunderte unter Christen erprobt.

Zeichenhafte Handlungen oder Glücksbringer gibt es in allen Kulturen, sagt die Bremer Volkskundlerin Renate Noda und erinnert an reichhaltige Traditionen besonders im asiatischen Raum. Sie sollen dort Schutz bieten vor Teufeln, Dämonen, Hexen, bestialischen Tiergestalten und gefährlichen Pflanzen wie Alraune und Hexenfurz.

Und natürlich Kraft geben, um die Herausforderungen eines neuen Jahres glücklich zu bestehen. „Das ist ein internationales Phänomen und wurzelt in einer Zeit, in der die Menschen kaum beeinflussen konnten, was um sie herum passierte“, sagt die Wissenschaftlerin, die im Bremer Übersee-Museum arbeitet. Die Traditionen sind geblieben. Manchmal sind es auch ein Hufeisen, ein grimmiger Dachreiter mit langen Reißzähnen oder die Böller in der Silvesternacht, die das Böse von Haus und Hof bannen sollen.

Dieter Sell (epd)

Böllern verboten

Das Böllern an Silvester bleibt in Niedersachsen auch in diesem Jahr eingeschränkt. Mehrere Städte haben zum Jahreswechsel das Abbrennen von Feuerwerk in ihren historischen Zentren und teilweise auch in Wohngebieten wegen Brandgefahr untersagt. Entsprechende Verbote wurden unter anderem in Northeim, Goslar, Hann. Münden und Osterode erlassen oder angekündigt. Die Landesregierung in Hannover hat parallel zu den kommunalen Beschränkungen das Abbrennen von Feuerwerkskörpern in unmittelbarer Nähe von Kirchen, Krankenhäusern, Kinder- und Altersheimen sowie von Reetdach- und Fachwerkhäusern untersagt.

In Northeim informieren seit Mite Dezember auch Plakate und öffentliche Aushänge über das Feuerwerksverbot innerhalb des Innenstadtrings. Verstöße würden als Ordnungswidrigkeit geahndet und könnten eine Geldbuße von bis zu 5.000 Euro nach sich ziehen, teilte die Stadtverwaltung mit.

Als eine der ersten Städte hatte Osterode am Harz bereits 1997 das Zünden von Feuerwerkskörpern in der Altstadt verboten. Im Jahr davor waren im Stadtzentrum infolge von Silvesterraketen Brände ausgebrochen. In Goslar löste eine Silvester-Rakete 2006 ein Feuer aus. Northeim setzte das Böllerverbot nach mehreren Bränden in der Innenstadt erstmalig im Jahr 2009 in Kraft.

Das Lärmen an Silvester hat eine lange Tradition. Schon im frühen Mittelalter nahmen die Bürger Rasseln, Töpfe und andere Gegenstände, um böse Geister zu vertreiben. Ab dem 10. Jahrhundert kamen Kirchenglocken, Pauken und Trompeten hinzu, später auch das Abfeuern von Gewehren und Kanonen. Anfang des 20. Jahrhundert setzte die Massenproduktion von Feuerwerkskörpern ein.

Seit Beginn der 1980er Jahre gibt es Aufrufe, auf das Feuerwerk zu verzichten und das Geld stattdessen für einen wohltätigen Zweck zu spenden. So sammeln christliche Initiativen unter dem Motto „Brot statt Böller“ Geld für Projekte mit Straßenkindern.

epd

Weitere Infornationen zu der Aktion „Brot statt Böller“ 2014

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