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Bild: epd-Bild

„Wie lautet dein Tischgebet?“

Tagesthema 04. September 2014

Viele Christen in Papua-Neuguinea glauben noch an die Macht der Geister

In Papua-Neuguinea sind inzwischen 90 Prozent der Menschen Christen. Viele Kulturgüter und Traditionen zeugen aber noch von der animistischen Vergangenheit des Landes. Der evangelische Parlamentssprecher will nun die guten und bösen Geister aus dem Land vertreiben – und löst eine Welle der Entrüstung aus.

Traditionell geschnitzte Türstürze hat im Dezember vergangenen Jahres der Sprecher des Parlaments von Papua-Neuguinea, Theo Zurenuoc, aus den Parlamentsgebäude entfernen und zerstören lassen.

Die Gesichter von Geistern waren dem evangelikalen Politiker ein Dorn im Auge. Zurenuoc will weitere derartige Bilder aus dem Gebäude tilgen unter anderen auch einen zehn Meter hohen Totempfahl. Er sieht in diesen Darstellungen und den ihnen anhaftenden Geistern die Ursache für Korruption und Kriminalität in Papua-Neuguinea. Vor allem aber widersprächen diese Darstellungen der inzwischen aus dem christlichen Glauben gewonnenen Identität des Volkes.

Der religiöse Eifer des Parlamentssprechers entfachte eine Welle der Entrüstung. Hier werde wertvolles nationales Kulturgut vernichtet. Vor allem aber sei die Zerstörung der Schnitzereien ein Angriff auf die Tradition des Volkes, empören sich die Kritiker der Aktion. Sie weisen auf die animistische Vergangenheit des Landes hin, dessen Menschen heute zu über 90 Prozent zum christlichen Glauben gehören.

Kraft von den Geistern zum Erwachsenwerden

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Maijupe Par ist Pastor der Evangelisch-Lutherischen Kirche Papua-Neuguineas und lebt jetzt für fünf Jahre Familie in Breklum. Bild: Evangelische Zeitung/ Nommensen

Vergangenheit sei der Glaube an die Geister nicht, erklärt Maijupe Par. Er ist Pastor der Evangelisch-Lutherischen Kirche Papua-Neuguineas. Par lebt jetzt für fünf Jahre im Norden Deutschlands. Im vergangenen Jahr ist er mit seiner Frau und den vier Kindern nach Breklum gezogen. Von dort aus arbeitet er als ökumenischer Mitarbeiter im Zentrum für Mission und Ökumene. Sein Aufgabenbereich: Ökumenisches Lernen.

Während eines Vortrags im Breklumer Christian Jensen Kolleg zeigt Maijupe Par ein Bild vom Parlamentsgebäude seines Heimatlandes. Es ist in der Form eines „Männerhauses“ oder „Geisterhauses“ gebaut. Par berichtet, dass in diesen traditionellen Häusern die Jungen des Landes zu Männern wurden und in einigen Gegenden auch noch werden. Zwei Jahre verbringen sie dort, lernen kämpfen, jagen und was es heißt, als Mann für eine Familie zu sorgen. Für ihr Erwachsenwerden bekommen sie ihre Kraft von den Geistern, die diesen Häusern innewohnen.

Die Jungen ließen sich auf ihren Rücken Spuren von Krokodilsbissen ritzen, so Par. Das sei Ausdruck ihrer Beherrschung gegenüber jeglichem Schmerz und Zeichen ihres gewonnenen Mutes. Jener Brauch beinhalte aber auch eine rituelle Reinigung. Das alte Blut der Mutter und des Kindes müsse dem Blut eines Mannes weichen. An den Ufern des Sepik, wo viele dieser Männerhäuser zu finden sind, ist immer noch der Glaube lebendig, Erde und Himmels seien das Werk einer Krokodilgottheit.

„In jedem Dorf gibt es gute und böse Geister.“

Jedoch sei die Tradition seines Volkes nicht polytheistisch geprägt, erklärt der Theologe aus Papua-Neuguinea im Gespräch mit unserer Zeitung. Nach Göttern in seinem Land gefragt, lacht er und antwortet: „Mindestens 8000.“ Es waren und sind immer noch Ahnen und Geister im Leben seines Volkes allgegenwärtig. Es ist nicht deutlich festzustellen, ob diese Welt der Geister in den christlichen Glauben einbezogen wird oder das Christsein in die alte mythische Welt.

Auch die christlichen Kirchen seien hier nicht eindeutig, so Maijupe Par. So sind Männerhäuser oder Zauberei von ihnen verboten, aber der Glaube an die Kraft von Geistern im Alltag werde geduldet. Zugleich halte der Staat zum Beispiel an den Männerhäusern als kulturelles Erbe fest.

In jedem Dorf gibt es Ahnengeister und Naturgeister. „Ob sie gut sind oder böse, hängt vom Verhalten der Menschen ab“, erklärt Par. Bei Krankheiten oder Unwohlsein werden meist die Geister als Ursache gesehen. Um sie wieder zu besänftigen, werde ihnen Blut von Schweinen gebracht oder man feiere Mahlzeiten mit ihnen.

Auch diese Riten werden von der Kirche abgelehnt, sagt Par. „Aber das bedeutet nicht, dass sie weg sind.“ Die Duldung des Glaubens an Ahnen und Geister hänge auch davon ab, ob sie den Menschen schade oder nicht, beurteilt Maijupe Par die Stellung der Kirchen. So billige man auch die weiße Magie, die Hilfe von glücksbringenden Gegenständen, Hölzern oder Steinen, die an Geisterorten gefunden wurden. Sie werden zum Beispiel um einer guten Ernte willen rituell gewaschen oder es wird mit ihnen gesprochen.

In seiner Zeit als theologischer Lehrer in Papua-Neuguinea fragte Maijupe Par seine Schüler dazu: „Wenn du glaubst, das gute Essen sei von den Geistern, wie lautet dann als Christ dein Tischgebet?“

Von Klaus-Uwe Nommensen - bis 2013 Internetredakteur im EMSZ und derzeit Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Breklum

Zentrum für Mission und Ökumene der Nordkirche

Folklore oder Heiligtum?

Eine indische Statue des Gottes Shiva oder eine kunstvoll bemalte Holzskulptur aus Bali, die den hinduistischen Gott Wishnu auf einem mythischen Vogel zeigt: Solche Bilder wollte ich aus dem Museum für Völkerkunde in Hamburg mitbringen. Um mit schönen Fotos und einem kurzen Text verschiedene Götterfiguren vorzustellen: Die Götter anderer Kulturen eben. Aber nach dem Besuch im Museum frage ich mich: Wäre das angemessen?

Im Dachgeschoss des Hamburger Völkerkundemuseums hat Direktor Wulf Köpke ein helles, weiträumiges Büro. Zur Einrichtung gehören ein massiver chinesischer Ahnenaltar und ein portugiesisches Heiligenhäuschen, in dem neben Kruzifix und Rosenkranz eine Sammlung unterschiedlichster Mini-Objekte verwahrt wird.

Und neben der Eingangstür zum Direktoren-Zimmer steht eine Skulptur vom mikronesischen Nukuoro-Atoll im Pazifik: „Das ist eine Ahnenfigur, ein Familiengott”, erklärt Köpke. Zu Füßen der Statue liegen Blumen. Hier werden fremde Götter offenbar mit Respekt behandelt.

So verändert ein Besuch im Hamburger Museum für Völkerkunde den Blick auf fremde Götter - mehr beim Thema der Woche in der Evangelischen Zeitung

Weltweite Perspektiven

Zwei gewebte Gesichter, eins schwarz und eins weiss.
Zwei gewebte Gesichter, eins schwarz und eins weiss. Bild: Erich Franz 

Innerhalb der hannoverschen Landeskirche hat sich ein dichtes Netzwerk von Partnerschaftsbeziehungen von Kirchenkreisen und Kirchengemeinden sowohl in den Süden der Erdhalbkugel (Südafrika, Tansania, Simbabwe, Äthiopien, Botsuana, Malawi, Zentralafrika, Sudan, Indien, Brasilien, San Salvador, Honduras, Chile und Paraguay) als auch nach Mittel- und Osteuropa (Polen, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, Russland) entwickelt.

Diese Kirchenkreis- und Gemeindepartnerschaften werden durch ein außerordentlich hohes, ehrenamtliches Engagement in den Gemeinden und Kirchenkreisen getragen, sie tragen den globalen Horizont der Kirche als einer weltweiten Weggemeinschaft in die lokalen Zusammenhänge unserer Kirchengemeinden ein.

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Warum wir an Gott glauben

Entsteht die Religion im Gehirn? Dieser Frage gingen in den vergangenen Jahren zahlreiche Wissenschaftler nach. Der Freiburger Neurobiologe Robert-Benjamin Illing hat dagegen für sich eine evolutionsbiologische Antwort gefunden: Er sieht in der Religion ein Instrument der Angstbewältigung.

Säbelzahnkatzen, Pumas, Löwen: Vor rund einer Million Jahren sahen sich unsere Vorfahren regelmäßig großen Raubtieren gegenüber. Nach der ersten Schrecksekunde mussten sie sich verteidigen. Oder ganz schnell wegrennen. „Mit Angstgefühlen sind unsere Vorfahren seit Urzeiten vertraut”, konstatiert der Neurobiologe Robert-Benjamin Illing, der im Universitätsklinikum Freiburg das Neurobiologische Forschungslabor leitet und kognitive Neurowissenschaften lehrt.

Im Zuge der Zivilisations- und Bewusstseinsentwicklung wurde der Mensch jedoch mit neuen Ängsten konfrontiert: Krankheit, Verfall und Tod. Und die brachten ein Problem mit sich: „Anders als vor Schlangen oder Leoparden können wir vor Existenzängsten und Sinnkrisen nicht physisch fliehen, weil sie in uns wohnen”, so der Forscher. Im Rahmen seiner kognitiven Möglichkeiten habe der Mensch diese neuen Ängste deswegen in Mythen gefasst und daraus Religionen entwickelt. „So kann er diesen Ängsten entkommen.”

Die Welt biete nicht nur für viele Lebensformen, sondern auch für vielfältige kognitive Kreationen zahlreiche „ökologische Nischen”, so Illing. „Sie war ein vergleichsweise armseliger Ort, als es in ihr noch keine Seele, kein Ich, keine Werkzeuge, keine Freiheit, keinen Gott gab. Jetzt gibt es all das in ihr dank des Menschen. Und was sich bewährt, entspricht ihrer Hausordnung.”

Der Mensch stelle anhand spärlicher äußerer Wahrnehmungen ständig Vermutungen über Gedanken und Absichten anderer Menschen an. „Mit diesem kognitiven Instrumentarium treten wir auch der Natur gegenüber, wenn wir etwa in Pilzkreisen Feenringe sehen oder Opferriten durchführen, um Vulkane zu besänftigen.”

Illings Ansatz ist also evolutionsbiologischer Natur. „Wie unsere Sinnesorgane entstand auch unser Gehirn nicht aus dem Nichts, sondern als Zwischenergebnis einer Jahrmillionen langen stammesgeschichtlichen Entwicklung.” Während der Evolution sei es zu einer zunehmend spezifischen Anpassung unserer Sinnes- und Gehirnfunktionen an eine immer komplexer werdende Umwelt gekommen. „Um uns darin schnell und sicher zu orientieren, produzieren unsere Sinnes- und Denkorgane unablässig nützliche, aber keineswegs unfehlbare Hypothesen über Dinge, Gesetzmäßigkeiten und Absichten”, erklärt der Wissenschaftler. „Deshalb ist die Welt weder so, wie wir sie sehen, noch so, wie wir sie denken.”

Der evangelische Theologe Prof. Dr. Dirk Evers aus Halle ist übrigens ähnlicher Meinung. Evers ist systematischer Theologe und Mitglied verschiedener Forschungsgesellschaften. Das Verhältnis zwischen Theologie und Naturwissenschaften ist eines seiner Forschungsschwerpunkte.
Auch er vertritt die Auffassung, dass Religion nicht im Gehirn entsteht. Vielmehr bilde sie sich „im sozialen Raum sprachfähiger Subjekte”, im Zusammenleben von Menschen heraus. „Denn im Gehirn entstehen – nach allem, was wir wissen – Muster elektrochemischer Zustände.”

Ist „die Religion” ein sinnvoller Singular? Religiöse Vorstellungen und Verhaltensweisen sollen nach Evers’ Worten gerade für solche Aspekte menschlicher Existenz stehen, die evolutionsbiologisch nicht funktional zu beschreiben sind. Dabei wirft der Wissenschaftler die Frage auf, „ob ‚die‘ Religion überhaupt ein sinnvoller Singular ist, wenn man sich die Vielfalt religiöser und quasi-religiöser Erscheinungen kulturübergreifend vor Augen führt.”

Mit Blick auf das Christentum plädiert Evers dafür, „es nicht als Erweiterung des Weltwissens, sondern als eine Perspektive auf die Wirklichkeit überhaupt” zu sehen, die die menschliche Existenz von der Geschichte Jesu Christi her verstehe.

Evangelische Zeitung, Ausgabe 36

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