2014_09_19

Bild: epd-Bild

Miteinander mit Gott

Tagesthema 18. September 2014

Nicht jeder mag seine Schulzeit in bester Erinnerung haben. Vielfach ging der Spaß am Lernen schon sehr früh verloren. Meist lag es an Lehrern, die sich nur schwer auf die kleinen Individuen einstellen konnten, die kaum oder zu wenig Rücksicht auf Stärken und Schwächen der Schüler nahmen. Das kann ein guter Grund sein, wenn Kirchen in der Schule selbst aktiv werden – sei es als Anbieter ergänzender Inhalte, sei es als Träger eigener Schulen. Damit begeben sie sich aber auch in einen Wettbewerb: Sie müssen besser sein als die Regelschule oder das staatliche Unterrichtsangebot. Das zumindest unterstellen die Eltern, die ihre Kinder bewusst auf kirchliche „Ersatzschulen“ schicken und sich das auch Geld kosten lassen.

Lernen und Leben an einer evangelischen Schule

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Paul-Gerhardt-Schule in Dassel

Meine Schulzeit begann mit einem Gottesdienst und endete mit einem. Acht Jahre habe ich an der Paul-Gerhardt-Schule in Dassel, kurz PGS, binomische Formeln gelernt, Vokabeln gepaukt, und mich mit Effi Briest herumgequält. Vor zwei Jahren habe ich dann mein Abitur gemacht. Es gibt an der PGS kein morgendliches Gebet, und an den Wänden der Klassenzimmer hängen natürlich keine Kreuze. Und doch bedeutet das „evangelisch“ mehr als nur der Name des „Geh aus mein Herz“-Dichters: eine angenehme Lernatmosphäre und ein freundlicher Umgangston. Andachten und Gottesdienste waren außerdem ein fester Bestandteil des Schulalltags.

Das evangelische Gymnasium liegt in Dassel, einer kleinen Stadt im Solling im südlichen Zipfel Niedersachsen. 940 Schüler besuchen die Schule, etwa 35 wohnen im angegliederten evangelischen Internat. Die PGS finanziert sich zum Großteil über das Land Niedersachsen, einen kleinen Teil tragen aber auch die Landeskirche und die Eltern. Evangelisch zu sein ist keine Voraussetzung dafür, die Schule zu besuchen.

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Der erste Tag an der neuen Schule beginnt mit einem Gottesdienst. Bild: Philipp

Mein erster Tag begann damit, dass ich aufgeregt mit meiner Mutter zum Gottesdienst für die neuen Fünftklässler fuhr. Aus meiner neuen Klasse kannte ich zu dem Zeitpunkt nur ein Mädchen, alles andere war ungewohnt und aufregend für mich. Ich blickte in viele neue Gesichter. An meinem letzten Tag, bei der Abitur-Entlassungsfeier in der Kirche, war auch ein Neuanfang in Sicht. Mit meinem Abiturzeugnis in der Tasche war ich mit der einen Hälfte der Gedanken beim Abiball am selben Abend und mit der anderen Hälfte bei dem, was mich nach der Schule nun erwartet: Umzug, Freiwilligendienst, Studium. Diesmal war mir alles viel vertrauter, in den Kirchenbänken erkannte ich viele Bekannte, Familie und Mitschüler.

Jedes Schuljahr endet mit einem großen Schulgottesdienst im Park. Merve Saudhof gefallen sie. Die 18-Jährige macht gerade ihr Abitur an der Paul-Gerhardt-Schule. „Die Gottesdienste sind schön gestaltet und die Schüler werden eingebunden“. Einmal hockten sich alle im Park auf Bänke oder setzten sich im Schneidersitz auf den Rasen. Die Ungeduldigen falteten die Liederzettel zu Papierfliegern. Ein Team aus Schülern bereitet den Gottesdienst vor: Dialoge, Musik, kleine Theaterstücke.
Zwei Mal im Monat versammeln sich die Schüler außerdem jahrgangsweise für die Andacht in der Aula. In einem großen Kreis mit zwei oder drei Reihen waren die Stühle aufgestellt. Ich erinnere mich daran, dass die erste Reihe meist leer blieb. Wer zuerst kam, verkrümelte sich in die hinteren Reihen, um ja keine Fragen beantworten zu müssen. Die Schulpastorin schlug eine Klangschale an und regte zu einem Thema zum Nachdenken an. Dann noch zwei, drei Lieder (bei denen es immer Ärger gab, weil nicht alle mitsangen), und wir wurden wieder in den Unterricht entlassen.

„Andachten müssen abwechselnd von jedem Kurs geführt werden – manche wollen das aber möglichst schnell hinter sich bringen“, sagt Merve Saudhof. „In den Andachten werden auch Medien genutzt, letztens haben wir einen Film geguckt oder es wird passende Musik abgespielt“, berichtet die Zwölftklässlerin. Meist ginge es um aktuelle Themen. Während der WM war zum Beispiel „Fussballgötter“ das Thema.

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Das Kollegium der Paul-Gerhard-Schule in Dassel. Bild: pgs-dassel.de

Wenn ich im Nachhinein über meine Schulzeit nachdenke, vermisse ich ein wenig die Pluralität. Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund war gering, das Miteinander war nicht besonders interkulturell und interreligiös. Das liegt möglicherweise auch daran, dass in der Region nicht so viele Schüler wie in größeren Städten einen Migrationshintergrund haben. Aber Eltern, die beispielsweise aus der Türkei kommen und muslimisch sind, werden ihre Kinder eher nicht an die evangelische Paul-Gerhardt-Schule schicken.

Konfessioneller Religionsunterricht ist an evangelischen Schulen verpflichtend. Ethik oder Werte und Normen standen nie als Unterrichtsfach zur Wahl. Unsere Schule hat sogar zwei Religions-Leistungskurse angeboten. Dort habe ich ein tiefes Verständnis für den christlichen Glauben und ein umfangreiches Wissen auch über andere Religionen, theologische Theorien und auch Religionskritik bekommen.
Merve fühlt sich jedenfalls wohl an der PGS. Der Umgang zwischen Lehrern und Schülern sei locker und freundschaftlich – vor allem in der Oberstufe, in der man sich die Lehrer aussuchen könne. „Von anderen Schulen hört man, dass die Lehrer keinen Bock haben. Bei uns merkt man, dass sich die Lehrer interessieren und engagieren“.

Von Luisa Meyer, eine ehemalige Schülerin der Paul-Gerhardt Schule (aus: Evangelische Zeitung 38/2014)

Mehr über die Paul-Gerhardt-Schule in Dassel

Was heißt evangelisch? - Evangelische Schulen und staatliche im Vergleich

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Gerhard Wittkugel ist Schulleiter der Paul-Gerhardt-Schule in Dassel/Niedersachsen, Bild: Evangelische Zeitung

Evangelische Zeitung: Was unterscheidet eine evangelische von einer staatlichen Schule?

Gerhard Wittkugel: Eine evangelische Schule hat eine gewisse Freiheit, nicht alle Erlasse des Landes zu übernehmen. Sie kann überlegen, wie sie das Leben und Lernen gestalten will. So konnten wir einen anderen Stundenrhythmus als staatliche Schulen einführen.

Evangelische Zeitung: Wie ist das „evangelisch“ im Schulalltag spürbar?

Gerhard Wittkugel: Das Ziel, jeden Schüler und jede Schülerin in ihrer eigenen Art und in ihrem eigenen Lebensweg ernst zu nehmen, hat eine andere Basis im Evangelium. Selbstverständlich glückt dies auch bei uns nicht immer. Aber die besondere Atmosphäre und das besondere Verhältnis zwischen Schülern und Lehrpersonen ist spürbar.

Evangelische Zeitung: Hat eine evangelische Schule einen besonderen Bildungsauftrag?

Gerhard Wittkugel: In besonderer Weise muss einer evangelischen Schule daran liegen, den Schülern nicht nur Sachwissen und gutes Miteinander, sondern auch Orientierungswissen zu vermitteln. Dazu gilt es, ein fes-tes Fundament in Sachen Weltanschauung und Weltdeutung zu entwickeln. Religion und Glaube sind unser Angebot, einen Blickwinkel zu finden, unter dem die Menschen sich selbst in der Welt verorten können.

aus: Evangelische Zeitung 38 /2014

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Das Salz in der Schullandschaft

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Zum konfessionellen Religionsunterricht gibt es nach Ansicht der evangelischen Schuldezernentin Kerstin Gäfgen-Track (Bild) keine Alternative. Für Kinder sei es wichtig, sowohl die eigene Religion wie auch andere Religionen und Weltanschauungen kennenzulernen und den eigenen Standpunkt zu finden. „Das macht sie sprachfähig und befähigt sie, gut mit der multireligiösen Situation im Land umzugehen.“

Die sechs evangelischen Schulen der hannoverschen Landeskirche seien für Kinder aller Religionen offen und durchaus auch von muslimischen Eltern nachgefragt, sagte die Oberlandeskirchenrätin. In Wunstorf bei Hannover werde als Modellprojekt auch islamischer Religionsunterricht angeboten. Der türkische Generalkonsul in Deutschland habe die Schule besucht und seine Bereitschaft zur Mitwirkung in der Elternarbeit erklärt. „Uns ist wichtig, dass die Schüler ein geklärtes Verhältnis zur Religion haben und wissen, was für sie selbst bedeutsam ist“, sagte Gäfgen-Track. „Schön wäre es, wenn die muslimische Schulabsolventin weiß, was das Christentum ist und zugleich, warum sie Muslima ist.“

Die evangelische Schulen erfreuen sich nach Beobachtung der Schuldezernentin großer Beliebtheit. In den sechs allgemeinbildenden Schulen der hannoverschen Landeskirche sei die Schülerzahl seit dem vergangenen Schuljahr um rund 300 auf jetzt 3700 gestiegen. „Wir müssen schon Schüler abweisen. Vor allem das Gymnasium in Meine bei Gifhorn ist außerordentlich beliebt.“

Seit 2007 hatte die evangelische Landeskirche vier der Schulen neu gegründet, darunter auch die in Meine. „Egal, ob in einer evangelischen oder in einer öffentlichen Schule, man muss gute Schule machen, um gefragt zu sein“, sagte Gäfgen-Track: „Die Eltern habe ja schließlich Wahlfreiheit.“

Es gebe eine Konkurrenz zu anderen Schulen, ebenso wie eine gelungene Kooperation. Evangelische Schulen würden in der Landeskirche nur gegründet, wenn die Kommunen dies auch befürworten. „Wir sind das evangelische Salz in der Schullandschaft vor Ort.“ Interessant sei, dass es in Deutschland mit weniger als zehn Prozent verglichen mit anderen europäischen Ländern wenig Privatschulen gebe, sagte Gäfgen-Track. „Nur in den östlichen Bundesländern liegt die Zahl speziell der evangelischen Schulen höher.“ Dort vertrauten offenbar manche Eltern diesen Schulen nach den Erfahrungen aus DDR-Zeiten mehr als den staatlichen.

Ein Pfund der evangelischen Schulen könne die Pflege der Schulkultur sein, erläuterte Gäfgen-Track. So sei zum Beispiel das gemeinsame Mittagessen von Schülern und Lehrern in vielen ersten Klassen der evangelischen Schulen verpflichtend. „Wir wollen exemplarisch zeigen, was wir unter guter Bildung verstehen und wofür wir in der Gesellschaft einstehen.“ Es sei zum Beispiel leicht, über Inklusion zu reden. Die Kirche müsse an ihren Schulen aber auch selbst dazu beitragen, dass dieser gemeinsame Unterricht mit individueller Förderung aller Kinder gelinge.“

„Die Kirche hat generell eine Bildungsverantwortung”, ist Gäfgen-Track überzeugt. Diese rühre aus der Zeit der Reformation her. Martin Luther habe dafür geworben, dass jeder selbst die Bibel lesen und sich im Glauben kundig machen konnte. „Wir sind als Kirche stark geworden, weil wir uns für die Bildung eingesetzt haben.“
Insgesamt gibt es laut Kultusministerium rund 170 private allgemeinbildende Schulen in Niedersachsen, die meisten in Trägerschaft der katholischen Kirche. Sie werden vom Land gefördert, müssen aber auch eigene Mittel einbringen. Die evangelischen Schulen erhalten laut Gäfgen-Track über 60 Prozent der laufenden Kosten aus Landesmitteln. 20 Prozent gibt die Kirche, der Rest finanziert sich aus kommunalen Zuschüssen, Schulgeld und Spenden.

Wir legen aber großen Wert darauf, dass für kein Kind der Besuch am Schulgeld scheitert, betonte sie. Insgesamt haben die Schulen nach einer aktuellen Erhebung auf rund 200.000 Euro des regulären Schulgeldes verzichtet, weil es Ermäßigungen für Empfänger von Sozialleistungen oder Familien mit mehreren Kinder auf den Schulen gebe.

Von Karen Miether (epd) (aus: Evangelische Zeitung 38/2014)

Das evangelische Schulwerk und die sechs allgemeinbildenden evangelischen Schulen in Niedersachsen

Wir sind evangelisch