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Bild: epd-Bild

Pilgerschaft zum ewigen Leben

Tagesthema 23. November 2014

Friedhofskultur und Totengedächtnis sind von einer „Entsorgungsmentalität“ gefährdet

Lasst die Toten ihre Toten begraben“ (Matthäus 8, 22) ist keine allgemeine Anweisung Jesu an uns, sondern eine spitze Bemerkung gegenüber einem Einzelnen, der dem ernsthaften Ruf in die Nachfolge mit Ausflüchten begegnete. Die christliche Kirche hat nie übertrieben auf diesen Satz reagiert, sondern schon früh das Begraben der Toten als siebentes Werk der Barmherzigkeit (Matthäus 25) gezählt. Schließlich wurde der Leichnam Jesu nach dem Kreuzestod auch ins Grab gelegt (Markus 15) und sollte, nachdem der Sabbat vergangen war, liebevoll gesalbt werden (Markus 16). Aber dann war er nicht mehr da, wo sie ihn hingelegt hatten.

Das Grab ist Ort der Trauer und Ort neuer Erfahrung. Deshalb lohnt es sich, die eigene Trauer nicht abzukürzen oder ortlos zu machen. Der Name steht auf dem Grabstein, die Lebensdaten, ein Wort oder Symbol der Hoffnung. Der Friedhof um die Kirche herum macht deutlich, dass Lebende und Verstorbene miteinander eine Gemeinschaft in der Gegenwart Gottes bilden (Römer 14, 7).

Friedhofskultur und Totengedächtnis wurden freilich im Laufe der Kirchengeschichte auch immer wieder übertrieben. Die Sorge für das Seelenheil der Toten erdrückte die Lebenden – seelisch und finanziell. Daher zog Luther in der Reformation auch hier klare Grenzen: „gegen eine Werkerei für die Toten, um die Lebenden von ihnen zu befreien“ (Sabine Bobert, Jesus-Gebet und neue Mystik). Lasst die Toten ihre Toten begraben.

Heute hat sich die Situation drastisch geändert: nicht mehr ausufernder Totenkult, sondern zunehmende „Entsorgungsmentalität“ bestimmt unser Leben. In dieser Einstellung spiegelt sich die Kultur unserer Zeit wider – „eine Gesellschaft, deren Credo in Marktgesetzen formuliert ist und die sich von der technischen Neuschöpfung eines zweiten Menschen mehr Gewinn verspricht als von einem zunehmend humanen Umgang mit den Lebenden und ihren natürlichen Grenzen“ (Sabine Bobert).

Für den christlichen Glauben ist der Tod Ende der Pilgerschaft und Durchgang zum ewigen Leben. Das ewige Leben ist zwar bereits in unserem irdischen Dasein gegenwärtig, aber noch nicht in seiner ganzen unbedrohten Fülle. Wer glaubt, ist bereits jetzt vom Tod zum Leben hinübergegangen. Deshalb besteht die christliche Totenliturgie im Wesentlichen aus einer singenden Prozession, die den Verstorbenen von seiner irdischen Bleibe zum himmlischen Jerusalem führt und dabei in der Kirche, die auf halbem Weg zwischen der Erde und dem Himmel liegt, einen Halt einlegt.

Auf dieser ganzen Reise ist der Christ nie alleingelassen: Bei der Abreise begleitet ihn die irdische Gemeinschaft, soweit sie kann, und bei der Ankunft wird er von den Bewohnern des Himmels empfangen – von jenen also, die vor ihm die Überfahrt gemacht haben (von den Heiligen, den Märtyrern, den Patriarchen), sowie von den Abgesandten des Hausherrn (den Engeln) und schließlich vom Hausherrn persönlich. Der Christ geht also, wenn er stirbt, von einer Gemeinschaft zur anderen...

Peter Godzik war ehemals Propst im Kirchenkreis Herzogtum-Lauenburg. Den ganzen Bericht in der Ausgabe 47, Seite 6 und 7, in der Evangelischen Zeitung lesen