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Bild: epd-Bild

Weihnachten beim Kettensägeschnitzer

Tagesthema 11. Dezember 2014

Michael Sulies schnitzt Holz-Skulpturen mit schwerem Gerät

Gezielt setzt Michael Sulies die knatternde Kettensäge am Stamm an. In dem stillen Tal im Harz kreischt die Maschine auf. Späne fliegen in alle Richtungen. Bei Sulies, dem selbst ernannten Oberharzer Kettensägeschnitzer, ist es in der Vorweihnachtszeit laut. Hinter seinem Haus bei St. Andreasberg sägt der 53-Jährige in seiner Freizeit Weihnachtsbäume, Weihnachts- und Schneemänner oder Engelsfiguren.

Schon nach ein paar Minuten hat Sulies aus dem Baumstamm einen spitz zulaufenden Kegel geformt und damit die Grundform für den Weihnachtsbaum geschaffen. Die Kettensäge schwingt er in beiden Händen haltend, mal links, mal rechts am Stamm entlang. „Man muss sich dabei schon sehr konzentrieren,“ betont der Forstwirt. In seinen 31 Berufsjahren sei jedoch nichts passiert, ergänzt er und klopft dabei auf den Holz-Stamm vor ihm.

Schon lange baut Sulies aus Baumstämmen Gartenmöbel. Nie hätte er gedacht, dass er auch das feinere Kunstschnitzen beherrschen würde, sagt er und winkt lachend ab. „Ich war immer mehr für das Grobe.“ Irgendwann habe es ihn dann aber doch mal gejuckt. Sulies schnitzte mit der Kettensäge zunächst einen Pilz. Als ihm dieser direkt abgekauft wurde, machte er weiter.

Mittlerweile sind der Fantasie der Kunden des Oberharzer Kettensägeschnitzers keine Grenzen gesetzt. „Ich bin selbst immer wieder erstaunt, was möglich ist,“ sagt Sulies. Auf Anfrage schnitzt er auch mal ein Motorrad, gerade arbeitet er an einem Totempfahl als Auftrag einer Harzer Gaststätte. „Man muss sich da immer ein bisschen reinversetzen,“ sagt er. Zu seinem Repertoire gehören neben den weihnachtlichen Motiven auch Wildschweine, Hexen, Wichtel und Gnome.

Zum ihm kommen auch Menschen mit dem Bild ihres toten Haustiers, erzählt Sulies. So wartet ein lebensgroßer Pudel in seiner Werkstatt noch auf Abholung. Im Sommer kommen vor allem viele Touristen zu dem abgelegenen historischen Forsthaus, um sich ein Souvenir zu kaufen. Ab 10 Euro bekommen sie dann einen Pilz aus Harzer Fichtenholz für ihr Zuhause.

Mit einer kleineren Kettensäge fräst der Forstwirt schließlich kleine Zacken in den Holzkegel. Die rotierende Säge taucht wie ein Messer in weiche Butter in das helle Fichtenholz ein. Rundherum bekommt der Weihnachtsbaum nun Kontur. Wenn er längere Zeit am Stück arbeitet, hört er über seine Gehörschutz-Kopfhörer auch Radio gegen die Langeweile ruft Sulies schmunzelnd über den Lärm der Säge hinweg: „Das geht dann bis hin zur Hardrock-Band ACDC.“

Zum Schluss werden die letzten abstehenden Späne vom Weihnachtsbaum vorsichtig mit der Spitze der Kettensäge entfernt. Die Oberfläche soll rau bleiben, denn die Skulptur soll noch als Kettensägen-Kunst erkennbar sein, betont Sulies und schaltet die Säge aus. Für einen kurzen stillen Moment betrachtet er zufrieden das Ergebnis. Wichtig sei ihm aber vor allem, dass seine Kunst den Menschen gefalle und eine Freude mache, ergänzt er dann: „Wenn keiner mehr herkommt, würde ich das nicht mehr machen.“

Charlotte Morgenthal (epd)

Weltweit beliebt

Die Figuren des Kettensägeschnitzers sind allerdings für Außenbereiche wie den Garten oder den Balkon gedacht. In trockeneren beheizten Räumen bekommt das Holz sehr schnell Risse. Inzwischen haben Michael Sulies Skulpturen auch Abnehmer in Holland, Norwegen und den USA gefunden.

Entstanden ist das Kettensägeschnitzen bereits in den 1950er Jahren in den USA als sogenanntes „Chainsaw-Carving.“ Im Laufe der Zeit hat sich das Kunsthandwerk weltweit, sogar bis nach Japan, verbreitet. Auch Sulies hat schon auf internationalen Treffen live vor Publikum geschnitzt.

Mehr über die Arbeit des Oberharzer Kettensägenschnitzers

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