2014_09_12_Kopf

Bild: Steffen Butz / LVH

„Ich singe dir mit Herz und Mund”

Tagesthema 11. September 2014

Ist Glaube ohne Musik ein Irrtum? Er wäre ohne sie jedenfalls weniger wert, meint Johann Hinrich Claussen. In der Kirchenmusik steckt ein eigenes Wahrheitsmoment. Fritz Baltruweit und Jürgen Schönwitz haben die evangelischen Volkslieder gesammelt und erzählt, wie und warum sie entstanden sind.

Sammlung evangelischer Volkslieder

BaltruweitLuther
Fritz Baltruweit. Bild: HkD

Der Pastor und Liedermacher Fritz Baltruweit hat eine Sammlung evangelischer Volkslieder von der Reformation bis heute herausgegeben – gemeinsam mit seinem Kollegen Jürgen Schönwitz. Das neue Buch erzählt auch von der jeweiligen Entstehungsgeschichte der Lieder. Über diese Geschichten hat Karen Mieter vom Evangelischen Pressedienst (epd) für die Evangelische Zeitung mit Fritz Baltruweit gesprochen.

Der bei Fußballfans so beliebte Song „Tage wie dieser” hat nach Ansicht von Fritz Baltruweit das Zeug zum Volkslied. Denn, so der Liedermacher, „ein Volkslied nimmt das Lebensgefühl der Menschen auf und bündelt eine Kraft”. Für den Reformator Martin Luther habe das Volkslied daher eine große Rolle gespielt. Luther habe Liedtexte geschrieben, um seine Lehren unter das Volk zu bringen. „Bänkelsänger oder wandernde Handwerker haben diese Lieder dann auf Märkten gesungen”, erläuterte Baltruweit. Luther habe eingeführt, dass das Volk in den Gottesdiensten wieder in seiner eigenen Sprache singen durfte. „Manchmal kamen auch Menschen in katholische Kirchen und sangen dort aus Protest”, so Baltruweit.

BaltruweitVolkslieder
Solche Lieder haben die Kraft, Menschen miteinander zu verbinden”, sagt Fritz Baltruweit. Bild: HkD  

In späteren Jahrhunderten seien Volkslieder wie „We shall overcome” von Protestbewegungen aufgegriffen worden. Und zur Zeit der friedlichen Revolution in der DDR hätten Bürgerrechtler das Lied „Vertraut den neuen Wegen” massenweise kopiert und unter die Leute gebracht. Der Studentenpastor Klaus Peter Hertzsch schrieb den Text 1989 auf die Melodie eines Liebesliedes aus dem 16. Jahrhundert. „Solche Lieder haben die Kraft, Menschen miteinander zu verbinden”, sagt Baltruweit. „Sie schaffen ein Gemeinschaftsgefühl, bei dem alle für eine Sache einstehen.”

Viele Volkslieder verbindet Baltruweit zufolge, dass auf bereits bekannte und eingängige Melodien immer wieder neue Texte geschrieben werden. In Kriegszeiten schlich sich auf diese Weise ein patriotischer Ton in das vertraute Lied ein. Die Komponisten blieben dabei oft anonym oder ihr Name geriet in den Hintergrund. In Baltruweits neuer Sammlung finden sich auch zwei Lieder nach seiner eigenen Komposition. Auf der dem Buch beiliegenden CD singt Baltruweit eine Auswahl der Lieder vor: „So, wie sie mal geklungen haben können”, sagt er. „Und wie sie uns auch heute noch Spaß machen!”

epd / EvZ-Gespräch Karen Miether

Es liegt was in der Luft

37-01a-froheBotschaft
Kirchenmusik darf modern sein und Experimente wagen, sagt unser Autor Johann Hinrich Claussen. Wichtig ist, dass sie Menschen einen religiösen Erfahrungsraum ermöglicht und so zu neuen Einsichten führt. Zeichnung: Sisam Ben / Evangelische Zeitung

Ob das Christentum heute noch eine lebendige Kraft sei, darüber streiten nicht nur die Gelehrten. Je nach Perspektive und Interesse erklären Soziologen, Theologen, Politiker und Meinungshändler, dass das Christentum immer noch den kulturellen Grund der Gesellschaft darstelle oder unwiederbringlich an Bedeutung verloren habe.

Wenig wird bei diesem ewigen Pro und Contra berücksichtigt, wie sehr das Christentum „in der Luft liegt“. Als Musik nämlich wird es von Zeitgenossen geliebt, ohne dass sich damit jedoch notwendigerweise ein Bekenntnis verbände. Als Musik ist das Christentum gegenwärtig, zugleich aber ist die Kirchenmusik eine Kunst und deshalb frei. Adventslieder und Weihnachtsoratorien, Psalmen und Hymnen, Requien und Passionen, Messen und Choräle, Gospel und Sakropop – vieles mag altvertraut sein und ist doch, wenn man bewusst zuhört, jedes Mal von Neuem eine Überraschung, ein verblüffendes Kunsterlebnis und die unerwartete Nötigung, sich über den eigenen Glauben oder Nicht-Glauben klarer zu werden. Deshalb ist Kirchenmusik nicht einfach nur eine andere Art von Verkündigung, sondern noch mehr, nämlich ein ganz eigener Erfahrungsraum, in dem die eigene Auseinandersetzung mit der christlichen Religion erfahren und genossen werden kann.

37-01b-claussen
Johann Hinrich Claussen

In Abwandlung eines Nietzsche-Wortes kann man sagen, dass der Glaube ohne die Musik ein Irrtum oder zumindest nur die Hälfte wert wäre. In der Kirchenmusik steckt ein eigenes Wahrheitsmoment. Sie führt auf ihre Weise zu Einsichten – wenn es im Deutschen dafür ein Wort gäbe: zu einer Einsicht der Ohren. Sie kann das Erleben einer Evidenz schenken. Sie kann die Erkenntnis sinnliche Wirklichkeit werden lassen, dass man selbst erkannt ist und erhört wird. Dass man eine Seele hat und diese einen unendlichen Wert besitzt, weil sie auf Gott hin geschaffen ist und von ihm erfüllt wird.

Kirchenmusik kann in den Glauben führen. Wem dies jedoch eine zu vollmundige Behauptung wäre, müsste doch zugeben, dass diese Musik in besonderer Weise zur Selbsterkenntnis anstiften kann. Im Spiegel – besser gesagt: im Echo-Raum – dieser Musik wird einem bewusst, wer man ist, in welcher Welt man selbst lebt, wie weit ihr Horizont ist, wie tief sie reicht, welche religiösen Möglichkeiten einem jetzt gegeben oder nicht mehr gegeben sind.

Nach zweitausend Jahren Christentumsmusik kann man sich fragen, was noch kommen mag. Aber wenn sich aus der langen Geschichte der Kirchenmusik eine Lehre ziehen lässt, dann könnte es diese sein: Die christliche Musik ist immer dann vital, eine kulturelle und religiöse Kraft, wenn sie Grenzen überwindet – Grenzen zwischen Völkern und Nationen, zwischen Konfessionen und Religionen, zwischen Sprachen und Stilen, zwischen Heiligem und Profanem, zwischen Kirche und Kultur, zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Glaube und Zweifel. Und dazu darf sie gerne modern sein und Experimente wagen.

Johann Hinrich Claussen, Hauptpastor und Propst in Hamburg

Die Frohe Botschaft der Musik

gitarre_retusch
Patricia Kelly. Bild: Susanna Heraucourt

Hat Kirchenvater Augustinus nun wirklich gesagt, dass singen doppelt beten bedeutet oder nicht? Egal. Einen Gottesdienst ohne Musik, ohne Orgel- oder Posaunenklang mag ich mir nicht vorstellen. Erst recht nicht ohne Gemeindegesang. Und der darf ruhig etwas herzhafter klingen als das Miteinander einiger dünner Stimmchen. „Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich“, war Martin Luther überzeugt. Musik, das war für ihn mehr als nur Begleitung. Die „Wittenberger Nachtigall“, wie der Reformator und Lieddichter genannt wurde, stellte die „singende Verkündigung“ des Evangeliums in den Mittelpunkt seiner neuen Lehre. Dass sich daran nicht wirklich viel geändert hat, lesen Sie auf den Seiten der Evangelischen Zeitung.

Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Zu den Seiten der Evangelischen Zeitung - Sängerin Patricia Kelly erzählt, wie sie mit Musik die Herzen der Menschen öffnet

Reformation und Musik – das gehört untrennbar zusammen!

original-c6f8d790a32c89a6f29ebdaa87202220
"Ich singe Dir mit Herz und Mund" Bild: LVH

Das Singen hat auch für das Christentum von Anfang an große Bedeutung gehabt. Mit Martin Luther wurde es für die Reformation geradezu zum Ausdruck des Glaubens. Die Lieder brachten die Botschaft in die Lande, die Reformation war auch eine Art Singebewegung.

Wird nach evangelischer Spiritualität gefragt, so lässt sich sagen, dass die Musik, das Singen, Kern evangelischer Spiritualität ist und bleibt. Das war im 16. Jahrhundert so und zeigt sich bis heute in Gemeinden ebenso wie auf evangelischen Kirchentagen. Mehr noch als durch seine Schriften hat Martin Luther die neue Lehre über seine Lieder verbreitet. 36 Lieder sind von ihm überliefert, bei 20 hat er selbst die Melodie geschrieben. Es sind Ermutigungslieder und Trostlieder, aber auch liturgische Gesänge. Und siehe da, sie haben sich zum gemeinsamen ökumenischen Erbe entwickelt, auch im katholischen Gesangbuch finden wir Luthers Lieder.

Luther schreibt an Ludwig Senfl: „Denn wir wissen, daß die Musik auch den Teufeln zuwider und unerträglich sei. Und ich sage es gleich heraus und schäme mich nicht, zu behaupten, daß nach der Theologie keine Kunst sei, die mit der Musik könne verglichen werden, weil allein dieselbe nach der Theologie solches vermag, was nur die Theologie sonst verschafft, nämlich die Ruhe und ein fröhliches Gemüte.“ Es sind Texte und Melodien anderer, die unserem Leben Halt geben können, wenn wir keine Ausdrucksform für Glücksgefühle oder erlittenes Leid finden. Da kann ein Lied zum Gebet werden: Wer singt, betet zweifach, sagt Luther.

Für die Reformation wurde das Gemeindelied geradezu zum Kennzeichen des Übertritts zum evangelischen Glauben: Die Gemeinde wurde am Gottesdienst beteiligt! Wort und Musik wurden eins, die Botschaft eine gehörte, gelebte, gesungene. Die Veränderungen vollzogen sich ja nicht schlagartig, sondern Schritt für Schritt. Das Mitsingen wurde zum Ausdruck der theologischen Überzeugung vom Priestertum aller Getauften. Nicht nur der geweihte Priester gestaltet daher die Messe, sondern der ordinierte Pfarrer mit der anwesenden Gemeinde. Die Predigt in deutscher Sprache, sodass die Anwesenden verstehen können. Der Gesang aller als Antwort, als Lob Gottes, als Ausdruck des Glaubens, als Bitte um Gottes Beistand und als gemeinsame Gestaltung der Liturgie.

Von Luther selbst wissen wir, dass er gern gesungen hat und offenbar auch gut. Als „Wittenberger Nachtigall“ wurde er auch bezeichnet. Bei den Instrumenten war er offenbar eher zurückhaltend was Orgel, Trompeten und Pauken betrifft, da griff er lieber zur Laute. Aber davon war der Reformator überzeugt: “Auf böse und traurige Gedanken gehört ein gutes, fröhliches Lied und freundliche Gespräche“. Ein Lied kann uns also Mut machen, Kraft geben, stärken. Wenn wir nicht mehr weiter wissen, traurig sind. Deshalb ist und bleibt es wichtig, Lieder zu tradieren, sie weiter zu geben, damit dann, wenn uns selbst die Worte fehlen, wir unseren Gefühlen Ausdruck geben können. Wo die Lieder verstummen, da verkümmern auch die Seelen.

Aus dem Vorwort von Margot Käßmann

Wir sind evangelisch

„tagesthema plus“ abonnieren

Anmelden
Abmelden