2014_09_01

Bild: epd-Bild/ Dieter Sell

Mit Muskelkraft zur Sonne

Tagesthema 31. August 2014

Der Weltraum, unendliche Weiten: „Planeten-Pit“ alias Peter Teichmann startet im oldenburgischen Wüsting zu einer lehrreichen Expedition in die Galaxis. Seinen Spaceshuttle kann er dabei bequem mit einer Hand tragen.

Auf dem Lehrpfad gibt „Planeten-Pit“ eine Vorstellung von Raum und Zeit

Schnell noch die Mütze zurechtrücken, dann ist der Kapitän des „Solar Express“ startklar. Am Steuerknüppel bittet Peter Teichmann alias „Planeten-Pit“ die Mitreisenden um erhöhte Konzentration, wenn die Booster-Raketen zünden. „Könnte ruckelig werden“, warnt der ehemalige Flugingenieur und ergänzt: „Anzeichen von Raumkrankheit und aufkommendes Heimweh unverzüglich melden.“ Dann kann's ja losgehen zur launig-lehrreichen Expedition in das Weltall zwischen Sonne und Pluto. An diesem Sonnabend ist es wieder so weit.

Die Beinmuskulatur muss dann die „Booster-Raketen“ ersetzen. Das Spaceshuttle ist ein Modell und verschwindet nach dem Start in einer schützenden Alubox auf dem Gepäckträger eines der Drahtesel, die als Raumfahrzeug herhalten müssen. Aber den Weg zu den Sternen, den gibt es wirklich - als Planetenlehrpfad im niedersächsischen Wüsting bei Oldenburg im Maßstab 1:1 Milliarde, was die Größe der Planeten und die Abstände zueinander angeht. Und auch „Planeten-Pit“ als Gästeführer auf der Radtour durch das Sonnensystem ist ganz real.

Bevor die Gruppe der unerschrockenen Lehrpfad-Astronauten dann in die Pedale tritt, bekommt jeder Teilnehmer noch einen „Boarding Pass“, auf dem freie Sitzplatzwahl zugesichert wird. Und: „Keine Haftung für verlorene Gepäckstücke.“ Auf den ersten Touren im Frühjahr hat das bisher niemanden geschreckt.

Den Einstieg in den Weg markiert ein Modell der Sonne. Mit einem Durchmesser von knapp 1,40 Meter schwebt sie auf drei Säulen über einer grünen Wiese. Der gelbe Riesenball heizt tatsächlich die Fantasien von Weltraum und unendlichen Weiten an, denn die Kugel aus Titan besteht aus dem Treibstofftank einer alten Ariane-Rakete - zufälligerweise in der richtigen Größe und gespendet einst von der ERNO-Raumfahrttechnik in Bremen.

Der Planetenlehrpfad zwischen Wüsting und Hude wurde vor 20 Jahren eröffnet und war bald Vorbild für viele ähnliche Projekte in Deutschland. So steht die Bronzetafel mit der kirschgroßen Erde hier wie andernorts auch 150 Meter entfernt von der Sonne, der Abstand zum Pluto beträgt rund sechs Kilometer. Teichmann schätzt, dass es in Deutschland etwa 70 derartiger Lehrpfade gibt.

„Die schaffen das, was wir in einem geschlossenen Raum nicht so gut können“, sagt der Leiter des Bremer Planetariums, Andreas Vogel. „Sie vermitteln eine Ahnung von den unglaublichen Größen und Entfernungen im Sonnensystem.“ Bei einem mittleren Abstand von etwa 5,95 Milliarden Kilometern zwischen Sonne und Pluto „macht unsere Vorstellungskraft einfach die Grätsche“, meint „Planeten-Pit.“

Beim Radeln auf dem Pfad wird dagegen körperlich spürbar, wie weit und vor allem auch wie leer der Raum zwischen den Planeten ist. Sonne, Merkur, Venus, Erde und Mars sind nur jeweils ein paar Meter voneinander entfernt. Da kann die Reisegruppe die Räder noch bequem schieben. Aber dann heißt es trampeln: Zwischen den Bronzetafeln von Saturn und Uranus beispielsweise sind es knapp 1,5 Kilometer.

Dieter Sell, epd

Wer sich angesichts dieser Anstrengung die Abfolge der Planeten auf dem Weg partout nicht merken kann, dem schlägt Teichmann eine altbekannte Eselsbrücke: „Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unseren Nachthimmel“, zitiert Käptn Pit den Sinnspruch, dessen Anfangsbuchstaben die Reihenfolge ordnen: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Kommt noch Pluto dazu, der 2006 den Status des „Planeten“ verloren hat, weil er schlicht zu klein ist.

Der zu unserer Sonne nächstgelegene Stern Proxima Centauri ist wiederum fast unvorstellbar weit entfernt - laut Teichmann eine Strecke, die im Verhältnis des Lehrpfades einer Radtour rund um den Globus entspricht. „Mit dem schnellsten uns bekannten Raumfahrzeug wären es 50.000 Jahre“, begegnet der Bremer Astronom Vogel Fantasien, die Menschheit könnte bald ein Ausweichquartier erobern. Die Erde sei einzigartig, betont er. „Wir können keine zweite aus dem Hut zaubern.“

Das Gute liegt so nah, meint denn auch Teichmann und erzählt von seinen Erlebnissen in 30 Berufsjahren und 16.000 Flugstunden bei der Lufthansa. Auf Langstrecken hat er den blauen Planeten fast komplett von oben gesehen - und lieben gelernt. „Wir sollten mit unserer Erde vorsichtig umgehen“, warnt er am Ende der Tour. Dreck ohne Ende in die verletzliche Atmosphäre zu pusten, das sei ein gewagtes Experiment: „Wäre die Erde ein Ball mit einem Meter Durchmesser, wäre die wetteraktive Atmosphäre so dünn wie Frischhaltefolie.“

Dieter Sell, epd

Beispiele für Planetenwanderwege in Deutschland und Europa auf der Seite des Bremer Planetariums

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