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Bild: Dieter Sell

Keine Angst vor Schwellen

Tagesthema 29. September 2014

Anfang der 1990er Jahre tauchten in Deutschland die ersten Rollatoren auf. Doch kaum jemand wagte sich mit den Gehwagen auf die Straße. Das hat sich gründlich geändert. Heute stehen sie für Freiheit auf vier Rädern.

Immer mehr Ältere trainieren den richtigen Umgang mit Rollatoren und gewinnen dadurch Mobilität zurück

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Ursel von Horn (78) übt an einem Bus den richtigen Ein- und Ausstieg mit dem Rollator, Trainer Viktor Glanz assistiert ihr dabei und gibt Tipps. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Ein Schritt ins Nichts: So jedenfalls kommt es Johannes Fischer vor, der an diesem Vormittag beim Rollatoren-Training im öffentlichen Nahverkehr den richtigen Umgang mit seinem Gehwagen übt. „Denn aus dem Bus aussteigen, das funktioniert nicht vorwärts, wie er es bisher immer gemacht hat. Umdrehen, rückwärts einen Schritt auf die Straße, dann den Rollator nachziehen“, rät die Mitarbeiterin des Verkehrunternehmens, Ruth Knittel. „Da ist blindes Vertrauen nötig, ich sehe hinten doch nichts“, wendet Fischer noch ein. Doch ein paar Minuten später traut sich der 72-Jährige schon wesentlich beherzter rückwärts aus dem Bus auszusteigen.

„Die meisten schieben ihren Rollator vorwärts eine Schwelle hinunter“, hat auch Elsbeth Rütten von der Bremer Patienteninitiative „Ambulante Versorgungslücken“ beobachtet. „Aber das ist ein Kardinalfehler, der Wagen kann kippen, der Mensch dahinter stürzen“, warnt die Expertin, die selbst regelmäßig Rollatoren-Trainings organisiert.

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Johannes Fischer (72) übt an einem Bus den richtigen Ein- und Ausstieg mit dem Rollator. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Nach ihren Informationen sind es bundesweit mittlerweile etwa zwei Millionen Menschen, die täglich mit ihrem Gehwagen unterwegs sind, Tendenz steigend. Auf dem Weg zum Arzt, zum Einkaufen, beim Spaziergang und für einen Besuch nutzen sie die meist vierrädrige Hilfe, die ihnen mehr Beweglichkeit im Alltag garantiert. Jährlich werden nach Branchenangaben allein über die gesetzlichen Kassen 500.000 meist Ältere versorgt, die unsicher auf den Beinen sind. Aber auch jüngere MS-, Parkinson- oder Arthritis-Patienten nutzen die rollende Gehhilfe.

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Einsteigen üben. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Die zunächst spartanische Krücke auf Rädern kam Anfang der 1990er Jahre aus Schweden nach Deutschland. „Früher war das ein Makel, mit einem Gehwagen unterwegs zu sein“, blickt Rütten zurück. „Das war ein No-Go – so zeigte man sich nicht. Das stand für Schwäche und Hilflosigkeit. Aber da hat sich Gott sei Dank etwas getan.“ Schließlich sichere eine stabile Stütze beim Laufen die Mobilität und bewahre so vor Isolation. „Und zwar gerade die Menschen, die sonst Angst hätten, sie könnten stürzen, und sich deshalb schon gar nicht mehr vor die Tür trauen.“

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Am Fahrer vorbei gehen - mit Rollator. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Das bestätigt Johannes Fischer, der nach einem Schlaganfall und einer Reha nun wieder unterwegs ist. „Das ist eine große Sache für mich“, sagt der Mann aus Lilienthal bei Bremen, der sich mit Geduld und Disziplin zurück ins Leben gekämpft hat. Ausgerüstet mit Bremsen, Einkaufskorb, großen Rädern und einem Sitz für die Pause zwischendurch genießt er seine faltbare Gehhilfe, die ihm Freiheit erschließt. Ähnlich geht es Ursel von Horn (78), die ebenfalls an der Schulung teilnimmt. „Ich bin viel unterwegs, weil ich oft zur Behandlung muss“, erzählt sie und ergänzt: „Ich bin unsicher geworden, da bin ich auf die Bahn und den Rollator angewiesen.“

Ein Großteil aller Rollatoren wird nach der Verschreibung des Arztes von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert und laut Stiftung Warentest vom Sanitätsfachhandel ausgeliefert. Häufigste Regelung: Der Händler bekommt je nach Kasse und Region eine Pauschale zwischen 79 und 149 Euro. Dafür stellt er dem Patienten einen zuzahlungsfreien Rollator zur Verfügung samt Einweisung und Service für drei bis fünf Jahre. Deutlich teurer sind Premium-Modelle, die meist leichter sind und einfacher in der Handhabung, aber eben nicht komplett von den gesetzlichen Kassen gezahlt werden.

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Und wieder aussteigen. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Auch wenn der Rollator nicht mehr mit einem Stigma verbunden ist - Elsbeth Rütten hätte da noch ein paar Wünsche, damit der Weg draußen noch leichter wird: „Längere Ampelphasen, breitere Gehwege, schwellenfreie Läden, öfter mal einen abgesenkten Bordstein.“ Und für den täglichen Umgang mit dem Wägelchen hat sie noch einen wichtigen Tipp parat: „Nicht vornüber aufgestützt mit krummem Rücken vor sich herschieben, sondern zwischen die Holme treten und mit hängenden Armen nur leicht berühren. Dann tut's auch in den Handgelenken nicht weh.“

Von Dieter Sell (epd)

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Rollator-Tanzkur. Bild: Dieter Sell / epd-Bild
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Elsbeth Rötten zeigt einen modernen Rollator, der besonders leicht ist. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

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