2014_10_04-1

Bild: Jens Schulze

2014_10_04-2

Bild: Jens Schulze

2014_10_04-3

Bild: Jens Schulze

2014_10_04-4

Bild: Johannes Neukirch

Himmlisch evangelisch

Tagesthema 03. Oktober 2014

Die Marktkirche weiträumig abgesperrt, nur geladene Gäste im Gottesdienst - so begann das Fest zum Tag der deutschen Einheit. Doch die Spitzenpolitiker suchten auch den Kontakt zu den zahlreichen Zaungästen. Bundespräsident Joachim Gauck und seine Partnerin Daniela Schadt tanzten sogar zu afrikanischen Liedern, Kanzlerin Angela Merkel ergriff Hunderte Hände, die ihr über die Absperrung gereicht wurden. 

Erstmals gab es bei dem Bürgerfest auch eine Kirchenmeile. Dazu hatten die evangelischen Kirchen ein breites Spektrum ihres Angebots zusammengestellt. Unter anderem wurden die Besucher gebeten, an einer handgeschriebenen Bibel mitzuarbeiten, die am Ende Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil übergeben wurde. Mehr als ein Dutzend Prominente von der ehemaligen Bischöfin Margot Käßmann über 96-Trainer Tayfun Korkut bis zu den Sängern Stephan Krawczyk und Laith Al-Deen gaben auf dem Roten Sofa der Evangelischen Zeitung und von Radio Leinehertz 106.5 Auskunft über ihre Erinnerungen an die Zeit, als die Mauer fiel.

Tag der deutschen Einheit gefeiert

JS4_2656
In der ersten Reihe (von links): Bundespräsident Joachim Gauck mit seiner Lebensgefährtin, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesratspräsident und Ministerpräsident Stephan Weil. Bild: Jens Schulze

So bürgernah hatte die Kanzlerin schon eine Stunde zuvor auch schon die Kirche betreten. Mit freundlichen Lächeln links und rechts schritt sie durch den Mittelgang, nicht ohne zuvor einen Kreuz tragenden Jungen und ein Mädchen aus dem Kikimu-Kinderchor per Handschlag begrüßt zu haben.

Im Gottesdienst trat dann der Grund des Festtags in den Hintergrund. Landesbischof Ralf Meister und sein katholisches Gegenüber Bischof Norbert Trelle aus Hildesheim rückten das aktuelle politische Geschehen, vor allem Schicksal der Flüchtlinge in den Mittelpunkt. „Was wäre eine Einheit, die nicht zum Teilen fähig ist?“, fragte Trelle. Und Meister beschwor die „Menschheitsfamilie“, die es noch zu entwickeln gelte. Jahrtausende sei der Begriff Familie zum Ausschluss anderer missbraucht worden. Auch Vertreter der jüdischen und muslimischen Gemeinden sprachen Friedensbotschaften, mahnten aber auch vor Antisemitismus beziehungsweise einem generalisierenden Islamismus-Verdacht.

DH6_63123-Bibelübergabe
Mit dem neuen Buch: Ministerpräsident Stephan Weil. Bild: Jens Schulze

Beim anschließenden Festakt im Kongresszentrum zog Merkel (CDU) ein positives Fazit des Zusammenwachsens nach der Wiedervereinigung. Die meisten Hoffnungen hätten sich erfüllt, Ostdeutschland habe gewaltige Fortschritte gemacht. Die Bundeskanzlerin ging auch auf die aktuelle weltpolitische Lage ein und sprach unter anderem den Konflikt in der Ukraine, die Ebola-Epidemie und den Vormarsch der IS-Terroristen an.

Schon in den Mittagsstunden nahm das Bürgerfest rund um den Maschsee Fahrt auf. Mehrere Hunderttausend Menschen schlenderten über die Ländermeile, ließen sich hier und dort an das Geschehen vor einem Vierteljahrhundert erinnern und gaben in Interviews immer wieder zu, dass sie seinerzeit von der Entwicklung in der DDR völlig überrascht worden seien.

Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Menschheit gehört zusammen wie eine Familie

JS4_2647
in der ersten Reihe (von links): Doris Schröder-Köpf, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth, Ex-Bundespräsident Christian Wulff. Bild: Jens Schulze

Mit einem ökumenischen Fernsehgottesdienst haben Spitzenvertreter von Bund und Ländern den Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Unter den rund 800 geladenen Gästen in der evangelischen Marktkirche waren Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). In der Predigt unterstrich der Ratsvorsitzende der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, Bischof Ralf Meister, die Menschheit gehöre weltweit zusammen wie eine Familie. Erstmals sprachen in einem Gottesdienst zum Einheitstag Vertreter der Juden und Muslime.

Meister sagte, Religion oder Herkunft dürften nicht bestimmend sein für menschliche Begegnungen. Der Gedanke der Menschheitsfamilie habe sich erst in der Neuzeit entwickelt, doch er sei bis heute noch keine Wirklichkeit. Der Bischof erinnerte dabei an den Krieg in Syrien und im Nordirak: "Verzweifelt sehen wir Verfolgung, Vertreibung und unglaubliche Brutalität." Er ging auch auf die Situation der Flüchtlinge ein. "Europas Humanität wird im Mittelmeer verspielt", sagte er.

Die Aufgabe und Stärke der großen Religionsgemeinschaften sei angesichts dieser Probleme nicht, bessere politische Vorschläge zu machen, sondern neue und weite Räume zum Nachdenken zu öffnen, betonte Meister. Der Gottesdienst unter dem Motto „Dem Fremden zum Nächsten werden“ wurde von einem Kinderchor mitgestaltet. Zuwanderer aus Vietnam, Spanien und Schlesien und erzählten aus ihren persönlichen Lebensgeschichten.

Der Hildesheimer katholische Bischof Norbert Trelle nannte als größte Gefahren für die Einheit den bröckelnden Zusammenhalt zwischen den Generationen und die Ausgrenzung der Fremden: „Dieser Ausgrenzung stellen wir uns öffentlich in den Weg“, sagte er. Zu den Mitwirkenden in dem Festgottesdienst gehörte auch der griechisch-orthodoxe Metropolit Augoustinos.

In einer „Friedensbotschaft“ zeigte sich der jüdische Landesrabbiner Jonah Sievers bestürzt über die neu aufkeimende Judenfeindlichkeit in Deutschland: „Im vergangenen Sommer mussten wir Sprechchöre auf unseren Straßen hören, von denen man nicht glaubte, sie jemals wieder hören zu müssen.“ Antisemitismus sei ein „Angriff auf unsere gesamte Gesellschaft“, mahnte er und erinnerte an eine Kundgebung gegen Judenfeindlichkeit vor drei Wochen in Berlin. Er hätte sich gewünscht, dass nicht nur die jüdischen Gemeinden dazu aufgerufen hätten, betonte der Rabbiner.

Für die Muslime in Niedersachsen sagte ihr Verbandsvorsitzender Avni Altiner, sie verstünden sich als „fester Bestandteil“ der deutschen Gesellschaft: “Der Tag der Deutschen Einheit führt uns Muslimen vor Augen, wie wichtig die Werte Einigkeit, Freiheit und Demokratie sind.“ Altiner distanzierte sich zugleich von der Gewalt islamistischer Terrorgruppen in Syrien und im Irak. „Ihre Taten widersprechen den Werten des Islam wie den universalen Menschenrechten“, sagte er.

epd

Die Predigt von Landesbischof Ralf Meister zum Nachlesen und Download

Wir sind evangelisch

Newsletter Tagesthema plus

Jeden Montag um 12.00 Uhr Neuigkeiten aus vielen Bereichen der Landeskirche. Jetzt abonnieren. 

Anmelden
Abmelden