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Bild: epd-Bild/ Alasdair Jardine

Jeden Krieg verraten

Tagesthema 07. September 2014

Deutschlands letzter lebender Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann ermutigt zum Widerstand

Die Lippe abgeplatzt, die Augen geschlossen. Aus einem Betonquader ragt ein Kopf mit Nato-Stahlhelm. So steht Deutschlands erstes Mahnmal für den „Unbekannten Deserteur“ im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus Bremen-Vegesack. Selbst neben der nur 1,20 Meter hohen Stele sieht Ludwig Baumann schmächtig aus. Doch innerlich ist der heute 92-Jährige zum Riesen gewachsen. Zum Riesen mit Rückgrat. Denn vor allem er war es, der über Jahrzehnte trotz massivster Anfeindungen für die Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren und sogenannten „Kriegsverrätern“ gekämpft hat. Letztlich mit Erfolg.

Dem Münchner Journalisten Norbert Joa hat der letzte lebende Wehrmachtsdeserteur jetzt seine Geschichte erzählt. „Niemals gegen das Gewissen“ lautet der Buchtitel, der für den Bremer Baumann auch Leitlinie seines bewegten und bewegenden Lebens ist. Und in dieser Geschichte spielt das Denkmal im Bürgerhaus eine wichtige Rolle. „Es war für mich der letzte Anstoß, mich nicht mehr wegzuducken“, sagt er.

Mit anderen Soldaten desertierte der gebürtige Hamburger 1942 als Marinegefreiter in Bordeaux. Er wurde gefasst, gefoltert, verurteilt. Zehn Monate verbrachte Baumann in der Todeszelle. Dann wurde das Urteil nach Intervention seines einflussreichen Vaters in eine zwölfjährige Zuchthausstrafe umgewandelt. Er kam ins Konzentrationslager, ins Wehrmachtsgefängnis Torgau und ins Strafbataillon - und überlebte.

„Auch im Nachkriegsdeutschland wurden wir als Feiglinge, Drecksäcke und Vaterlandsverräter beschimpft“, erinnert sich Baumann. So in seiner Post vom Dezember 1990: „Schämen Sie sich gar nicht, als Deserteur in die Öffentlichkeit zu treten?“ steht da in dem Brief, der Absender anonym. Und weiter: „Diese Menschen sind für mich die größten Schweine, die damals an der Front ihre Kameraden im Stich ließen.“

„An die Wand damit oder Rübe ab war doch das einzig Richtige für solche Kreaturen ohne Charakter, Gewissen und Kameradschaft“, heißt es in einem Schreiben, das Baumann im März 1994 erreichte. Doch trotz Beleidigungen und unverhohlener Drohungen ließ er nicht locker. Durch seinen Einsatz erfuhr die Öffentlichkeit mehr über die Menschen, die sich der Wehrmacht entzogen. Trotzdem änderte sich das Meinungsbild nur langsam. Und Baumann fehlte zunächst auch die Kraft, den Kampf aufzunehmen.

Denn aus dem Krieg kam er als gebrochener Mann, der das Erbe seines Vaters versoff und sich zunächst wenig um seine Kinder kümmerte. Erst als seine Frau 1966 bei der Geburt des letzten von sechs Kindern starb, übernahm er nach und nach mehr Verantwortung - für seine Familie und auch für den Kampf der überlebenden Deserteure. Und doch quälen ihn bis heute Alpträume. „Ich denke, ich bin begnadigt. Dann wird die Zelle aufgerissen und ich werde zur Erschießung abgeführt“, beschreibt er die Szene, die ihn einfach nicht loslässt.

Kein Wunder. Er ist der einzige Überlebende jener 36 Initiatoren, die 1990 die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz gründeten. Rund 30.000 Deserteure, Verweigerer und „Kriegsverräter“ wurden von der NS-Militärjustiz zum Tode verurteilt, etwa 20.000 hingerichtet. „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben“, lautete Hitlers Weisung.

Was heute unfassbar scheint, war doch Realität: Nach dem Krieg galten noch lange die Unrechtsurteile der NS-Militärjustiz. Der Bundestag hob sie erst 1998 auf. Vier Jahre später beschloss das Parlament dann die pauschale Rehabilitierung von Deserteuren. 2009 tilgten die Abgeordneten alle Urteile der NS-Militärjustiz gegen sogenannte „Kriegsverräter“. Als Verrat galten nach Auffassung der Nationalsozialisten bereits Kontakte von Soldaten zu Kriegsgefangenen, Hilfen für Juden oder kritische Äußerungen über den Krieg.

Dabei gibt es für Baumann "nichts Besseres, als jeden Krieg zu verraten". Mit dieser Überzeugung reist er noch immer als Zeitzeuge durch Deutschland und besucht Schulklassen. Seine Botschaft lautet: Hört niemals auf, selbstständig zu denken. So wie Che Guevara, der zu Baumanns Idolen gehört. Auf seinem Kühlschrank klebt die bekannte stilisierte Silhouette, schwarz-weiß auf rotem Grund.

Lebt gewaltfrei, lasst euch nicht für Kriege missbrauchen - das sind die Kernaussagen in dem Buch, das sich wie ein Vermächtnis liest. "Wir in diesem reichen Land mit unserer Geschichte sind aufgerufen zu gewaltfreiem Handeln, uns für Gerechtigkeit, für das Leben und für den Frieden einzusetzen", sagt Baumann, der zwar zerbrechlich wirkt, aber mittlerweile zur Symbolfigur für den aufrechten Gang geworden ist. "Ist es nicht geradezu Bürgerpflicht, aktiv zu werden?" fragt der Mann mit den weißen Haaren und ergänzt: "Als Widerwort zur Herrschaftsmeinung."

Dieter Sell, epd

„Es gibt keinen gerechten Krieg“

Renke Brahms
 Renke Brahms

In einem ökumenischen Gedenkgottesdienst 75 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges hat der kirchliche Friedensbeauftragte Renke Brahms im Bremer St.-Petri-Dom gewaltfreie Konfliktlösungen gefordert.

Angesichts der Bundestags-Debatte an diesem Tag über Waffenlieferungen in den Irak sagte der Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), kein Konflikt dieser Erde könne mit Gewalt gelöst werden. Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) sagte in einem Gedenkwort, ohne ein UN-Mandat dürfe Deutschland weder direkt noch indirekt militärisch unterstützen.

„Ich will mich nicht daran hindern lassen, mir vorzustellen, dass es gelingen kann, Konflikten anders zu begegnen als mit dauernder Gegengewalt“, sagte Brahms. Er hoffe auf eine Debatte in Deutschland, in der es angesichts der Weltkriege um die besondere Verantwortung der Bundesrepublik für Krisenprävention gehe und nicht um mehr militärische Verantwortung. An dieser Vorstellung halte er fest, obwohl die „vermeintliche Realpolitik“ in eine andere Richtung weise.

„Es gibt keinen gerechten Krieg, es gibt nur einen gerechten Frieden“, mahnte der leitende Bremer Theologe. Deshalb gelte es zuallererst, Menschen Gerechtigkeit zu verschaffen und ihre Lebensverhältnisse zu sichern.

Mehr über das Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren

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