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Bild: epd-Bild/ Detlef Heese

Amelie ist ein Geschenk

Tagesthema 17. August 2014

Ferienbetreuung für schwerbehinderte Kinder in der Petrusgemeinde Osnabrück

Carina (20) legt ein zerknittertes Blatt Papier auf den Tisch an Amelies Rollstuhl. Mit ungelenken Bewegungen wischt die Sechsjährige mit dem Arm über die Platte. Endlich segelt das Papier auf die Erde. Amelie blickt ihre Betreuerin Carina herausfordernd an und lacht lautlos mit weit offenem Mund. „Sie liebt es, Dinge herunter zu werfen“, erklärt Carina. Die lutherische Petrusgemeinde in Osnabrück bietet seit Jahren Ferienbetreuung für Kinder an. Amelie ist die erste Teilnehmerin mit einer schweren körperlichen und geistigen Behinderung.

Carla hebt das Papier auf und legt es Amelie wieder auf den Tisch. Die Zehnjährige findet es „gut, dass Amelie hier ist“. Amelie ist ein zartes, kleines Mädchen. Mit ihren kurzen braunen Haaren und den großen Augen zieht sie alle im Gemeindehaus der Petrusgemeinde in ihren Bann: „Sie ist ein Geschenk für uns“, sagt Diakon Jörg-Christian Lindemann. Er hat das Projekt „Jedes Kind braucht einen Engel“ ins Leben gerufen. Außer der Ferienbetreuung bietet er mit einem großen Team von Ehrenamtlichen in der Schulzeit auch Mittagessen und Hausaufgabenhilfe an.

Für die Eltern von Amelie ist das Engel-Projekt ein Segen. Denn was für berufstätige Eltern nichtbehinderter Kinder mittlerweile relativ einfach ist - eine Ferienbetreuung zu finden - stellt Eltern behinderter Kinder immer wieder vor Probleme. Zwar haben sich viele kirchliche oder kommunale Initiativen auf die inklusive Betreuung von behinderten und nichtbehinderten Kindern eingestellt, sagt Rainer Dillenberg von der Bundesvereinigung Lebenshilfe in Berlin. Für mehrfach schwerbehinderte Kinder wie Amelie sind Betreuungsplätze jedoch rar. Amelie kann sich nur schwer verständlich machen, muss gewickelt und gefüttert werden und braucht eine feste Betreuungsperson.

„Wir haben uns in den letzten Jahren ein privates Netzwerk von Betreuern aufgebaut, damit wir die Zeiten überbrücken können, in denen Amelie Kindergartenferien hat“, sagt Mutter Monika Sprehe. Ab September entspannt sich die Situation etwas. Amelie besucht dann eine Förderschule, die eine Ferienbetreuung im Programm hat. Glück für das Ehepaar Sprehe-Hörmeyer. Denn das ist nicht selbstverständlich. Aus Gesprächen mit anderen Eltern wissen sie: „Der Bedarf an Betreuungsplätzen außerhalb der Schulzeit ist riesengroß.“

Im vergangenen Jahr hatten sie es mit der Caritas-Einrichtung für Kinder-Kurzzeitwohnen „Lummerland“ versucht. Die nächstgelegene befindet sich im westfälischen Warendorf, rund 40 Kilometer von Osnabrück entfernt: „Die haben sich zwar toll gekümmert. Aber die Fahrerei war uns dann doch zu aufwendig“, sagt Monika Sprehe. Zudem hätte Amelie dort mindestens einen Tag übernachten müssen.

Dillenberg weiß, dass es zu wenige wohnortnahe Kurzzeitpflegeplätze für Kinder gibt. Doch er kennt auch die Probleme: „In der Ferienzeit ist der Andrang groß. In der übrigen Zeit sind sie nicht ausgelastet.“ In Schleswig-Holstein hätten eben deshalb jüngst zwei Einrichtungen wieder schließen müssen. Birte Stuckstedte vom „Lummerland“ bemängelt dennoch, dass die meisten Bundesländer den Bau solcher Häuser nicht unterstützen. Einzig Nordrhein-Westfalen sei gut ausgestattet.

Dass Amelie nun in der Petrusgemeinde die Ferienbetreuung genießen kann, ist eher einem Zufall zu verdanken. Carina Neumann hatte 2012 in Amelies Förder-Kindergarten ein einjähriges Praktikum absolviert. Sie mochte Amelie gleich und beschäftigt sich mit ihr nun auch einmal in der Woche zu Hause. In der Ferienbetreuung des Engel-Projekts engagiert sich die angehende Ergotherapeutin schon seit 2008. Da lag es nahe, in diesem Sommer erstmals beides zu kombinieren. „Die anderen jugendlichen Ehrenamtlichen, die Kinder und auch alle Eltern unterstützen den Versuch“, sagt Diakon Lindemann: „Es gab keine einzige skeptische Stimme.“

Martina Schwager, epd

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