2014_09_26

Bild: epd-Bild

Klimaschutz als Auftrag

Tagesthema 25. September 2014

Viele Landeskirchen arbeiten heute an konkreten Maßnahmen zum Klimaschutz. Ihr Beitrag ist mehr als die Kritik an individuellen oder kollektiven Mobilitäts- und Komfortroutinen.

Plädoyer für eine schöpfungsbewusste Lebensführung

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Viele Gemeinden verstehen den Klimaschutz als Auftrag, sich für die Bewahrung der Schöpfung und für mehr Gerechtigkeit einzusetzen. Bild: Evangelische Zeitung

Auch Kommunikations- und Beschaffungsroutinen werden einer Überprüfung unterzogen. Glaubwürdige Zeuginnen für Schöpfungsverantwortung sind die Kirchen nur, wenn es ihnen gelingt, durch Selbstüberwindung und Selbstüberschreitung strukturelle Anpassungen an das Schutzbedürfnis des Klimas vorzunehmen.

Der Beitrag der Kirchen zum Klimaschutz darf sich aber nicht in solchen Managementaufgaben verlieren. Es muss den Kirchen auch darum gehen, eine größere Beziehungsintelligenz zum Maßstab für Lebensentwürfe und –konzepte zu machen. Einsparvorgaben allein sind allzu begrenzte Mittel, um Pfade zu einer besseren Balance von Bebauung (Beschaffung) und Bewahrung zu beschreiben. Heute gilt es, das Weltklima als globales Gemeinschaftsgut in unserem Denken besser abzubilden. Ein positiver Anknüpfungspunkt dafür wäre die tiefe Beziehungsfreude biblischer Schöpfungsweisheit. So wird mit Gott im Spiel die Vorstellung, der marktkonforme Handel mit Verschmutzungsrechten wäre der Weisheit letzter Schluss, schnell entmachtet. Wer mit Verschmutzungsrechten handelt, hat den Raum gottgeleiteter Schöpfungsgerechtigkeit noch nicht betreten. Er kann sich allenfalls darauf berufen, einer Not zu folgen, weil es an Alternativen fehlt.

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Der Bramscher Superintendent Hans Hentschel fährt ein Elektro-Auto. Selbst das bleibt aber häufiger stehen, wenn er das E-Bike nutzen kann. Foto: Claudia Sarrazin

Auch die Orientierung des Emissionshandels an der Logik des Eigentums, die es ja erlaubt, privatwirtschaftlich mit Verschmutzungslizenzen Handel zu treiben, ist weit entfernt von einer Haltung, in der die Bibel den Menschen vor Gott sieht. Wer Verschmutzungsrechte an Gottes Eigentum marktfähig macht, mag einem zivilisatorischen Engpass folgen, weil es international und interkulturell zurzeit an anderen Verständigungsmöglichkeiten fehlt. Gemeingut- und gemeinwohlorientiert ist ein solcher Ansatz aber nur bedingt. An solcher Klimapolitik wird offenbar, dass Ordnungspolitik nur bedingt verantwortliche Haltungen zu ersetzen vermag.

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Im März des vergangenen Jahres nahmen der Hamburger Propst Horst Gorski und die Konfirmandin Henriette von Quistorp das Nahwärmenetz in Betrieb. Bild: privat

Die Kirchen bemühen sich mit dem Wissen der Bibel um eine neue Orientierung an Grundbeziehungen und Grundverhältnissen. Abhängigkeit des Lebens vom Klima ist aus Sicht der Bibel keine nachträglich an das Leben herangetragene Einschränkung. Sondern das Klima ist ein dem Leben zugrundeliegendes Gut. Schöpfungsbewusste Lebensführung ist am positiven Wert dieses Gutes orientiert. Schöpfungsverantwortung ist mehr als eine übellaunige Zivilisationskritik. Schöpfungsverantwortung entsteht aus einer gereiften Grundlagenkompetenz, die im Glauben an den Schöpfer eine unversiegbare Quelle hat. Der Mensch hat die Grundlagen seines Lebens empfangen. An den Dimensionen Gott, Gemeinschaft und Gut wird lesbar, was in der Theologie auch schon einmal als „innere Sozialität“ aller Schöpfungstheologie beschrieben wurde. Nicht die ressourcenverträgliche Überwindung von Abhängigkeit durch technologischen Fortschritt und ökonomische Raffinesse kann in der Klimafrage für Christinnen und Christen allein wegweisend sein. Auch das moderne Pathos der Selbstproduktion aller Verhältnisse läuft in die völlig falsche Richtung. Leitend für kirchliches Klimaengagement ist ein gereiftes Verhältniswissen, das dem Klima als Lebensmittel einen hohen Rang einräumt. Klimaschutz beginnt mit Klima-Achtung! Solche Achtung ist nach Lage der Dinge und mit Blick auf die Folgen eine Sozialleistung ersten Ranges. Klima ist niemals nur knapp im Sinne einer ökonomisch zu betrachtenden Naturressource. Infolge dessen kann es uns auch nicht darum gehen, nach Ersatz Ausschau zu halten. Es gilt zu begreifen, dass das Klima endlich ist! Wer Klimavergiftung betreibt, betreibt Lebensvergiftung. Diese Grenze können wir nur Kosten der Gerechtigkeit überschreiten. Die Missachtung der Klimafrage verursacht millionenfaches Elend.

Rolf Adler
Rolf Adler

Christinnen und Christen wissen sich in einem persönlichen Verhältnis zur Schöpfung. Dabei geht es um die Frage, wie sich die Sozialität der Klimafrage gestalten lässt. Eine Übernutzung der Lebensgrundlagen, die sich durch marktkonforme Verschmutzungsrechte gerechtfertigt sieht, bleibt hinter dem Wissen der Bibel zurück. Die Kirchen sind nicht mit dem Mandat ausgestattet, auf wechselnde politische Projekte und Projektionen zu spekulieren. Christinnen und Christen achten darauf, dass Programme und Initiativen nicht an der Notwendigkeit erneuerten Verhältniswissens vorbeispekulieren. Im Grunde geht es um beziehungsvolle Liebe zur Schöpfung. Solche Liebe geht vor Machbarkeit und auch Beliebigkeit. Die technische Beherrschbarkeit der Klimafrage bleibt eine primitive Machtvorstellung, solange sie ohne Liebe geschieht. Biblisch orientiertes Wissen lässt sich noch einmal ganz anders auf die Frage ein, was wirklich den Gemeinschaften, dem Guten und dem Gemeinschaftsgut Klima dient.

Pastor Rolf Adler, Umweltbeauftragter der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers; er berät die Landeskirche in schöpfungstheologischen, umweltethischen und politischen Fragen

Einen Überblick über die in den einzelnen Bildern dargestellten kreativen Aktionen aus den Kirchengemeinden finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Evangelischen Zeitung (29/2014) auf den Seiten 8 und 9

Kirche und Klima

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Der Hamburger Michel mit Windenergie statt Turm: Die Kirche will Energie sparen, aber ganz so radikale Folgen wird das Klima-Engagement der Kirchen nicht haben. Bild-Montage: epd/nordbild

Den Appell zur Bewahrung der Schöpfung finden alle gut, zumindest die Christen. Wenn damit aber eine Veränderung der Lebensweise oder Kosten verbunden sind, hält sich die Begeisterung in Grenzen. Das Schmelzen der Gletscher, Überschwemmungen an Küsten und Felsbrüche sind weit weg und in unseren Breitengraden noch ohne Auswirkungen. Dass dies nicht so bleiben wird, haben Wissenschaftler des Club of Rome schon vor Jahrzehnten vorausgesagt – ohne allerdings ein grundsätzliches Umdenken zu bewirken. Ob die Weltklimakonferenz dieser Tage eine Kehrtwende einleiten wird, ist mehr als fraglich. Immerhin: Die Kirchen im Norden gehen mit gutem Beispiel voran. Das lesen Sie im Online-Auftritt der Evangelischen Zeitung und mit wesentlich mehr Beiträgen in der Printausgabe der Evangelischen Zeitung.

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Für gutes Klima sorgen

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Solche Anzeigen – wie diese in Braunschweig-Broitzem – verdeutlichen den Effekt, den Solar- oder Photovoltaikanlagen erzielen können. Bild: Agentur von Grafe

Umweltmanagement mit System

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Der „Grüne Hahn“ ist in der Landeskirche Hannovers Symbol für kirchliches Umweltmanagement.  

Klimaschutz, Energiewende, Energieeinsparung, Klimawandel – diese Wörter sind in aller Munde. Dass auch die Landeskirche Hannovers dringend Klimaschutz betreiben muss, hat die Landessynode 2007 in aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht: Wer wider besseres Wissen und trotz Verhaltensalternativen weitermache wie bisher, macht sich schuldig. Die Synode hatte das Ziel gesetzt, dass innerhalb von zehn Jahren 25  Prozent CO2 eingespart werden soll.

Was hat sich in den vergangenen sieben Jahren in der Landeskirche getan? Mittlerweile haben mehr als 50 Kirchengemeinden das kirchliche Umweltmanagement „Der Grüne Hahn“ eingeführt. Umweltmanagement ist ein systematischer Weg, die Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung wahrzunehmen. Im Mittelpunkt stehen Klimaschutz und die Reduzierung des Energieverbrauchs. Aber auch andere Themen spielen eine Rolle: Wasser, Papier, Abfälle, der Einkauf von umweltfreundlichen Gütern und die Artenvielfalt auf kirchlichen Grundstücken. Die teilnehmenden Gemeinden haben durch ihre Maßnahmen überdurchschnittlich viel Energie eingespart, häufig rund 30 Prozent.

Die Bekämpfung von Energieverschwendung erweist sich dabei als wichtige Quelle für den Klimaschutz. Systematische Erfassung der Verbräuche, Steuerung des Energieeinsatzes durch korrekte Bedienung der Heizungsanlagen, Ertüchtigung von Fenstern und Türen mit funktionierenden Dichtungen und andere Kleinigkeiten erweisen sich als die wirtschaftlichsten Sparmaßnahmen: keine oder geringe Kosten mit deutlichen Effekten.

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Naemi Bohlken(12) gehört zu dem Team von etwa 20 Jugendlichen und Erwachsenen, die aus ausgedienten Gebrauchsgegenständen Neues gestalten. Bild: privat

Darauf sind die ehrenamtlichen Mitglieder der Umweltteams stolz. Aber nicht alle Gemeinden können kurzfristig Ehrenamtliche motivieren, in einem Umweltteam mitzuarbeiten. Deswegen sind jetzt alle Gemeinden aufgefordert, mindestens ein Energiemanagementsystem einzuführen. Das lässt für den Energiebereich erwarten, dass er stärker in das Bewusstsein der Kirchenvorstände rückt. Geringinvestive Maßnahmen können dann schnell zu deutlichen Einsparungen führen und die Schwachstellen mittelfristig bearbeitet werden.

Weil Kirchenkreise und Gemeinden dafür häufig nicht über ausreichende Mittel verfügen, hat die Landeskirche bislang 30 Millionen Euro Energieeinsparmittel zusätzlich an die Kirchenkreise vergeben. Damit wurden z.B. Fassaden gedämmt und Fenster und Heizungen erneuert. Voraussetzung für die Beantragung dieser Mittel ist, dass ein Energiemanagement eingeführt wird.

Das Klimaschutzkonzept der Landeskirche hat aufgedeckt, dass allein der Gebäudebestand für 78 600 Tonnen CO2-Emissionen jährlich verantwortlich ist. Das entspricht den Emissionen einer Kleinstadt mit 10 000 Einwohnern. Seit April unterstützen drei Klimaschutzmanager Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen, in den Bereichen Klimaschutz in Gebäuden, nachhaltige Beschaffung, klimafreundliche Mobilität und Landnutzung. Bei der Beschaffung geht es darum, ob z. B. Papier, Fleisch und Gemüse konventionell oder klimaschonend eingekauft werden. Das ist entscheidend für die Klimabilanz des Konsums.

Von Reinhard Benhöfer (aus: Evangelische Zeitung)

Weitere Informationen aus dem Arbeitsfeld „Umwelt“ im Haus kirchlicher Dienste

Wir sind evangelisch