2014_12_18_schmal

Bild: Imma Schmidt /gottesklang.de

Marias Lied

Tagesthema 17. Dezember 2014

„Meine Seele erhebt den Herrn“ klingt es vierstimmig durch den Saal. Vierzig Frauen und Männer proben das Magnificat. Der Text, den sie singen, stammt aus dem Lukasevangelium aus dem Loblied der Maria. Jeder im Chor leiht den alten Worten seine Stimme. Der Student, die Mutter von drei Kindern, der Rentner und die Medizinerin – am Ende ihres Tages singen sie gemeinsam und lassen sich vom Gesang tragen.

Im Lukasevangelium wird erzählt wie die schwangere Maria ihr Loblied sag. Dabei machte es Maria selbst wie die Sängerinnen und Sänger. Sie stimmte ein in die Worte ihrer Tradition. Als sie sang, wählte sie Worte der Väter und Mütter ihres Glaubens. Die junge Frau kannte die Geschichte von Hannah, aus dem 2. Buch Samuel, die lange vergeblich auf ein Kind gewartet hatte. Maria lieh sich Worte aus dem Lied, das Hannah voll Freude sang, als ihr Kinderwunsch endlich erfüllt wurde. Maria stimmte ein in diese Worte und fühlte sich getragen von der jahrhundertealten Tradition.

Mit ihrem Loblied stellte Maria ihr Leben in einen großen Zusammenhang. Sie hätte allen Grund gehabt, ängstlich zu sein. Ihre Zukunft war unsicher. Aber sie spürte auch das Leben, das in ihr heranwuchs. Sie fühlte sich geborgen bei Elisabeth, die wie sie ein Kind erwartete. Sie spürte hinter sich die Schicksale vieler Frauen, die auf Gott vertraut hatten. Mit den Worten dieser Mütter ihres Glaubens sang Maria. Sie sang sich in ihre Zuversicht hinein.

Sängerinnen und Sänger auf der ganzen Welt tragen heute noch das Magnificat weiter. Wenn ich es singe, stelle ich mir vor, wer vor mir schon Marias Lied gebetet und gesungen hat und wer es gemeinsam mit mir tut. Eine große Gemeinschaft, die auf Gotte vertraut. Ein riesiger Chor, der zugleich weiß, dass die großen Umstürze, von denen das Lied singt, klein beginnen und langsam heranwachsen wie das Kind im Mutterleib.

Nächste Woche sitzen viele Menschen gemeinsam in den vollen Kirchen und singen Weihnachtslieder. Die einen voll Dankbarkeit über ein gutes Jahr, die anderen mit schwerem Herzen, die einen singen aus voller Kehle,  andere hören zu und lassen sich vom Gesang der anderen tragen. Alle Jahre wieder singen sie die vertrauten Lieder.

Advent bedeutet, einstimmen in das Lied der Hoffnung. Singen und die alten Lieder mit unserem Leben füllen. Singen, was schon viele Frauen und Männer vor uns getan haben. Singen und dabei erleben, wie sich die Hoffnung in unserem Leben ausbreitet: Gott ist nahe.

Heilig Abend heißt es dann: „Stimmt freudig, ihr Kinder, - wer wollt sich nicht freun? – stimmt freudig zum Jubel der Engel mit ein!“

Der Text

bibel_blau_schulze
Bild: Jens Schulze

Marias Lobgesang:

Und Maria sprach:
Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht
bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.

Lukas 1, (39-45)46-56

Texte, Lieder und Themen des kommenden Sonntags finden Sie auf unserem Kalenderblatt

Die Autorin

Angelika Wiesel
Angelika Wiesel Bild: Jens Schulze

Angelika Wiesel ist Pastorin und Online-Redakteurin im EMSZ Hannover.

Newsletter Tagesthema plus

Jeden Montag um 12.00 Uhr Neuigkeiten aus vielen Bereichen der Landeskirche. Jetzt abonnieren.
Anmelden
Abmelden