2014_09_29

 Bild: Asphalt

Seit 20 Jahren auf der Straße

Tagesthema 28. September 2014

Ein Stück Würde zurückbekommen

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Verkäufer des hannoverschen Straßenmagazins. Bild: Apshalt

Günter Stedtler hat schon ganz Deutschland gesehen: Als Obdachloser reiste er jahrzehntelang von Stadt zu Stadt. Heute hat der 70-jährige gelernte Bergmann aus dem Ruhrgebiet eine Wohnung in Burgdorf bei Hannover und ein kleines Zusatzeinkommen zur schmalen Rente. Aus der Misere geholfen haben ihm der frühere Diakoniepastor Walter Lampe und das Straßenmagazin „Asphalt“. Lampe hatte 1994 die Zeitung ins Leben gerufen, die inzwischen in ganz Niedersachsen von Menschen mit sozialen Problemen auf Straßen und Plätzen verkauft wird. Und so ist das 20-jährige Jubiläum, das „Asphalt“ feiert, auch für Günter Stedtler ein besonderer Tag.

Mit 54 Jahren lernte der Wohnungslose, der nach dem Scheitern seiner Ehe auf der Straße gelandet war, den Pastor kennen. „Er war mein Therapeut“, sagt Stedtler heute. „Ich war ja starker Säufer.“ Walter Lampe brachte ihn dazu, das Trinken aufzugeben, und verschaffte ihm dann eine Sozialwohnungen der Diakonie. Auch die Arbeit als Straßenverkäufer von „Asphalt“ kam so zustande. Zwölf Jahre ist der frühere Wohnungslose nun ununterbrochen dabei.

Heute ist Stedtler einer der engagiertesten Asphalt-Verkäufer. Mehrere Stunden täglich bietet er die Zeitung an. „Selbstbestimmt“ - wie er betont. Zusätzlich zu seiner Grundsicherung als Rentner verdient er sich so rund 240 Euro im Monat hinzu. Eine Zeitung kostet für die Verkäufer 80 Cent, für 1,60 Euro verkaufen sie sie weiter. So mancher Kunde gibt aber auch etwas mehr. „Ich habe fast nur Stammkunden“, sagt Stedtler, der das Magazin in Hannover-Linden verkauft.

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Titel von Asphalt aus 20 Jahren. Bild: Asphalt

Jeder Händler hat einen festen Verkaufsplatz, erläutert der Geschäftsführer von „Asphalt“, Reent Stade. „So machen sie sich die Plätze nicht gegenseitig streitig.“ Rund 160 Verkäufer hat das Magazin derzeit in ganz Niedersachsen – 95 davon in Stadt und Region Hannover. Inzwischen wird die Zeitung in 14 weiteren niedersächsischen Städten und in Bremen angeboten. Insgesamt verkauften in den vergangenen 20 Jahren rund 2.200 Menschen fünf Millionen Ausgaben des Straßenmagazins.

Trotzdem gibt es bis heute Missverständnisse. „Unsere Verkäufer sind überwiegend keine Obdachlosen“, betont Stade. Es sind sozial Benachteiligte in vielen verschiedenen Lebenslagen. Die Zeitung behandelt auch nicht nur Obdachlosen-Themen wie noch die Vorgängerzeitung „Hiob“. Professionelle Journalisten berichten bei „Asphalt“ über Landes- und Lokalpolitik, verfassen bunte Reportagen und geben Kulturtipps. Häufig geht es in den Artikeln um Fragen von „arm und reich“.

„Asphalt ist ein Hoffnungsprojekt“, betont Rainer Müller-Brandes, der als Diakoniepastor und Asphalt-Herausgeber einer der Nachfolger von Walter Lampe ist. Denn jeder Verkäufer nehme sein Schicksal selbst in die Hand. „Sie erarbeiten sich etwas von ihrer Würde zurück.“ Die Zeitung habe sich für das soziale Klima in Hannover unverzichtbar gemacht, ist sich Müller-Brandes sicher. Denn sie biete Hilfe zur Selbsthilfe.

Günter Stedtler hat diese Möglichkeit genutzt. Beim Projekt „Asphalt geht in die Schule“ erzählt er heute sogar Schülern von seinem Lebensweg. „Die Jugendlichen sollen nicht die gleichen Fehler machen wie ich“" Einer erzählte ihm kürzlich, dass er „Hartz IV werden“ will, genau wie sein Vater. Einige Wochen nachdem Stedtler mit ihm geredet hatte, schrieb ihm der Junge: „Ich will nicht mehr Hartz IV werden. Du bist jetzt mein Vorbild.“

Asphalt - 20 Jahre

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Der Jubiläumstitel. Bild: Asphalt

 Zur Information über Asphalt:

Asphalt-Magazin heißt die mehrfach für ihre Qualität ausgezeichnete soziale Straßenzeitung für Hannover und Niedersachsen. Bei Asphalt wird das Monatsmagazin erstellt, der Zeitungsvertrieb für rund 160 Verkäufer organisiert, soziale Stadtrundgänge, Schulbesuche und Sportveranstaltungen organisiert.

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Mehr über Asphalt - das Straßenmagazin

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