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Pro und Contra - Sterbehilfe

Tagesthema

Sollen Ärzte nicht nur Leben retten, sondern auch den Tod bringen?

Viele unheilbar Kranke sind entschlossen, ihr Leben vorzeitig zu beenden. Nach einer repräsentativen Tacheles-Umfrage erwarten 65 Prozent der Deutschen von Ärzten, solchen Patienten ihren Todeswunsch zu erfüllen. Bald wird der Bundestag über eine Neuregelung der Sterbehilfe beraten. Darf man über sein eigenes Leben unbedingt verfügen? Und sollen Ärzte nicht nur Leben retten, sondern auch den Tod bringen? Darum geht es bei Tacheles, eingebunden in den Deutschen Juristentag. Darüber diskutiert Tacheles-Moderator Jan Dieckmann mit Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Bayern, Ingrid Matthäus-Maier, Juristin und SPD-Politikerin, Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbundes und Uwe-Christian Arnold, Arzt und Sterbehelfer.

Pro: Es liegt an mir, mein Leben selbst zu beenden

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Arzt Uwe-Christian Arnold

Mehr als 200 Menschen habe ich dabei geholfen, ihr Leben selbstbestimmt zu beenden, und ich war dabei, als sie starben. Ich leiste diese Hilfe seit mehr als 20 Jahren, und ich habe mich mit jedem Sterbewilligen gründlich auseinandergesetzt. Die Ärztekammer ist daran gescheitert, mich und andere per Standesrecht an der Sterbehilfe zu hindern. 

Manche Menschen haben mit ihren Familien den selbstbestimmten Tod wie eine Party gefeiert. Es wurde schöne Musik gespielt und etwas gegessen. Nach dem Eintreten des Todes haben sich die Angehörigen umarmt und haben miteinander geweint.

Ich habe eine tiefreligiöse Frau in den Tod begleitet, die überzeugt war, der liebe Gott habe mich geschickt. Ich habe großen Respekt vor Anne Schneider, die als gläubige Protestantin erwägt, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Die christliche Position, das Leben sei unverfügbar, teile ich nicht. Die Kirche hat sich nicht darin einzumischen, wenn Menschen in einem Siechtum ohne Aussicht auf Heilung keinen Sinn mehr sehen. Die Kirche ist noch in der unseligen Tradition verfangen, in der sie über Jahrhunderte hinweg Menschen nach einem Suizid ein christliches Begräbnis verweigerte.

Ich verfolge als Sterbehelfer weder finanzielle Interessen noch fühle ich mich als Missionar. Ich bin einfach ein Arzt, der hilft, wenn er gerufen wird. Manchmal reicht Menschen die große Freiheit, ihr Leben selbst zu beenden. Das erleichtert ihnen, es gerade nicht zu tun. Manchen rede ich es aus. Aber wer den Freitod wirklich will, soll daran nicht gehindert werden.

Das Argument, eine Öffnung der Sterbehilfe würde zu einem Dammbruch führen, ist abwegig. Sterbehilfe ist keine Volksbewegung. Es sind einige wenige Menschen, die am Ende tatsächlich vorzeitig gehen – aber für viele Menschen gehört es zu den elementaren Menschenrechten, nicht nur über ihr Leben, sondern auch über ihren Tod zu verfügen.

Das geplante Gesetz zum Verbot der organisierten Sterbehilfe wird scheitern. Die meisten Deutschen und auch viele Bundestagsabgeordnete haben Respekt vor dem freien Willen von Schwerstkranken. Ich behalte mir die Option vor, mein Leben selbst zu beenden, wenn meine Prostatakrebserkrankung aus dem Ruder läuft. Dies gibt mir nicht nur Sicherheit, sondern auch Kraft, solange wie möglich dagegen anzukämpfen. Aber das liegt an mir. Nur an mir.

Uwe-Christian Arnold, Arzt in Berlin

Contra: Der Arzt soll heilen und niemals töten

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Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm  

Contra: Der Arzt soll heilen und niemals töten

Ich habe als Pfarrer viele Menschen begleitet, die auf natürlichem Wege gestorben sind. Ich habe dabei erlebt, wie das Sterben würdig gestaltet und als erfüllt und friedvoll erlebt werden kann. Natürlich gibt es auch Sterbesituationen, die mit schwerem Leid verbunden sind. Einmal hat mich die Frau eines Demenzkranken gefragt, ob sie ihm eine Giftpille geben dürfe. Ich habe ihre schwere Situation verstanden, aber ihr trotzdem geraten, diesen Weg nicht zu gehen.

In dem Gebot „Du sollst nicht töten“ kommt ein tiefer Respekt vor der Heiligkeit des Lebens zum Ausdruck. Auch wenn es hier um das „Morden“ geht, also noch nicht Situationen im Blick sind, wie wir sie heute in der Sterbehilfediskussion vor Augen haben, weist dieses Gebot in eine klare Richtung. Als Christinnen und Christen sind wir aufgerufen, uns für eine Kultur einzusetzen, die das Leben als unverfügbar betrachtet, also nicht als etwas, das wir eigenmächtig beenden dürfen.
Wenn schwerstkranke Menschen ihr Leben vorzeitig beenden, dann kommt das oft aus einer großen inneren Bedrängnis. Darüber darf man nicht einfach mit hohen moralischen Maßstäben hinwegsegeln. Trotzdem kann daraus nicht eine rechtliche Zulassung von aktiver Sterbehilfe oder assistiertem Suizid abgeleitet werden. Es handelt sich hier nicht um einen rein persönlichen Akt. Wie Einzelne handeln und ob sie sich dabei auf rechtliche Normen berufen können, hat Einfluss auf die Sozialkultur als ganze und ist deswegen nicht einfach Gegenstand einer autonomen Entscheidung.

Eine Gesellschaft, die das Tötungstabu lockert, wird sich verändern. Wie lässt sich dann verhindern, dass Menschen zu dem Gefühl kommen, ihrem Leben ein Ende setzen zu sollen, weil sie anderen nur noch zur Last fallen? Dagegen müssen wir ein klares Signal setzen: Jeder Mensch ist kostbar, unabhängig von seiner „Nützlichkeit“, und hat einen Anspruch darauf, bis zuletzt umsorgt zu sein. Wir dürfen uns nicht der Fürsorge für bedürftige Menschen entziehen, ob sie nun behindert oder schwer krank sind.

Ich hoffe, dass der Deutsche Bundestag die organisierte Sterbehilfe verbietet. Ich halte es für abwegig, Ärzte zu möglichen Sterbehelfern zu machen. Der Arzt hat den Auftrag, zu heilen oder zumindest Schmerzen zu lindern. Der Arzt hat niemals den Auftrag, Menschen zu töten.

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

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Die Diskussion in der Sendung

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Im Visier der Kamera. Bild: Jens Schulze

Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm aus Bayern hat Sterbehilfe durch Ärzte klar abgelehnt. Das „Tötungstabu“ dürfe nicht gelockert werden, sagte er bei der Aufzeichnung der evangelischen Fernseh-Talkshow „Tacheles“ in der Marktkirche in Hannover. „Das Leben ist unverfügbar“, betonte er. Über eine neue Regelung der Sterbehilfe bei schwer kranken Menschen wird demnächst der Bundestag beraten. Dabei wird auch diskutiert, ob Ärzten Sterbehilfe in eng umgrenzten Fällen erlaubt sein soll.

Eine Lockerung des Tötungsverbots werden den Druck auf alte und schwache Menschen erhöhen, warnte Bedford-Strohm. Sie stellten sich dann die Frage, ob es richtig sei, anderen noch zur Last zu fallen. Was rechtlich festgelegt sei, entfalte eine Signalwirkung. „Die öffentliche Botschaft wäre, dass es zum Normalen gehört, sich töten zu lassen.“ Dies gelte dann als Möglichkeit, die Menschen wählen könnten. Der aus seiner Sicht richtige Weg sei, schwer kranke Menschen schmerzmedizinisch und durch Zuwendung zu begleiten bis zur „allerletzten Stunde“.

Die langjährige SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier betonte dagegen, Menschen mit einer schlimmen Krankheit dürfe die Möglichkeit der Sterbehilfe nicht verwehrt werden. „Es ist nicht human und nicht mitmenschlich, diese Menschen allein zu lassen.“ Nur jeder Einzelne selbst dürfe entscheiden, ob er Sterbehilfe wolle oder nicht. „Viele Menschen wollen einen Ausweg haben, wenn es schrecklich wird.“ Für sie sei es tröstlich zu wissen, dass ihnen im äußersten Fall ein Arzt zur Seite stehen könne.

Der Vorsitzende des Hartmannbundes der Ärzte, Klaus Reinhardt, sagte, er könne sich Sterbehilfe durch Ärzte nicht vorstellen. „Das dies eine ärztliche Regelleistung wird, halte ich für absolut verfehlt.“ Im Normalfall wolle der Mensch leben. Die Schmerzmedizin verfüge heute über zuverlässige Methoden, darüber müssten die Menschen besser informiert werden. „Wenn alle das wüssten, dann würde sich der Wunsch nach Sterbehilfe abschwächen.“

epd

Mehr zur Sendung und zu Tacheles im Netz

Fernseh-Talkshow „Tacheles“ verabschiedet sich

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Moderator Jan Dieckmann (links) hört auf Ingrid Matthäus-Maier. Bild: Jens Schulze

Die Fernseh-Talkshow „Tacheles“ wurde zum letzten Mal in der evangelischen Marktkirche in Hannover aufgezeichnet. Die seit 15 Jahren laufende Reihe gehe jetzt zu Ende, sagte ihr Mitbegründer und Redaktionsleiter Thomas Hestermann dem epd. Zwar suchten der Sender „Phoenix“ und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) nach einem neuen Format. Als öffentliches Streitgespräch vor Publikum aus einer der größten Kirchen Norddeutschlands werde es „Tacheles“ aber nicht mehr geben.

Die Talkshow stellte seit 1999 bis zu sechsmal im Jahr ethische Themen zur Diskussion: ob Flüchtlinge, Krieg oder Organspende. Stets waren Bischöfe oder andere hohe Vertreter der evangelischen Kirche dabei und stritten mit Politikern und Menschen aus dem gesellschaftlichen Leben. Besonders oft kam die frühere hannoversche Bischöfin Margot Käßmann. Auch Wolfgang Schäuble (CDU), Gregor Gysi (Linke) oder Claudia Roth (Grüne) waren schon zu Gast beim „Talk am roten Tisch“, moderiert von Fernsehpastor Jan Dieckmann.

Mit dem Format hat die Sendung immer wieder experimentiert: Von 2006 bis 2009 kam „Tacheles“ nicht ständig aus Hannover, sondern aus verschiedenen Städten. Und von 2009 bis 2011 kamen zu jeder Sendung Gäste aus dem Islam in die Marktkirche. Laut Hestermann haben rund 800.000 Fernseh-Zuschauer jeweils eine Folge über die volle Länge gesehen.

„Tacheles“ wurde veranstaltet von der Evangelischen Kirche im NDR und gemeinsam getragen von der EKD, der hannoverschen Landeskirche und der Klosterkammer Hannover.

epd

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